Toleranz auf der Liegewiese Wem gehört das Freibad?

Wer hat die Hoheit auf der Liegewiese? Wie viel Toleranz muss sein? Nach einer Kolumne über das Berliner Columbiabad ergab sich ein bemerkenswerter Austausch mit einem Leser.

Schwimmbad (Symbolbild)
Mohssen Assanimoghaddam / DPA

Schwimmbad (Symbolbild)

Eine Kolumne von


Vor einer Woche habe ich an dieser Stelle über meine Erlebnisse an einem heißen Tag im Berliner Columbiabad geschrieben. Nach diesem Text erreichten mich zahlreiche Zuschriften von Leserinnen und Lesern, viel Lob und viel Kritik. Für beides: vielen Dank. Nicht immer schaffe ich es, ausführlich (oder überhaupt) zu antworten. Die Mail des Lesers Kristof Krause fand ich allerdings so erstaunlich, dass ich nicht anders konnte. Es ergab sich dann ein bemerkenswerter Austausch, den Sie mit freundlicher Genehmigung Krauses im Folgenden vollständig lesen können. Er beginnt eher ruppig. Und steigert sich dann.

1. Juli 2019, 22.22 Uhr, Kristof Krause an Stefan Kuzmany

Sehr geehrter Herr Kuzmany,

Ihr Artikel, bzw. Ihr Kommentar zum Freibad in Berlin, sagt mir, dass dieser Ort für mich und meine Familie eine No-Go-Area ist. Danke, dass Sie darauf hingewiesen haben. Ich war mir unsicher, ob ich rechts wählen soll, da mir deren wirtschaftspolitischer Kurs nicht zusagt. Jetzt werde ich trotzdem rechts wählen, obwohl deren Steuerpläne ein Witz sind.

Mit freundlichen Grüßen
Kristof Krause


1. Juli 2019, 22.31 Uhr, Stefan Kuzmany an Kristof Krause

Sehr geehrter Herr Krause,

Sie wählen jetzt rechts, weil ich gerne in ein Freibad gehe, in dem es Ihnen wahrscheinlich nicht gefallen würde? Ist ja irre.

Mit freundlichen Grüßen
Stefan Kuzmany


1. Juli 2019, 23.00 Uhr, Kristof Krause an Stefan Kuzmany

Nun. Ich würde ja gerne in das Freibad gehen. Sollten Ihre Schilderungen zutreffen, gefiele es mir dort nur nicht, weil ich es nicht leiden kann, wenn meine Mitmenschen sich nicht an Regeln halten. Ich ärgere mich, wenn mir jemand die Vorfahrt nimmt. Und ich ärgere mich auch, wenn im Kinderbecken Glasscherben sind, oder wenn die Leute ne Arschbombe vom Beckenrand machen, während ich versuche, eine gerade Bahn zu schwimmen. So bin ich. Wären keine Nafris und keine Türken und Araber usw. in dem Freibad, wäre es aller Wahrscheinlichkeit nach anders dort. Aus meiner Sicht wäre es dort besser. Und das ist nicht rassistisch, weil es nichts mit Rasse zu tun hat, sondern mit Kultur und Erziehung.

Ich frage mich allerdings, warum man das nicht in den Griff kriegt. Wenn bei uns im Freibad früher jemand Mist gemacht hat, ist er rausgeflogen und hat vier Wochen Hausverbot bekommen. Peter, Michael und Frank sind halt auch keine Engel. Aber warum macht denn keiner was dagegen? Na ja, ich glaube, Zivilcourage würde einem in so einer Situation wie im Rheinbad nur ein Messer in den Bauch bringen oder eine Flasche auf den Hinterkopf.

Ach ja, und Ihre Antwort mit dem Kommentar "ist ja irre" macht mich so richtig wütend. Also herzlichen Glückwunsch! Sie dürfen sich jetzt richtig gut fühlen.


2. Juli 2019, 0.09 Uhr, Stefan Kuzmany an Kristof Krause

Darf ich fragen, wo Sie wohnen? Und wo Sie gerne baden gehen? Bei mir ist es so: Ich wohne da in der Nähe, mir gefällt es. Gefiele es mir nicht, würde ich anderswo baden gehen. Es ist eben ein Freibad mitten in einer sozial eher schwachen Ecke einer Großstadt. Ich weiß, was mich dort erwartet.

Mich würde noch interessieren, was Sie so wütend macht? Die Existenz der geschilderten Zustände? Die wird Ihnen ja nicht neu sein. Oder ist es die Tatsache, dass mich diese Umstände nicht stören?

Machen Sie im Übrigen bitte nicht den Fehler, mir eine allgemeine Befürwortung von Regellosigkeit zu unterstellen. Ich mag es auch nicht, wenn man mir die Vorfahrt nimmt, erstens, weil's gefährlich ist und zweitens wegen der Unverschämtheit. Meine Kolumne handelt aber von einem Besuch im wilden Freibad um die Ecke, bei dem ich zur Abwechslung mal gelassen bleibe. Das geht ganz gut.

Viele Grüße!
SK


2. Juli 2019, 3.49 Uhr, Kristof Krause an Stefan Kuzmany

Ich bin in Bad Segeberg, zwischen Hamburg, Lübeck und Kiel aufgewachsen. Jetzt lebe ich in Bad Oldesloe. Bad Oldesloe und Bad Segeberg sind beides Kleinstädte, in denen sich normalerweise Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Das ist jetzt nicht mehr so. Mittlerweile geht niemand mehr nach 22 Uhr alleine durch die Stadt, weil es zu gefährlich ist. Und es ist nicht gefährlich, weil Peter, Michael und Frank da auf der Lauer liegen. Die drei teilen sich nämlich ein Taxi, weil sie nicht zu Fuß durch die Innenstadt laufen wollen. (An dieser Stelle war ich versucht, Ihnen eine Reihe von persönlichen Erfahrungen mitzuteilen. Das wäre dann allerdings wohl zu lang geworden.)

Was mich wütend macht an Ihrer Schilderung, ist, dass Sie sagen, man müsse nur ein bisschen mehr Toleranz (Schmerztoleranz) aufbringen, dann geht schon alles gut und wenn man das nicht akzeptiert, dann soll man eben wo anders baden. Sie verdrehen völlig die Tatsachen. Wenn die sich nicht an die Regeln halten, dann müssen die sich eben einen anderen Platz zum Baden suchen. Nicht ich. Nicht Sie. Die.

Was Sie romantisch "das wilde Freibad" nennen, ist ein grenzwertig rechtsfreier Raum, in dem das Faust- und Messerrecht desjenigen gilt, der die niedrigste Hemmschwelle zur Gewaltanwendung zeigt. In Ihrer Schilderung haben auch nicht Sie DIE toleriert. Die haben SIE toleriert. Toleranz hat eine Hierarchie. Tolerieren kann man nur aus der Position der Macht heraus. Wenn Ihre Geschichte stimmt und nicht ausgedacht ist, weiß ich, dass Sie das gefühlt haben. Sie waren dort nicht in Sicherheit. Das war nicht Ihr Raum.


2. Juli 2019, 15.40 Uhr, Stefan Kuzmany an Kristof Krause

Sehr geehrter Herr Krause,

zunächst vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Ganz offensichtlich haben wir sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht und (wohl auch deshalb) einen sehr unterschiedlichen Blick auf die Welt. Ich stamme aus der Gegend von Fürstenfeldbruck (bei München), seit etwa zwanzig Jahren lebe ich in Berlin-Kreuzberg. In meinem Leben bin ich ein einziges Mal niedergeschlagen worden, das war spät abends auf dem Heimweg von der S-Bahn, von einem betrunkenen Bayern in Bayern, grundlos. In meiner Zeit in Berlin ist mir so etwas nie passiert.

Ich möchte überhaupt nicht in Abrede stellen, dass es in meiner Wohngegend Probleme gibt: Mit Kriminalität, mit Drogen, all das eben, was man so aus Dokumentationen über die Ecke ums Kottbusser Tor kennt. Übrigens nach meiner persönlichen Wahrnehmung recht gleichmäßig verteilt, was die ursprüngliche Herkunft der Einwohner betrifft. Gleichzeitig habe ich hier, ebenso unabhängig von der Herkunft, sehr freundliche und hilfsbereite Menschen kennengelernt, die alle zusammen versuchen, in dieser Stadt miteinander auszukommen. Das klappt mal besser, mal schlechter. Meistens klappt es besser, wenn man sich selbst nicht so wichtig nimmt und nicht jeden Regelverstoß als Skandal wahrnimmt.

Zu der geschilderten (und wahren) Situation im Freibad, die Sie ärgert, kann ich nur noch berichten, dass es mir herzlich egal ist, wer da wen toleriert und in welcher Hierarchie wir uns befinden - schon allein, weil ich selbstverständlich wesentlich privilegierter bin als die Fußballjungs (ganz sicher mehr Einkommen, höchstwahrscheinlich bessere Bildung, garantiert bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt etc.), da muss ich mir oder denen nichts beweisen, nach der Aufsicht rufen oder das Freibad verklagen. Ich sehe mich auf der Liegewiese nicht in einem Kampf ums Territorium. Und selbstverständlich war ich dort in Sicherheit, das war eben keine bedrohliche, aufgeladene Situation, sondern eher skurril. Es gibt im Columbiabad im Übrigen weder Probleme mit Messern (da wird bei entsprechend verdächtigen Kandidaten die Tasche kontrolliert, von einem migrantischen Sicherheitsdienst übrigens, der seinen Job sehr gründlich erledigt) noch mit sexuellen Übergriffen (denn dafür sind zu viele anständige Leute aller möglicher Herkunft da, die keinen damit durchkommen lassen würden). Klar kann man so ein Freibad schrecklich finden (siehe etwa die "Bild"-Berichterstattung von heute). Aber mit derselben Berechtigung kann man es auch mögen. Das sollten wir uns gegenseitig zugestehen, finde ich.

Viele Grüße
Stefan Kuzmany

In der Kolumne Agitation und Propaganda schreibt Stefan Kuzmany über die aktuellen Entwicklungen in Politik und Gesellschaft. Abonnieren Sie den Newsletter direkt und kostenlos hier:

2. Juli 2019, 20.21 Uhr, Kristof Krause an Stefan Kuzmany

Sehr geehrter Herr Kuzmany,

Sie sind kein schlechter Mensch und kein schlechter Journalist. Ich muss gerade an das Stück von Jim Jeffries denken, in dem er sagt, er wäre für das Recht zum Tragen von Waffen, wenn es sich dabei um Musketen handeln würde. Das Laden dauert so lange, dass man genug Zeit hat um sich abzuregen.

In meinem Entwurf war gerade noch eine scharfe Polemik, die Ihnen literarisch das Recht zu atmen aberkannte. Es begann mit "Fiat iustitia et pereat mundus" und endete mit einem Zitat von Gandhi: "Es ist besser gewalttätig zu sein, wenn man Gewalt im Herzen trägt, als unter dem Deckmantel der Gewaltlosigkeit Unfähigkeit zu verbergen."

Ich werde Sie weiter aufmerksam lesen. Sie dürfen das als freundlich anerkennende Drohung verstehen.

Mit freundlichen Grüßen
Kristof Krause

P. S.: Das mit dem Rechtswählen überlege ich mir noch mal.


2. Juli 2019, 21.43 Uhr, Stefan Kuzmany an Kristof Krause

Sehr geehrter Herr Krause,

vielen Dank für Ihre Antwort. Sie freut mich aufrichtig - ebenso wie Ihre kritische Lektüre.

Herzliche Grüße und alles Gute!
Stefan Kuzmany

Damit verabschiedet sich der Kolumnist in die Sommerpause. Allseits schöne Sommerferien!



insgesamt 221 Beiträge
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Seite 1
Seramus 08.07.2019
1. Danke!
Sehr geehrter Autor, ich kann kaum glauben, dass es sich hier um eine reale Unterhaltung handelt! So denn doch: vielen Dank an beide Gesprächsteilnehmer. Sie haben mich dazu gebracht meine eigentliche "Diskutieren bringt eh nichts" Politik zu überdenken! Beste Grüße an beide und schönen Sommer!
spon-facebook-837979585 08.07.2019
2. Ein schlimmer Cliffhanger vor der Sommerpause
So viele offene Fragen: Wählt Herr Krause jetzt doch nicht AFD? Warum kann man nach 22 Uhr nicht mehr durch Bad Segeberg laufen? Warum regiert das Verbrechen in Bad Oldesloe und nicht in Kreuzberg? Kommt statt 4 Blocks jetzt 4 Bauernhöfe? Wird der Bademeister des Columbiabads mit einer durchgeschmuggelten Muskete erschossen oder doch besser ein betrunkener Bayer?
xse 08.07.2019
3. ...
Ein Meinungsaustausch mit gutem Ausgang. Das freut mich in dieser aufgeheizten Stimmung.
apalopta 08.07.2019
4. So geht's auch
Dieses kultivierte Streitgespräch zu lesen war die reinste Freude. Es spiegelt ziemlich gut wieder, worauf es ankommt: Respekt und Anstand und Hirn. Bei Diskussionspartnern wie bei Badbesuchern... Ich hoffe, dass die anständigen unter uns die Größe der kritischen Masse nie verlieren.
Dieter Koll 08.07.2019
5. ich habe gestern.....
im Kino die Dokumentation über die Apollo 11 Mission gesehen. Mein stärkster Gedanke danach war.... Wow, was könnten wir alles erreichen, wenn ALLE mal mind. einen Gang runterschalten würden und nicht darüber nachdenken, was der andere so alles falsch gemacht sondern darüber, was wir alles gemeinsam erreichen können...Gemeinsam.
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