Coronapandemie Antiasiatischer Rassismus in Deutschland weitverbreitet

Antiasiatische Ressentiments sind in Deutschland bislang kaum erforscht. Nun haben Wissenschaftler Betroffene nach ihren Erfahrungen seit Pandemiebeginn befragt.
Eine Demonstrantin auf einer Anti-Rassismus-Demo in Berlin im vergangenen Sommer

Eine Demonstrantin auf einer Anti-Rassismus-Demo in Berlin im vergangenen Sommer

Foto: Stefan Boness/Ipon/ imago images/IPON

Sie werden bespuckt, beleidigt oder gar attackiert: Seit Beginn der Coronapandemie hat laut einer Befragung  jede zweite befragte Person mit asiatischem Migrationshintergrund in Deutschland Rassismus erlebt. Das geht aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Humboldt-Universität zu Berlin, der Freien Universität Berlin und des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) hervor.

Als »anders« oder »gefährlich« stigmatisiert

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben antiasiatische Ressentiments in der Bevölkerung sowie eigene Erfahrungen mit Rassismus bei etwa 4500 Personen abgefragt, darunter Menschen mit und ohne asiatischen Migrationshintergrund.

  • 49 Prozent der Befragten mit asiatischem Migrationshintergrund gaben demnach an, während der Coronapandemie selbst Rassismus erlebt zu haben.

  • 62 Prozent berichten von verbalen Beleidigungen, elf Prozent von körperlichen Angriffen, darunter etwa »gestoßen werden«, »bespuckt werden« oder »mit Desinfektionsmittel besprüht werden«.

  • 27 Prozent berichten auch von institutionellem Rassismus – wie der Abweisung in Arztpraxen.

Die Forschenden führen die Angriffe auf Vorurteile und rassistische Narrative gegenüber Menschen zurück, denen eine asiatische Herkunft zugeschrieben wird. Die als asiatisch angesehenen Personen würden als »anders« oder »gefährlich« stigmatisiert – und vor allem seit Ausbruch der Coronapandemie für die Verbreitung von Krankheiten verantwortlich gemacht. »Die Coronapandemie hat bestehende Ablehnung gegenüber als asiatisch wahrgenommenen Menschen neu ans Tageslicht gebracht«, sagt der Politikwissenschaftler Christoph Nguyen, der zusammen mit anderen Forschenden in dem Projekt gearbeitet hat.

Unter allen Befragten stimmten insgesamt 15 Prozent der Befragten der Aussage zu, Asiaten und Asiatinnen seien »für die rasante Ausbreitung der Coronapandemie in Deutschland verantwortlich«. Unter den Befragten, die sich selbst als »weiß« einstufen, bejahte zudem jeder Zehnte, er oder sie »fände es unangenehm, wenn ein ›asiatischer‹ Mensch Teil meiner Familie werden würde«.

»Hassbotschaften am Arbeitsplatz«

Längerfristige Studien zu antiasiatischem Rassismus in Deutschland gibt es bislang nicht, das Phänomen wird kaum erfasst. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes registriert  allerdings immer mehr Diskriminierungserfahrungen im Zusammenhang mit der Coronakrise. So haben sich die Anfragen 2020 im Vergleich zum Vorjahr von rund 3.600 auf mehr als 6.000 Fälle verdoppelt.

Etwa jede vierte Anfrage bezog sich auf Diskriminierungen in Verbindung mit dem Coronavirus – häufig gegen Menschen mit einer vermeintlich asiatischen Herkunft. »Betroffene berichten auch von Hassbotschaften am Arbeitsplatz, verweigerten Dienstleistungen oder Terminabsagen beim Arzt, weil sie (vermeintlich) einen chinesischen Migrationshintergrund haben«, skizziert die Antidiskriminierungsstelle einige Beispiele.

mrc