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Alexander Neubacher

Streit über Zuwanderung Ausländer rein!

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Deutschland debattiert darüber, wie man Zuwanderung begrenzt. Ein Fall von Realitätsverweigerung.
aus DER SPIEGEL 22/2021
Frau bei einer Integrationsfeier in Dresden 2013

Frau bei einer Integrationsfeier in Dresden 2013

Foto: Oliver Killig/ picture alliance / dpa

Deutschland hat ein doppeltes Migrationsproblem: Es kommen zu wenige Leute. Und es hauen zu viele ab. Zum ersten Mal seit acht Jahren ist die Bevölkerung 2020 nicht gewachsen. Die Zahl der Einbürgerungen, so meldete diese Woche das Statistische Bundesamt, sank um 15 Prozent. Schafft Deutschland sich ab?

Nun gibt es viele, die nicht traurig sind, wenn es weniger Ausländer gibt. Seit der Flüchtlingskrise 2015 gilt Zuwanderung bei manchen als Stressfaktor, Belastung, Bedrohung. Bundesinnenminister Horst Seehofer nannte Migration die »Mutter aller Probleme«. Friedrich Merz rechnete vor, dass wir 2016 ohne die Flüchtlinge eine Million Hartz-IV-Empfänger weniger gehabt hätten. Die ganze Debatte kreist um die Frage, wie man Zuwanderung begrenzt.

Ich halte diese Diskussion für Realitätsverleugnung. Eigentlich müssten wir von früh bis spät über die gegenteilige Frage diskutieren: Wie schaffen wir es, nicht weniger, sondern mehr Zuwanderer nach Deutschland zu holen? Diese Forderung kommt nicht von Multikulti-Aktivisten, sondern von ernst zu nehmenden Experten, die sich mit Wirtschaft und sozialer Sicherheit beschäftigen.

Wenn demnächst die geburtenstärksten Jahrgänge in Rente gehen, erleben wir eine Wende. Die Zahl der Erwerbspersonen von derzeit etwa 44 Millionen wird sinken, und zwar um bis zu 25 Prozent bis 2060. Das Statistische Bundesamt hat diese Entwicklung mit kühler Präzision vorausberechnet. Die Zahl der Alten hingegen wird steigen. Kein Fürsorgesystem der Welt ist in der Lage, das mal eben so abzufedern. Schon gar nicht die deutschen Sozialkassen für Rente, Gesundheit und Pflege, die Züge eines Schneeballsystems tragen.

Aber ein Mittel hilft, den Kollaps zu verhindern: Zuwanderung von etwa mehreren Hunderttausend Menschen pro Jahr.

Für qualifizierte Leute sollte Deutschland den roten Teppich ausrollen.

Qualifizierten Migranten sollte Deutschland den roten Teppich ausrollen. Doch auch Ungebildete lassen sich integrieren. In der Rentenversicherung hat bereits etwa jeder sechste Beitragszahler keinen deutschen Pass. Im Durchschnitt verdienen sozialversicherte Ausländer in Vollzeit rund 2600 Euro brutto im Monat. Und zu Friedrich Merz: Ja, es stimmt, fast eine Million Flüchtlinge lebte im vergangenen Sommer von Hartz IV. Aber jede zweite erwerbsfähige Person, die seit 2015 nach Deutschland kam, hat Arbeit.

Es gibt eindrucksvolle Erfolgsgeschichten. Der Bundesverband Deutsche Start-ups hat zusammen mit der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung eine Studie vorgestellt, wonach jeder fünfte Start-up-Gründer ausländische Wurzeln hat, etwa beim Impfstoffhersteller Biontech, beim milliardenschweren Gebrauchtwagenportal Auto1 oder beim Lieferdienst Delivery Hero.

Es ist im nationalen Interesse, offen für Zuwanderer zu sein. Eine kluge Migrationspolitik lautet deshalb: Ausländer rein.

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