SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

27. Juli 2001, 12:40 Uhr

Deutschlands Unterhändler zieht Klimagipfel-Bilanz

Geheimdiplomatie zwischen den Gipfeln

Heiße Luft? Ein Sieg über Amerika? SPIEGEL ONLINE fragte Experten nach ihrer Einschätzung zum Weltklimagipfel in Bonn. Zunächst zieht der deutsche Delegationsleiter Karsten Sach Bilanz. Ihm folgen Greenpeace-Klimaexperte Bill Hare und der iranische Uno-Botschafter Bagher Asadi.

Die im Stillen sieht man nicht. Karsten Sach war der oberste Diplomat von Bundesumweltminister Trittin auf dem Klimagipfel in Bonn
AP

Die im Stillen sieht man nicht. Karsten Sach war der oberste Diplomat von Bundesumweltminister Trittin auf dem Klimagipfel in Bonn

SPIEGEL ONLINE:

Herr Sach, Kritiker nennen den Vertrag, der hier in Bonn herausgekommen ist, "Kyoto light". Trifft die Bezeichnung zu?

Sach: Das ist Ihr Begriff. Natürlich haben wir deutliche Abstriche hinnehmen müssen. Aber der große Erfolg ist erst einmal der, dass das Kyoto-Protokoll ratifizierbar gemacht werden konnte. Und damit ist das Glas mehr als halb voll.

SPIEGEL ONLINE: Was muss denn geschehen, damit aus dem "Kyoto light" ein schwergewichtiger Kyoto-Bonn-Pakt wird?

Sach: Zunächst müssen die Industriestaaten wirklich ernst mit der Umsetzung machen. Denn nur wenn wir eine tatsächliche Reduktion der Treibhausgase erreichen, die auch bis 2005 zu einem nachweisbaren Fortschritt führt, können wir sehr viel weiterführende Reduktionsschritte vereinbaren. Dann dürfen auch die jetzt noch fehlenden Themen wie die Emissionen durch Luftverkehr oder die Seeschifffahrt nicht fehlen.

SPIEGEL ONLINE: 34 Staaten haben bereits ratifiziert. Wie lange dauert es bis zur erforderlichen Zahl von 55?

Sach: Die Zahl 55 wird relativ schnell erreicht werden. Wir wollen aber auch, dass bis 2002 die so genannten Annex-I-Staaten ratifizieren, die 55 Prozent der Emissionen verantworten. Das ist anspruchsvoll, gebe ich zu. Das hängt weniger an Europa, sondern daran, wie schnell Japan oder Russland die erforderlichen politischen Entscheidungen treffen.

SPIEGEL ONLINE: Aber wie sicher sind Sie sich denn, dass alle Staaten, die sich auf dem Bonner Klimagipfel einig wurden, das Kyoto-Protokoll auch ratifizieren?

Sach:Sehr sicher. Nur die USA werden vorläufig fehlen.

SPIEGEL ONLINE: Und Russland, Japan oder Kanada, die in Bonn immer wieder Zweifel nährten?

Sach: Russland auf jeden Fall, weil eine gründliche ökonomische Analyse klarmacht, dass sich das Land ein riesiges Modernisierungspotenzial durch das Kyoto-Protokoll erschließen kann. In Japan zeigen die Reaktionen der Öffentlichkeit, dass das Land stolz ist, das Kyoto-Protokoll in Bonn mitgerettet zu haben, und Japans Regierung steht dazu. Auch für Kanadas bin ich optimistisch.

SPIEGEL ONLINE: Das erhielt ja auch besonders viel Zugeständnisse. Ein weiterer Wackelkandidat schien des Öfteren Saudi-Arabien zu sein.

Sach:Saudi-Arabien hat aber keinen Grund abseits zu stehen. Es hat keine konkreten Verpflichtungen übernommen und der saudische Delegierte hat sich ausdrücklich zum ersten Mal in dieser Gipfelgeschichte dem Konsens angeschlossen, auch weil es sein ureigenstes Interesse bleibt, mit allen im Gespräch zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Tritt Russland möglicherweise erst 2003 bei, wenn Staatschef Putin zum Gastgeber einer großen Klimakonferenz werden soll?

Sach: Ich sehe das anders herum. Ich glaube, dass die Klimakonferenz 2003 die letzte Deadline ist und ich begrüße , dass die Konferenz dort stattfindet. Das bietet eine Möglichkeit, Kyoto in Russland zu einem echten politischen Thema zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Geheimdiplomatie gehörte eigentlich zur Gipfelgeschichte - wie viel Hilfe brauchten Sie vom G-8-Gipfel in Genua?

