Umfrage Ein Viertel der jungen Deutschen wünscht sich "starken Führer"

Unter 30-Jährige in Ost und West sind ähnlich politikverdrossen: Viele glauben, keinen Einfluss auf die Regierung zu haben, manche sehen die Demokratie skeptisch - und wünschen sich mehr autoritäre Führung.
Foto: mbbirdy/ Getty Images

Die Politikverdrossenheit unter 18- bis 29-Jährigen ist im Westen wie im Osten Deutschlands ähnlich hoch. Laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Otto-Brenner-Stiftung glauben über 60 Prozent aller Befragten, dass sie "keinen Einfluss darauf haben, was die Regierung macht". Unter den ostdeutschen Befragten sind es mit 67 Prozent noch mal drei Prozentpunkte mehr als bei den Westdeutschen.

Außerdem finden 26 Prozent der jungen Erwachsenen im Osten und 23 Prozent im Westen, dass es "einen starken Führer" geben sollte, "der sich nicht um Parlamente und Wahlen kümmern muss". Dabei gaben nur weniger als die Hälfte an, dass sie dieser Aussage "überhaupt nicht zustimmen".

"Die Demokratie ist die beste Staatsform" - dieser Aussage stimmen im Osten 19 Prozent nicht zu, im Westen sind es zwölf Prozent der Befragten.

In der Studie, die dem SPIEGEL vorliegt, geht es um die Generation der sogenannten Nachwendekinder, also jene jungen Erwachsenen, die die DDR nicht mehr miterlebt haben.

Die Forscher haben eine repräsentative Online-Umfrage mit 2183 Teilnehmern ausgewertet und im Frühjahr 2018 mit 30 Nachwendekindern aus Ost und West Tiefeninterviews geführt.

Demnach haben die Gemeinsamkeiten zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen seit der Wende deutlich zugenommen:

  • Bei den 18- bis 29-Jährigen gebe es die vielzitierte "Mauer in den Köpfen" zwar noch, heißt es in der Studie. Aber: "Sie ist - sinnbildlich gesprochen - nicht mehr so hoch und fest zementiert wie in vorherigen Generationen."
  • Junge Erwachsene blicken überall ähnlich optimistisch in ihre Zukunft. Im Osten bewerten sie allerdings die wirtschaftliche Lage ihrer Region und die eigenen Jobaussichten schlechter als im Westen.
  • Außerdem identifizieren sich die ostdeutschen Befragten deutlich mehr mit ihrer Herkunft. 65 Prozent sagen, dass es einen Unterschied mache, aus welchem Teil Deutschlands man komme (im Westen sagen das nur 41 Prozent). So antworten 22 Prozent auf die Frage, als was sie sich am ehesten fühlen: "Ostdeutscher" - und nicht "Deutscher". Im Westen sagten das mit Blick auf ihre westdeutsche Herkunft nur 8 Prozent.
  • Zudem empfinden die ostdeutschen Befragten Deutschland als ungerechter. So antworten hier 57 Prozent, dass sie der Aussage "eher" oder "voll und ganz" zustimmen, dass es in Deutschland ungerecht zugeht; im Westen sind es 46 Prozent. Zwei Drittel der Westdeutschen sind unter anderem für eine stärkere Besteuerung von hohen Einkommen und Vermögen, bei den Ostdeutschen sind es sogar 74 Prozent.

Die Forscher schlussfolgern, dass die Unterschiede zwischen den Nachwendekindern "vorwiegend Ursachen haben, denen mittels politischer Maßnahmen entgegengewirkt werden" könne.

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