Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,

heute beschäftigen wir uns mit dem abgelaufenen Jahrzehnt und den Folgen.

Die beherrschende Emotion des Jahrzehnts, das heute zu Ende geht, war die Wut. Nichts hat die Politik in westlichen Ländern so verändert wie die Wut eines großen Teils der Bürger. Donald Trump ist ein Phänomen der Wut, der Brexit, die AfD, die Gelbwesten in Frankreich.

Dafür gibt es zwei Ursachen:

  • Zum einen fühlt sich ein Teil der Bürger nicht mehr von den klassischen Politikern vertreten. Die waren eher darauf bedacht, Wut einzudämmen, manchmal zu ignorieren. Der Typus des ruchlosen Populisten, der sich in den Zehnerjahren breitgemacht hat, nimmt die Wut hingegen auf, bestärkt und verstärkt sie. Dazu gehören Donald Trump, Boris Johnson, Matteo Salvini, Björn Höcke, Heinz-Christian Strache.
  • Zum anderen hat sich in den Zehnerjahren das Internet mit seinen sozialen Netzwerken durchgesetzt. Dies ist ein Forum, in dem sich die Wut weitgehend ungefiltert austoben kann und gesellschaftliche Debatten prägt.

Es ist deshalb passend, dass das erste "Wort des Jahres" im abgelaufenen Jahrzehnt "Wutbürger" war. Im Oktober 2010 war im SPIEGEL ein Essay zu dieser neuen Sozialfigur erschienen. Der Begriff war umstritten, weil er auch diffamierend verstanden wurde, als Brandmarkung der Unverstandenen. Der Begriff sei ein Teil des Problems, das er benennt.

Das kann man so sehen, aber im Wort Wutbürger steckt immerhin noch der Bürger in seiner politischen Gestalt, also als jemand, der das politische Geschehen verfolgt, sich eine Meinung dazu bildet und dementsprechend handelt. Zum Bürger gehört, dass er eine Meinung hat, die sich ändern kann. Am Ende dieses Jahrzehnts des Wutbürgers ist die Frage, ob der Begriff noch erfasst, was in Teilen der Bevölkerung passiert, vor allem am rechten Rand.

"Hutbürger": 2018 wurde ein Pegida-Demonstrant zum Sinnbild des deutschen Wutbürgers

"Hutbürger": 2018 wurde ein Pegida-Demonstrant zum Sinnbild des deutschen Wutbürgers

Foto: Robert Michael/ DPA

Es spricht einiges dafür, dass der Fan den Wutbürger ersetzt. Das klingt harmlos, ist aber in Wahrheit eine Verschlechterung. Denn damit ziehen die Gesetze der Arena in die Politik ein.

Die Arena, das Fußballstadion, ist ein Ort der unbeirrbaren Emotionen. Das Muster ist immer gleich. Die eigene Mannschaft, das sind die Guten, ob sie nun schlecht spielen, brutal foulen oder unverdient gewinnen - ihnen gehört die kochende Zustimmung ihrer Fans. Auch dafür gibt es Grenzen, aber die sind weit gesteckt.

Die andere Mannschaft, das sind die Bösen, ob sie nun schön spielen und verdient gewinnen, sie werden geschmäht und gehasst. Auch da gibt es Ausnahmen, aber die sind selten. Die Arena bestätigt sich fast immer selbst, weitgehend unbeeindruckt von den Fakten.

Das ist zunehmend auch in der Politik zu beobachten. Trump kann lügen, dummes Zeug schreiben, seine Staatsmacht missbrauchen, ein Teil seiner Anhänger verzeiht ihm alles. Hauptsache, er bleibt der Exponent ihrer Wut. Straches FPÖ hat nach dem Ibiza-Skandal zwar Stimmen verloren, aber 16 Prozent der österreichischen Wähler fanden immer noch, dass diese Partei ins Parlament gehört. Das sind die Fans.

Donald Trump: Seine Fans bleiben ihm treu

Donald Trump: Seine Fans bleiben ihm treu

Foto: NICHOLAS KAMM/ AFP

Fans sind auch die Wähler der AfD, die vielleicht nicht selbst rechtsextrem denken, aber in Kauf nehmen, dass ein Teil des Spitzenpersonals der Partei dies getan hat oder immer noch tut. Hauptsache, sie sind die Exponenten ihrer Wut. Andere Fakten, auch wesentliche, spielen dann kaum eine Rolle.

In der politischen Geschichte gehört der Fan nicht zur Demokratie, sondern zum Faschismus. Der setzte am stärksten von allen politischen Systemen auf die Emotionalisierung, auf die Gesetze der Arena, zu denen ja auch die bedingungs-, also gedankenlose Gefolgschaft gehört. Beim Fußball allerdings gibt es noch ein demokratisches Element, weil in der Arena zwei bedingungslose Gefolgschaften aufeinander treffen und einen offenen Streit austragen, Rot-Weiß gegen Gelb-Schwarz. Das lässt der Faschismus nicht zu. Alles braun.

Sollte sich ein immer größerer Teil von Bürgern in Fans verwandeln, ist die Versuchung des Faschismus unausweichlich. Wer Emotionen steuern kann, hat die wirklich große Macht. Man sollte nicht darauf wetten, dass die Populisten dem widerstehen.

In den Zwanzigerjahren, die um Mitternacht beginnen, wird es für die liberalen Demokratien darauf ankommen, dass der Anteil der Fans klein bleibt oder wieder schrumpft. Wie das geht? Die Wut ernst nehmen, ohne ihr nachzulaufen, Bildung, Bildung, Bildung, Gerechtigkeit.

Das ist eine enorm schwierige Aufgabe, aber es ist die wichtigste von allen.

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Ich wünsche Ihnen einen guten Rutsch, ein wunderbares Jahr 2020 und großartige Zwanzigerjahre.

Ihr Dirk Kurbjuweit

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