Deutschland-Besuch Obama preist Berlin als Symbol für Hoffnung und Freiheit

Kanzlerin, Außenminister, Bürgermeister - Barack Obama hüpft in Berlin von Termin zu Termin. Hunderttausende Fans stehen jetzt Schlange für seine Show an der Siegessäule. Eine erste Botschaft hat er dem Publikum schon hinterlassen: im Gästebuch der Hauptstadt.

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Berlin - Klaus Wowereit bekommt 17 Minuten. In der Bibliothek des Nobelhotels Adlon empfängt ihn Barack Obama zum kurzen Plausch, für den der Regierende Bürgermeister extra seinen Mittelmeerurlaub unterbrochen hat. Gestern Abend noch lauschte der SPD-Politiker am Fuße der Akropolis dem Abschiedskonzert der griechischen Sängerin Nana Mouskouri. Heute Morgen dann jettete er aus Athen nach Berlin, um den designierten Präsidentschaftskandidaten bei seiner Hauptstadt-Visite zu sehen. Gute zwei Stunden dauert der Flug.

Wowereit ist begeistert nach der Blitzbegegnung. "Ein sehr charismatischer Mensch, das merkt man schon in den ersten Sekunden", schwärmt das Stadtoberhaupt, als er am Nachmittag vor dem Adlon den wartenden Journalisten von dem Treffen erzählt. "Er ist sehr charmant und strahlt etwas aus, das die Menschen bewegt."

Kurz vorher kursiert unter den Journalisten noch das Gerücht, Wowereit könnte gemeinsam mit Obama zur spontanen Pressekonferenz vor seine Unterkunft kommen. Doch der Bürgermeister kommt allein. Wenn es nach ihm, Obama, gegangen wäre, "er wäre sicher gern mit mir jetzt durchs Brandenburger Tor spaziert", sagt Wowereit. Aber es gebe eben auch Sicherheitsbedenken. Ein Blick durchs Fenster auf das Tor muss daher reichen.

Auch von der kleinen Obama-Sightseeingtour an geschichtsträchtige Orte der Stadt ist längst keine Rede mehr. Stattdessen wird am Nachmittag bekannt: Der Senator aus Illinois macht sich für seine abendlich Rede an der Siegessäule fit - bei einem Abstecher ins Fitnessstudio des Luxushotels Ritz Carlton am Potsdamer Platz. In T-Shirt, schwarzer Trainingshose und weißen Turnschuhen wird der US-Politiker dort gesichtet, lächelnd winkt er Touristen und anderen Schaulustigen zu.

Vorher hat sich Obama ins Gästebuch der Stadt Berlin eingetragen. Das liegt sonst im Roten Rathaus aus. Aber weil Obama dort nicht auftreten will, bringt es Wowereit kurzerhand ins Adlon mit. Auf Englisch schreibt Obama: "Herzlichen Dank an den Bürgermeister dieser großartigen Stadt und an alle Mitarbeiter für diesen offenherzigen Empfang. Berlin ist ein Symbol für den Sieg der Hoffnung über die Angst und dafür, dass es unmöglich ist, Menschen in ihrem Streben nach Freiheit zu trennen. Lassen sie uns gemeinsam auf dieser bemerkenswerten Geschichte aufbauen."

Auch ein Geschenk für den Gast hat Wowereit im Gepäck: eine Bärenfigur der traditionsreichen Königlichen Porzellan Manufaktur (KPM) Berlins. Für tiefschürfende Gespräche dagegen bleibt keine Zeit. Wowereit berichtet von einem Austausch über Berlins wirtschaftliche Situation und Fragen der Integration. Denn letzteres sei schließlich auch eine Herausforderung in den USA.

Die für den Abend an der Siegessäule geplante Grundsatzrede Obamas zum transatlantischen Verhältnis will sich der Bürgermeister live vor Ort ansehen. Um 16 Uhr öffneten sich dort die Tore für die Besucher - und schon jetzt strömen Zehntausende über die Straße des 17. Juni zum Großen Stern.

Die Einlasskontrollen sind extrem streng, schnell bilden sich dort an den Zugängen zur besonders gesicherten Zone nahe der Bühne lange Schlangen mit Wartezeiten von mehr als einer halben Stunde. Die Organisatoren des Obama-Teams hatten die Menschen vorher aufgefordert, aus Sicherheitsgründen möglichst auf Taschen zu verzichten. Plakate und Transparente sind verboten. Vor Beginn der Rede um 19 Uhr sollen Konzerte die Fans unterhalten.

Obama war am Morgen auf dem militärischen Teil des Flughafens Tegel gelandet. Anschließend empfing Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ihn im Kanzleramt. Am frühen Nachmittag traf der Senator Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) im Auswärtigen Amt. Merkels Sprecher Ulrich Wilhelm sprach anschließend von einem "sehr offenen und in die Tiefe gehenden Gespräch in sehr guter Atmosphäre".

Bei beiden etwa einstündigen Treffen ging es vor allem um außenpolitische Fragen: Im Mittelpunkt standen die internationalen Krisenherde wie Afghanistan, Iran und Nahost. "Ich habe auch bei diesem Gespräch noch mal festgestellt, das unsere Philosophie der Außenpolitik "Kooperation statt Konfrontation" auch Ziel seiner außenpolitischen Vorstellungen ist", sagte Steinmeier später.

Es sei darum gegangen, wie Europa und die USA in einer Welt, die nach einer neuen Ordnung suche, gemeinsam handeln könnten und "aus meiner Sicht sogar handeln müssen". Steinmeier warb nach Angaben eines Sprechers für eine verstärkte transatlantische Zusammenarbeit bei Umwelt, Klima und Abrüstungskontrolle.

Obama äußerte sich weder nach dem Gespräch mit Merkel noch nach dem mit Steinmeier - zumindest nicht inhaltlich. Ein Satz allerdings ist vom Termin im Auswärtigen Amt überliefert: "Ich liebe Berlin", soll Obama verkündet haben.

Später lässt sein Chefberater Robert Gibbs wissen, dass Obama die Gespräche als sehr freundschaftlich empfunden habe. Der Präsidentschaftskandidat habe einen Überblick über seine bisherige Reise gegeben, die ihn durch Afghanistan, den Irak und Nahost führte. Besonders betont habe er, dass Iran nicht über Atomwaffen verfügen dürfe.

Der Senator habe zudem die führende Rolle Merkels beim internationalen Klimaschutz gewürdigt und sein eigenes Ziel bekräftig, den amerikanischen Treibhausgas-Ausstoß bis 2050 um 80 Prozent zu verringern, so Gibbs.

Für die vielen Schaulustigen bleibt der Senator bis zur geplanten großen Obama-Show am Abend weitgehend unsichtbar. Mehr als ein kurzes Winken aus dem Fond des weißen SUV in der Wagenkolonne, vom Balkon des Kanzleramtes oder am Hintereingang des Adlon - mehr ist nicht zu erhaschen.

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