Deutsche im Sicherheitswahn Mein Haus, meine Festung

Videokameras, Alarmanlagen, Schreckschusswaffen - weil Panikmacher die Bedrohung größer machen, als sie ist, rüsten die Bundesbürger auf wie nie. Wann ist sicher eigentlich sicher genug?
Eine Alarmanlage zeichnet die Bewegungen eines Einbrechers auf - Nachstellung in der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle in Hamburg

Eine Alarmanlage zeichnet die Bewegungen eines Einbrechers auf - Nachstellung in der Kriminalpolizeilichen Beratungsstelle in Hamburg

Foto: Daniel Bockwoldt/ dpa

Dieser Text ist ein modifizierter Auszug aus dem Buch "Panikmache" von SPIEGEL-Redakteur Jörg Schindler, das am 25. August im Fischer-Verlag erschienen ist.


Im Hallenstadion zu Zürich blicken Hunderte Augen auf die Menschen herab. Sie registrieren jede Bewegung. Sie sind eingebaut in Schwenk- und Neigekameras, in wetter- und feuerfeste Kameras, in Bullet-, Box- und Fixdomekameras. Sie liefern zum Teil gestochen scharfe Bilder an die Monitore, die in vier Messehallen verteilt sind. Auf der "Sicherheit" kann man sich selbst nicht entkommen.

Es ist bereits die 20. Leistungsschau der Security-Branche in der Schweizer Metropole. 200 Aussteller, 10.000 Besucher, die Geschäfte laufen gut. Sie laufen immer besser. Die Anbieter strotzen vor Selbstbewusstsein.

Siemens belegt einen Gutteil von Halle3 und zeigt dort, wie sich ein Haus flugs in einen Hochsicherheitstrakt verwandeln lässt. Hier ein paar Boden- und Radarsensoren, da ein Mikrowellenbewegungsmelder, dazu Lichtschranken, Laserscanner, Kameras - fertig ist die Festung. Es blinkt, surrt und vibriert, Rauchmelder melden Rauch, Feuermelder Feuer.

Für jeden Angriff gibt es hier eine Abwehr. Für jedes Problem eine "intelligente" Lösung. So wie die Venenbiometrie, die einem im Handumdrehen die Wohnungstür öffnet, sofern es die eigene Hand ist. Wer es mit seiner Sicherheit ernst meint, setzt auf Hightech im Überfluss. Es ist, als spazierte man durch den feuchten Traum eines Despoten.

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Messen wie die in Zürich gibt es inzwischen mehrmals pro Woche. Allein in Deutschland präsentiert sich die Anti-Angst-Branche Dutzende Male im Jahr. Die Nachfrage ist gewaltig - sie steigt quasi im Gleichschritt mit dem Bedrohungsgefühl der Bevölkerung. Ein Wachstum, das so krisensicher ist wie kaum ein anderes.

Zwar sinkt bei den meisten Delikten die Kriminalitätsrate, aber viele Deutsche glauben das Gegenteil. Fast jeder Sechste gibt in Umfragen an, inzwischen regelmäßig mit Pfefferspray, Taschenmesser und Schreckschusspistole unterwegs zu sein. Der Markt für Überwachungskameras wächst seit Jahren. Keiner hat all die Linsen gezählt, die rund um die Uhr auf größtenteils unbescholtene Bürger gerichtet sind. Mindestens eine halbe Million sind es schätzungsweise schon jetzt.

Gesichtserkennung per Video

Wenn es nach der Bundesregierung geht, sollen es noch viel mehr werden. Und noch viel bessere. Gerade erst hat Innenminister Thomas de Maizière (CDU) für Bahnhöfe und Flughäfen Kameras ins Spiel gebracht, die zweifelsfrei Gesichter in einer Menschenmenge identifizieren sollen. Die nächste Generation dieser Anlagen wird dann sogar Emotionen deuten und hinter auffälliger Mimik böse Absichten erkennen. Auch die Bundesregierung lässt daran forschen.

Einen Großteil der Bürger weiß sie dabei auf ihrer Seite: Anfang 2016 ergab eine Infratest-Dimap-Umfrage, dass 82 Prozent der Menschen gerne mehr Videoüberwachungsanlagen im Land sähen .

Und das alles wirklich nur, um vor Bösewichten sicher zu sein? Es ist mehr als das, glaubt der Soziologe Zygmunt Bauman. Tatsächlich nähmen immer mehr Menschen eine "gespenstische Unsicherheit der allgemeinen Lebensbedingungen" wahr, denen sie sich machtlos ausgeliefert fühlten. Diejenigen, die es sich leisten könnten, versuchten, sich mithilfe der "Haute Couture der Sicherheitsindustrie" schadlos zu halten. Der Glaube an die wehrhafte Demokratie sei erschüttert, meint auch der Politologe Johano Strasser. Sukzessive trete an ihre Stelle "eine wehrhafte Privatsphäre mit Alarmanlage und gut sortiertem Waffenschrank".

Demnächst wohl auch mit bestens bestückter Vorratskammer: Jüngst hat die Bundesregierung ihr neues Konzept zur "zivilen Verteidigung" beschlossen. Darin fordert sie die Bürger unter anderem auf, für den Katastrophenfall Lebensmittel einzulagern. Ob das zur Beruhigung beiträgt? Teile des Papiers jedenfalls sind geeignet, die Bevölkerung zu verunsichern.

Das Misstrauen, das so in unseren Alltag sickert, gilt allem und jedem. Dem Nachbarn, dem Kollegen, dem Fremden sowieso. Man panzert sich deshalb, zu Hause, im Büro und im Straßenverkehr. Fitnessstudios werden überrannt, Kampfsportarten wie Thai- und Kickboxen sind in Mode wie nie. Auch Mixed Martial Arts erfreut sich wachsender Beliebtheit - ein Fight, bei dem noch getreten und gehauen werden darf, wenn der Gegner auf dem Boden liegt. Es ist ein, nun ja, Sport, der perfekt in eine Zeit passt, in der die Hemmungen fallen.