Hätte sein Versprechen eingelöst, dass die USA "konstruktiv" mitarbeiten: US-Präsident George W. Bush (Plakat: Greenpeace)

Hätte sein Versprechen eingelöst, dass die USA "konstruktiv" mitarbeiten: US-Präsident George W. Bush (Plakat: Greenpeace)

Sach: Wir brauchten beides. Die Verhandlungen wurden schon im Wesentlichen vom Umweltministerium in Bonn gesteuert. Gleichwohl waren die Kontakte auf Staatschefebene schon im Vorfeld ein elementarer Bestandteil. Der Schröder-Besuch im März in Washington lieferte den wichtigsten Baustein: Bush versprach Schroeder, konstruktiv teilzunehmen und nur elementare amerikanische Interessen zu verteidigen. Das wurde auch eingelöst.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch bleiben die USA im Abseits?

Sach: Das ist natürlich bedauerlich, aber ich sehe ich auch dort Licht am Ende des Tunnels.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie denn darauf?

Sach: Präsident Bush hat sich in Genua ausdrücklich zur Reduktion der Treibhausgasemissionen bekannt. Zum ersten Mal auch öffentlich in einem G-8-Kommunique und vor der Presse. Ich glaube, dass die Mühlen der USA langsam mahlen, aber nun beginnen, in die richtige Richtung zu drehen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, wann schätzen Sie, treten die USA bei?

Sach: Ich halte es für realistisch, dass sie während der zweiten Periode des Klimavetrags einsteigen werden, die ab 2005 verhandelt wird.

SPIEGEL ONLINE: Haben die USA die neue Allianz zwischen Europa und den Entwicklungsländern befördert?

Sach: Die Passivität der Amerikaner hat zunächst einmal die so genannte Umbrella-Gruppe mit Ländern wie Japan, Kanada, Australien, Norwegen, oder Russland in Unordnung gebracht. Es verhärtete die Position dieser Staaten, die wussten, das es jetzt auf sie ankommt. Deshalb musste deutlich gemacht werden, dass es sich um eine Minderheit handelte, die Nachforderungen verlangte.

SPIEGEL ONLINE: Die aber dann von der Mehrheit akzeptiert werden mußte.

Sach: Die Zugeständnisse waren schmerzhaft. Aber Europa udn die Entwicklungsländer haben erkannt, dass nur auf diesem Weg ein Durchbruch ereicht werden konnte. Oder mit den Worten des Iraners Asadi: Die Konferenz wurde ein Triumph des Multilateralismus, der nun eine langfristige Basis für Klimaschutz darstellt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielte der iranische Uno-Botschafters Bagher Asadi?

Von deutscher Seite hochgelobter Diplomat: Der Iraner Bagher Asadi
AP

Von deutscher Seite hochgelobter Diplomat: Der Iraner Bagher Asadi

Sach: Er ist einer der brillantesten Verhandler, die hier am Tisch saßen, er hat ruhig und fest die Interessen seiner Gruppe vertreten, aber stets angedeutet, dass am Schluss Einigungsbereitschaft besteht. Das wurde dann am Ende auch eingelöst.

SPIEGEL ONLINE: Asadi sagte uns, für ihn sei es eine besonders große Freude, dass sich Europa so engagiert verhalten habe und damit für ihn der Gipfelgewinner sei.

Sach: Aber die Entwicklungsländer können mindestens genauso stolz sein. Sie haben ebenfalls großen Anteil am Zustandekommen dieser Einigung, die es uns erlaubt - um es mit den Worten von EU-Kommissarin Margot Wallström zu sagen - unseren Kindern wieder in die Augen zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: So schnell wirkt das Kyoto-Protokoll aber auch wieder nicht.

Sach: Wir sind anfangs noch sehr langsam, wenn aber alle in die richtige Richtung gehen, können wir beschleunigen. Leider laufen einige noch in die falsche Richtung, die müssen noch umdrehen. Die Orientierung sollte ihnen nach der Bonner Klimakonferenz aber nicht mehr schwer fallen.

Die Fragen stelle Holger Kulick

Lesen Sie Sonntag: "Ein Boot mit Lecks - Die Lücken von Kyoto". Eine Analyse von Umweltexperten der deutschen Umweltorganisation Germanwatch

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung