Deutschlandtag der Jungen Union "Yes we can" statt "How dare you?"

Auf dem JU-Deutschlandtag stellt die Union große Fragen. Soll sie grüner werden? Oder weiter nach rechts rücken? Beides? Vor allem will sie wohl: Mehr gute Laune. Mit freundlicher Unterstützung der Wirtschaft. Ein Rundgang.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (l., CSU) und der JU-Bundesvorsitzende Tilman Kuban
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Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (l., CSU) und der JU-Bundesvorsitzende Tilman Kuban

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Zukunft, Zukunft, Zukunft. Kaum ein Wort ist auf dem Deutschlandtag der Jungen Union (JU) häufiger gefallen, außer vielleicht "Deutschland" und "Innovation". Das Thema der Urwahl wurde am Freitag bereits politisch auf den Weg gebracht. Jetzt wird in die Zukunft geblickt. Wichtiges Thema.

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Wohin also geht die Reise ganz konkret, wenn es nach den Vorstellungen der mitgliederstärksten parteipolitischen Jugendorganisation auf dem Kontinent geht, im mächtigsten Land Europas? Worüber machen sich die konservativen Jungchristen so ihre Gedanken? Was bereitet ihnen Sorge? Rezo und Greta Thunberg, schon klar.

Und was, katholisch gesprochen, dürfen sie hoffen?

In Umrissen wird das deutlich, wenn man den Reden der arrivierten Gäste lauscht. Jens Spahn, Peter Altmaier und Markus ("Es gibt nur ein' Markus Söder, es gibt nur ein' Markus Söder, es gibt nur ein Markus Sööööder!") Söder jedenfalls wünschen sich unisono, als hätten sie sich abgesprochen, einfach mehr gute Laune. Optimismus statt Apokalypse. Tiger im Tank statt Teufel an der Wand. "Yes we can" statt "How dare you?".

Das Problem sitzt in "Berlin-Mitte"

Über die rechtsreaktionären Mitbewerber werden nicht viele Worte verloren. "Höcke" genügt, und ein gemeinsamer Ausflug zur Synagoge von Saarbrücken war da ein starkes Zeichen. Die einst so stolze Sozialdemokratie "sitzt traurig in der Ecke", wie Söder feststellt, fällt als Gegnerin also vollständig aus. Ihre Rolle hat eine Linke übernommen, die sich immer noch weigert, die DDR einen "Unrechtsstaat" zu nennen.

Also ist der eigentliche Herausforderer grün. Deshalb ist die Bühne mit floralen Motiven geschmückt, deshalb bekommen die Gäste saarländische Spezialitäten in Holzkisten. Und Setzlinge, weil die JU auch grün sein will.

Nur halt mit Maß. Und guter Laune.

Seinen baden-württembergischen Ministerpräsidentenkollegen Winfried Kretschmann nimmt Markus Söder ausdrücklich in Schutz. Aber wer kommt danach? Und der übrige Haufen? Traumtänzer und Tunichtgute, die mit Verboten die Welt verbessern und nebenbei die deutsche Wirtschaft vernichten wollen.

Den Grünen fehlt's an Patriotismus, der "weltoffen" (Spahn) sein müsse, und kennen das Land nicht. Weil sie in "Berlin-Mitte" sitzen, in jeder Rede sitzen sie in "Berlin-Mitte", wo sie, weil es dort keine Windräder gibt, die Provinz mit Windrädern verspargeln und dem kleinen Mann gigantische Stromtrassen durch den Vorgarten legen wollen.

Von "Berlin-Mitte" aus führen die Grünen, so Paul ("Unser Paul! Unser Paul!") Ziemiak, einen "ideologischen Kampf gegen den ländlichen Raum". Ihre Waffen? Wieder Windräder, der Wolf und die Abschaffung der Pendlerpauschale. "Es hört sich so gut an und grün und toll", ärgert sich Söder, aber wer soll das bezahlen? Wer hat so viel Geld?

"Fridays For Future" wird mal wohlwollend, mal maliziös belächelt. Das sind Kinder, eine übrigens ebenfalls recht erfolgreiche Jugendbewegung. Einschießen kann man sich hingegen auf die Aktivisten von "Extinction Rebellion". Die wollten, sagt Spahn, einen "grün angestrichenen Sozialismus ausprobieren".

Keine Experimente! Mit Innovation wird Deutschland auch in Zukunft ganz vorne mitspielen, so sieht's aus.

Mit freundlicher Unterstützung...

Und die jungen Leute von der Jungen Union selbst? Diskutieren über zahllose Anträge wie beispielsweise, ganz wichtig, das Zentralabitur. Dass es viele zweifelsohne ernsthafte Anliegen gibt, geht ein wenig unter, wenn Tilman Kuban das Recht auf Asyl mit "Freibier" vergleicht. Früher war die JU links, heute zerrt sie am rechten Hosenbein ihrer Mutterpartei - während Ziemiak oder Söder sich sehr deutlich von Rassismus absetzen.

Draußen vor dem Saal ist der Stehtisch der Werte-Union ständig umlagert, die haben da interessante Positionen, offenbar gilt: da kann man mal offen ins Gespräch kommen. Und die Mittelstands- und Wirtschaftsunion hat sich ein partizipatives Spiel ausgedacht. Per Ballwurf in einen von vier Glaszylinder können die Delegierten wählen, was "das wichtigste Thema" ist. "Klimaschutz" liegt auf dem letzten Platz, deutlich hinter "Steuersenkungen". Das wichtigste Thema, mit weitem Abstand, ist "Infrastrukturausbau".

Jens Spahn kommt vorbei und schnappt sich für ein Foto auch einen Ball, lächelt in die Kamera und wählt "Illegale Einwanderung". Da hat er wohl gerade einfach nicht hingeschaut.

Im Rahmenprogramm erläutert ein Vertreter von Greenpeace dem Fragesteller, warum die Organisation kein "Abmahnverein" ist, der mit seiner "provokanten und apokalyptischen Äußerungen die Gesellschaft spalten will". Nebenan erklärt Peter Altmaier seinen andächtig lauschenden Fans die Welt: "Ich habe schon als Umweltminister immer gesagt …".

Das Publikum sitzt auf Papphockern, gesponsort von der DocMorris.

Und dieses Detail ist erst der Anfang.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier (l), beim JU-Deutschlandtag: Hocker von DocMorris
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Wirtschaftsminister Peter Altmaier (l), beim JU-Deutschlandtag: Hocker von DocMorris

Je weiter man sich in den weitläufigen Räumen des Congress Centrums verläuft, umso deutlicher wird, in welcher Welt die rund 120.000 Mitglieder der Jungen Union wirklich leben. Für welche Welt sie eintreten, was sie sich erhoffen, das steht dort alles physisch aufgebaut.

Für gute Laune sorgt auch die Rüstungsindustrie

Bei Huawei kann man Socken mit seinem Namen besticken lassen, beim Verband privater Krankenversicherer einen Smoothie trinken. McDonald's ist mit einem nachhaltigen Stand vertreten ("Ob du's glaubst oder nicht: Tierwohl ist uns wichtig!"). Philipp Morris bringt innovative "Alternativen zum Tabakgenuss" unters Volk, ein japanischer Konkurrenzkonzern einfach Zigaretten.

Ein E-Scooter-Verleih macht Elektromobilität "sinnlich erfahrbar" und die Delegierten ergreifen die Gelegenheit nur zu gerne und umkurven munter die Reihen der SUV auf dem großzügigen Parkplatz vor der Congresshalle.

Beim Verband der deutschen Automatenwirtschaft ("Nur legale Spielhallen!") kann man Tischfußball spielen, beim Verband der Elektrotechnik auch. Die Telekom lädt dazu ein, in telekomfarbenen Sitzsäcken zu versinken. Union Investment bringt Fondsgeschäfte ins Spiel, der Deutsche Sparkassen- und Giroverband eher klassische Anlagemodelle.

Für gute Laune sorgen auch Rüstungskonzerne wie MBDA (Luft-Luft-Rakten, Boden-Luft-Raketen, Bomben) oder General Dynamic (einfach alles), die auf dem "Deutschlandtag" um Verständnis und künftige Führungskräfte werben.

Es ist eine grotesk geschmacklose Mischung aus Messe und Jahrmarkt, offenem Lobbyismus und begehbarer Karriere-Installation. Einerseits.

Andererseits muss man das mal ohne ideologische Scheuklappen sehen, ganz pragmatisch, also schaut ruhig hin, fasst ruhig an, so wird nun einmal unser aller Wohlstand erwirtschaftet, mit Maß, Innovationen und Optimismus, so lösen wir auch alle Probleme, das bringt unser Land voran, meine lieben Freundinnen und Freunde, wir wollen doch mal realistisch bleiben, da geht's in die Zukunft, auch unsere eigene. Ist ja ein wichtiges Thema.



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insgesamt 71 Beiträge
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Seite 1
mullertomas989 12.10.2019
1. Liebe Union und JU:
Ihr seid keine religiöse, sondern eine Wirtschaftspartei, quasi die WDU/WSU. Bedenkt aber bitte immer dies: Auf dem Reichtagsgebäude stehen drei Wörter - wisst Ihr welche? Ich will damit sagen: Wenn Ihr die Interessen der Bürger vertretet, denkt daran, dass die Bürger sich nicht nur für eine starke Wirtschaft interessieren! Frei nach Bill Clinton: "It's not only the economy, my friend!" Die Bürger wollen auch: saubere Luft, Klimaschutz, eine gute Verkehrs- sowie digitale Infrastruktur, eine Krankenhausbehandlung nach medizinischem Ideal usw.... Eine gute Politik schafft einen AUSGLEICH zwischen all diesen (und anderen) Interessen!
dodgerone 12.10.2019
2.
Irgendwie ist die Parallelwelt in der diese Herren leben ja auch putzig. Egal, ob AKK, Merz oder Spahn... keine der 0en wird Kanzler(in) werden. Man hatte genug Chancen Infrastruktur etc. zu liefern... kam nur recht wenig. Mobilität, Klima, Internetausbau... hat man alles verpennt. Den Ländlichen Raum hat man selbst heruntergewirtschaftet. Da kann man jetzt Geld verbrennen wie man will. Eigentlich erschreckend wie solche Vaterlandsverräter (die ihr Land an die Wirtschaft verkaufen) sich als Retter aufspielen wollen. Und ein bisschen grünes Lamette reicht 2019 halt nicht mehr.
R2-D3 12.10.2019
3. Getriebene der Wachstumsdoktrin
Immer weiter, immer höher, immer mehr! Wenn aber alle so leben wollen wie wir, hat dieser Planet keine Chance. Erschreckend ist der Absatz über all diese Stände der Wirtschaft. Die Lobbyisten wissen eben wo sie ihren Einfluss ausbauen können! Ekelhaft!
starwars357magnum 12.10.2019
4. Dem Deutschen Volke!
Was für ein Geseier, ohne funktionierende Wirtschaft ist alles obsolet. Wie manche Leuchtfeuer der Moral argumentieren ist entweder niedlich oder sehr bedenklich
i.dietz 12.10.2019
5. A.k.k.
tja, die (automatische) Kür zur Kanzlerin-Kandidatin ist damit wohl endgültig futsch ! Und das ist gut so !
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