Gated Communities gibt es zunehmend auch in Deutschland, wobei die abgeschotteten Anlagen immer häufiger erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen sind. Die Formulierung "My home is my castle" findet endlich zu sich selbst.

Insofern ist es nur konsequent, dass auch die Branche der Wachleute und Sicherheitskräfte einen immer größeren Teil zum Wohlstand der Gesellschaft beiträgt, mit Wachstumsraten von bis zu 80 Prozent jährlich. Zuletzt jammerte der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft, es falle immer schwerer, Personal zu finden, obwohl man mühelos 10.000 neue Stellen besetzen könnte.

Schon jetzt tummeln sich zahllose windige Gestalten mit Hang zu Uniformen und Waffen in der Szene, Neonazis, Hooligans und andere Schläger - was man für einen Witz halten könnte angesichts der Jobbeschreibung: Kommt ein Hooligan zur Demo, um für Ruhe zu sorgen … Nur, es ist halt kein Witz, das wurde spätestens klar, als rechtsextreme Wachleute in Asylunterkünften wie in Burbach, Essen und andernorts wehrlose Menschen quälten und verprügelten.

Roboter als Wachhund

An der Lösung solcher Probleme arbeiten Firmen wie Knightscope mit Hochdruck. Das Start-up hat einen weißen Kasten auf Rädern entwickelt, der wie die aufrecht stehende Spitze einer Weltraumrakete aussieht. Gestatten: K5, 130 Kilogramm schwer und ausgestattet mit der Lizenz zum Schnüffeln.

Der digitale Tausendsassa überprüft permanent die Luftqualität in seiner Umgebung und schlägt Alarm, wenn er Rauch oder Gift wittert. Er verfügt über eine 360-Grad- und eine Infrarotkamera, Ultraschall und Radar, Mikrofone und Sensoren. Er erkennt Menschen an ihrem Gesicht und Autos an ihren Kennzeichen und gleicht beides mit seiner beständig wachsenden Datenbank ab. Angeblich merkt er sogar, wenn ein Kind in ein falsches Auto steigt. Sein Hersteller will K5 künftig für umgerechnet fünf Euro die Stunde an Sicherheitsbedürftige vermieten, er ist damit noch billiger als Wachleute. Auch für die sei der Roboter ein Segen, findet man bei Knightscope - immerhin sei ihr Job gefährlich.

Ein paar Jährchen wird es wohl noch dauern, bis K5 und Konsorten in Deutschland ihre Runden drehen. So lange werden sich die Bundesbürger konventionell behelfen müssen. Und weil die Zeiten so sind, wie sie sind, spricht vieles dafür, dass sie ihre private Rüstungsspirale weiter nach oben drehen werden. In letzter Konsequenz heißt das aber auch, sich so gut wie möglich zu bewaffnen, und zwar nicht nur mit Kameras und Alarmanlagen.

Kleiner Waffenschein, Schreckschusspistole

Kleiner Waffenschein, Schreckschusspistole

Foto: Oliver Killig/ dpa

Seit Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise beantragen immer mehr Menschen den Kleinen Waffenschein. Wer ihn besitzt, kann nach Belieben Reizgas-, Schreckschuss- und Signalwaffen mit sich herumtragen. Die sehen echten Schusswaffen nicht nur täuschend ähnlich, ihr Gebrauch kann auch zu schwersten Verletzungen führen - bei Manipulation sogar zum Tod. Ende 2015 starb in Anklam ein 36-Jähriger, nachdem ein 28-Jähriger mehrfach mit einer Schreckschusspistole auf ihn geschossen hatte. Der Anlass: Der Ältere hatte dem Jüngeren einen Laptop verkauft, der offenbar defekt war.

Das Bedrohungsgefühl - der kleine Cousin der Paranoia

Dass Deutschland eines der sichersten Länder der Welt ist, scheint allmählich in Vergessenheit zu geraten. Das auch deshalb, weil Panikmacher in Politik, Wirtschaft und Medien immer neue Bedrohungsszenarien an die Wand malen.

Wann ist sicher eigentlich sicher genug? Reicht ein Zusatzschloss gegen gewiefte Einbrecher? Oder sollte es nicht doch eine zusätzliche Mauer sein? Reicht es, Schneeballwerfen auf dem Schulhof zu verbieten? Oder ist nicht jedes Kinderspiel potenziell gefährlich? Und wenn wieder irgendwo ein Anschlag passiert: Reicht es, Wachleute in Behörden und auf Volksfesten zu postieren, um dort Taschen zu kontrollieren? Was ist mit Kinos, U-Bahnen, Kindergärten, Einkaufszentren?

Das ist das Tückische am Bedrohungsgefühl: Es ist ein Formwandler und kann an jedem Ort in unterschiedlicher Gestalt auftauchen. Es ist der kleine Cousin der Paranoia.

Und was immer wir in ihrem Namen unternehmen, es reicht niemals aus, sagt der Politologe Herfried Münkler: "Je eingemauerter oder eingezäunter eine Gemeinschaft ist, desto bedrohlicher und feindlicher wird für sie die Welt außerhalb, was zu einem weiter wachsenden Sicherheitsbedürfnis führt, noch höheren Mauern, noch größerem Misstrauen gegenüber Fremden etc."

Am Ende ist sie dann nur leider keine Gemeinschaft mehr. Dann ist jeder mit sich - und seiner Angst - allein. Wollen wir das?

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