SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

12. Oktober 2016, 17:56 Uhr

Sicherheit in Deutschland

Aus Fremden Bekannte machen

Ein Kommentar von

Warum es wichtig ist, nach Deutschland Geflüchtete zu kontrollieren, auch mithilfe internationaler Geheimdienste - und ihnen dann besser dabei zu helfen, loyale Mitbürger zu werden.

Was bedeutet es für die Sicherheit in Deutschland, wenn ein gesuchter Terrorverdächtiger nicht von der Polizei ergriffen, sondern von syrischen Flüchtlingen ausgeliefert wird, bei denen er zunächst untertauchen konnte?

Es bedeutet, dass Deutschland angewiesen ist auf die Kooperation mit den zu uns Geflüchteten. Wir benötigen ihre Wachheit, ihre Loyalität, um diejenigen zu finden, die das bürokratische Chaos im Flüchtlingsstrom nutzen, um Unfrieden nach Europa zu tragen.

Die Sicherheitskräfte sind kaum in der Lage, die Dynamik in Notunterkünften und sozialen Foren zu verstehen. Sie haben keinen Zugang zu den Netzwerken der Neuankömmlinge, in denen verhandelt wird, wie man in Deutschland überlebt. Das kann gut laufen, wie bei der Suche nach Jaber Albakr, als ins Arabische übersetzte Aufrufe und Fahndungsfotos zu dessen Festnahme führten. Es kann schlecht laufen, wenn sich etwa nordafrikanische Grabscher wie an Silvester 2015 auf der Domplatte in Köln verabreden.

Ein Generalverdacht gegen Flüchtlinge wäre deshalb das Gegenteil von hilfreich. Es würde diejenigen, die noch nicht eindeutig hier angekommen sind, leicht in die Arme der Gewalttäter und Zersetzer treiben.

Ausnutzen der Schwachstellen

Die allermeisten der zu uns Geflüchteten sind Menschen, die nichts wollen als einen Neuanfang. Aber Ankommen ist schwer. Die Fremdheit zu überwinden, ein Auskommen zu finden, die Sprache zu lernen, sind Herausforderungen, denen viele nicht gewachsen sind. Ihre Frustration auszubeuten ist dagegen leicht. Die Strategen des Terrors wissen das.

Die Deutschen fühlen sich bedroht durch das Unbekannte, das mit den fremden Menschen kam, und sie machen die Politik dafür verantwortlich, persönlich die Kanzlerin Angela Merkel. Dass massenhafte Migration und Fluchtbewegungen die neue Realität sind in Zeiten von Globalisierung und neuen Machtverschiebungen, dass wir alle damit werden umgehen müssen, lässt sich kaum vermitteln.

Die Frage ist also, wie gut werden wir darin sein, diese vielen Menschen, die so anders großgeworden sind als wir, aufzunehmen? Eine Regierung kann Betten, Schulen, Sozialleistungen, Beratung bereitstellen. Wirklich aufnehmen können nur wir sie, die Bürger, wenn wir sie zu Kollegen, Freunden, Patenkindern machen.

Die Syrer, Afghanen, Iraker flohen vor Kriegsverbrechern und Extremisten, von denen sich nun auch einige hier unter sie geschmuggelt haben. Das kann man den Redlichen unter den Geflüchteten nicht vorwerfen. Um die Verbrecher und Terroristen zu identifizieren, benötigen wir jedoch mehr Sicherheit und vor allem mehr Integration.

Patenschaften helfen

Das haben viele Deutsche verstanden. Doch die Regierung konnte bisher nicht gut erklären, wie die große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung effektiv koordiniert werden könnte, zum Beispiel durch Patenschaften. Wenn intakte Familien nur einen Geflüchteten begleiteten, wenn die etwa 400.000 Minderjährigen unter ihnen jeweils einen Paten fänden, die ihnen erklärten, wie Deutschland funktioniert, kann die Bundesrepublik diese Herausforderung meistern.

Der Staat sollte sich als stark erweisen. Es wird die Ängste vor dem Fremden mindern, wenn die Behörden lückenlos wissen, wer im Land ist. Dazu ist eine Sicherheitsüberprüfung von Neuankömmlingen aus Kriegsgebieten eigentlich selbstverständlich, und es sollte zur Routine gehören, im Austausch mit internationalen Geheimdiensten und Behörden nach Fingerabdrücken und Iris-Screens zu fragen, wie es der Chef der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt fordert. Das erhält am Ende die Freiheit für alle, die diese verteidigen wollen.

Die Autorin ist in einem selbst initiierten Integrationsprojekt für geflüchtete Minderjährige engagiert. ThePoetryProject


Mehr zum Thema Terrorverdächtige unter Flüchtlingen lesen Sie hier.

Weitere Hintergründe zum Terrorverdächtigen aus Chemnitz lesen Sie hier.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung