Deutschlandfahne Sturm der Entrüstung gegen Ströbeles Flaggen-Frust

Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele hat sich den Groll vieler konservativer Politikerkollegen zugezogen - weil er öffentlich Unbehagen gegen zu viele Deutschlandfahnen geäußert hat. Die Reaktionen reichen bis zur persönlichen Beleidigung.


Berlin - Es sind schon wirklich scharfe Attacken, die sich Hans-Christian Ströbele anhören muss. Politiker aus Union und FDP echauffieren sich, weil der Grüne ein distanziertes Verhältnis zur deutschen Nationalflagge offenbart hat. Ströbele hatte in einem Interview gesagt, dass ihn eine übermäßige Beflaggung ein wenig "an nationale Überbetonung, an nationalistische Tendenzen" erinnere. Der Bundestagsabgeordnete aus Kreuzberg bezog sich dabei auf die Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland.

Kein Flaggen-Fan: Hans-Christian Ströbele
DPA

Kein Flaggen-Fan: Hans-Christian Ströbele

CDU-Präsidiumsmitglied Philipp Mißfelder sprach am Freitag von einer "Verhöhnung" des Landessymbols. Mißfelder, der auch Vorsitzender der Jungen Union ist, sagte der "Passauer Neuen Presse", Ströbeles Äußerungen seien "der Würde des Bundestags nicht angemessen. Herr Ströbele muss sich fragen, warum er in Deutschland im Parlament sitzt und nicht anderswo."

Der CDU-Rechtspolitiker Jürgen Gehb wurde mit den Worten zitiert, Ströbele sei ein "Politclown, ein Wirrkopf, bei dem inzwischen noch ein wenig Altersstarrsinn und Senilität hinzu kommen". Ströbele ist 69 Jahre alt.

Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck, nannte Gehbs Äußerung seinerseits unverschämt und beleidigend. Sie "entsprechen nicht den Gepflogenheiten des Umgangs der Parlamentarier miteinander", sagte Beck.

Der CSU-Bundestagsabgeordnete Norbert Geis bezeichnete Ströbeles Äußerungen als "völlig deplaziert": "Wenn Herr Ströbele ein gebrochenes Verhältnis zu seinem Vaterland hat, muss er das nicht an die große Glocke hängen. Abgeordnete sollten ein respektvolleres Verhältnis zu den Symbolen der deutschen Nation haben", sagte er.

"Kein Türke versteht ihn"

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel sagte der "Passauer Neuen Presse", dass Ströbele seiner Meinung nach nicht einmal im eigenen Wahlkreis auf Verständnis stoße. "Wenn sich Herr Ströbele für die deutsche Fahne schämt, versteht ihn kein Türke in seinem Kreuzberger Kiez."

CSU-Generalsekretär Karl-Theodor zu Guttenberg sagte spöttisch: "Es kann einen ja fast das Mitgefühl übermannen bei der Vorstellung, dass Herr Ströbele sich jeden Morgen mit flauem Gefühl in der Magengegend in den Berliner Reichstag zwingen muss, weil oben die Flaggen schwarz-rot-gold wehen - und zwar ohne türkischen Halbmond auf der Rückseite." Irgendwann fordere Ströbele "bestimmt noch, dass wir einen Halbmond in unserer Flagge aufnehmen sollen".

Ströbele hatte am Donnerstag im Deutschlandfunk gesagt, er habe sich während der Fußballweltmeisterschaft, als Flaggen "überall und in Massen, an Autos, in Gärten und an Balkonen" zu sehen waren, "doch etwas unwohl gefühlt". Gegen die normale Beflaggung beispielsweise auf dem Reichstagsgebäude habe er nichts. An dem Fahnenmeer während der WM habe ihm das "nationale Raushängen" nicht gepasst, sagte Ströbele. "Da hatte ich ein unwohles Gefühl in der Magengegend." Er möge es auch nicht, wenn er das in anderen Ländern sehe, beispielsweise in den USA.

Auf die Frage, ob er selbst überhaupt eine Flagge besitze, hatte Ströbele geantwortet: "Nein, eigentlich nicht, aber ich habe mir bei der letzten Fußballeuropameisterschaft in Kreuzberg ein Fähnchen geben lassen, auf dem auf der einen Seite die türkische Flagge ist und auf der anderen Seite die deutschen Farben. Das ist ganz nett."

ler/AP



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