Nikolaus Blome

Rechtspopulisten in der Pandemie Die AfD hat die Seuche

Nikolaus Blome
Eine Kolumne von Nikolaus Blome
Die AfD kann's nicht mehr. Sie kriegt keinen Zugriff auf die Corona-Wut, degradiert sich selbst zum Helferlein, und bald ist auch noch Trump weg.
Alice Weidel und Alexander Gauland (beide AfD) mit Plakaten gegen das Infektionsschutzgesetz

Alice Weidel und Alexander Gauland (beide AfD) mit Plakaten gegen das Infektionsschutzgesetz

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Michael Kappeler / dpa

Eine Zeit lang musste es immerhin ein krasser Nazi-Spruch sein, damit sich die AfD-Spitze zerstritt. Inzwischen reicht ein kleiner Glückwunsch an Joe Biden. Kaum hatte die Fraktionsdoppelspitze Gauland/Weidel dem nächsten US-Präsidenten gratuliert, wetterte Partei-Vize Beatrix v. Storch über »massive Hinweise auf Wahlfälschung«. »Keine Glückwünsche für den globalistischen Wahlbetrüger Joe Biden«, schimpfte der Bundestagsabgeordnete Markus Frohnmaier, stellvertretend für viele.

Die Rechtsaußen-Populisten können einem leidtun: Sie haben die Seuche. Oder besser: Sie haben die Seuche eben nicht, sie kriegen seit Monaten keinen Griff auf das alles beherrschende Thema Corona, keine Instrumentalisierung, keine gesteuerte Brandbeschleunigung. Sie können im Bundestag ohne Maske herumlaufen oder bei Covidioten-Demos auftreten – es kratzt halt kaum noch einen.

Vergangenen Mittwoch legte Alexander Gauland also eine Schippe drauf und redete im Bundestag von »Symptomen einer Gesundheits-Diktatur«. Andere hantierten mit dem Nazi-vergifteten Wort »Ermächtigung«. Das allein fügte sich aber immer noch nicht zum einst so publikumswirksamen Provokations-Dreier der AfD: Erst hat man etwas Unsägliches gar nicht gesagt, dann so nicht gesagt und dann so nicht gemeint. Nein, erst als man stadtbekannten Corona-Trollen willfährig die eigene Bühne, den Reichstag, überließ, triggerte das empörte Aufmerksamkeit. Dabei ist das Ganze ein Armutszeugnis: Die AfD degradiert sich vor aller Augen zum kleinen Helferlein anderer Kräfte, die stärker sind.  Nicht einmal mehr richtig zündeln kann sie noch selbst, nur die verdruckste Entschuldigung bleibt ihr am Ende als Auftritt.

Dabei liegen die Dinge im Land derzeit durchaus günstig für eine Partei des Gifts: Die Corona-Pandemie zehrt mächtig an den Nerven der Bürger, nährt betongrauen ennui und bedroht sogar das Weihnachten mit der Familie. Regierung und Behörden haben ihrerseits wachsende Schwierigkeiten, die Bürger von Konsistenz und Augenmaß der gefassten Beschlüsse zu überzeugen. Auch die Kanzlerin hat sich, Entschuldigung, jüngst beide Füße gebrochen, als sie zu erklären suchte, warum die einzig echte Gerechtigkeit bei den Einschränkungen (»Alles zu!«) gleichmacherisch und eben nicht gerecht sei, weshalb Opfer von manifester Ungleichbehandlung (Fitnessstudio zu, Friseur offen) nicht das Gefühl haben sollten, ungerecht behandelt zu werden – also zumindest nicht im großen Maßstab (oder so ähnlich). Dieser Vortrag hätte bei der AfD einzahlen müssen, wenn ihr Nimbus als Hausmacht jener, die sich von »denen da oben« fortgesetzt veräppelt fühlen, noch voll intakt wäre. Ist er aber nicht, wie die Umfragen nahelegen. Bei den »Querdenker«-Demos sind mit Neonazis und Hooligans die Originale inzwischen gefragter.

Populismus von rechts (wie von links) braucht einen gesellschaftlichen Unterstrom, heißt es, ein sehr starkes Gefühl. Die Wut über die staatlich verfügten Alltagseinschränkungen ist so eines. Es hat eine Gruppe unversöhnlicher Corona-Leugner und Maßnahmen-Gegner zusammengeführt, die osmotische Beziehungen zu Rechtsextremen pflegen. Die Aussicht, bald vom Verfassungsschutz beobachtet zu werden, hätte die AfD mit den »Querdenkern« immerhin also gemeinsam. Diese Anordnung ist aus der Flüchtlingskrise bekannt, damals hießen die »Querdenker« »Pegida«, und die Polizei wich – wie heute – anfangs peinlich oft zurück.

Woher kommt trotzdem das manifeste Unvermögen der AfD, davon zu profitieren? Drei Gründe.

  • Die Mehrheiten für die Corona-Einschränkungen sind stabil, weil die große Gruppe der Älteren vorerst nicht wankt. Ihre Furcht vor disruptiven Gesellschaftsveränderungen machte sie (gerade in Ostdeutschland) ansprechbar für kulturell grundierte Zuwanderungs- und Flüchtlingsfeindlichkeit. Aber der hausärztlich administrierte Respekt vor Corona und einem dicken Schlauch im Hals immunisiert sie jetzt gegen Wut und Blödsinn.

  • Im populistischen Wettbewerb der Gefühle führt die AfD weiterhin eine diffuse Wut auf »die da oben« ins Feld, auf den (vermeintlich) übergriffigen Staat und die volksfernen Eliten. Das verpufft jedoch in Zeiten, in denen Millionen staatliches Kurzarbeitergeld und funktionierende Krankenhäuser wollen oder Professor Dr. Drosten an den Lippen hängen. Was in den Umfragen derzeit von CDU/CSU wieder wegzieht, geht zu den Grünen, aber nicht zur AfD. Sie hängt in den Umfragen im Bund wie fest getackert bei zehn Prozent oder darunter.

  • Corona macht wieder deutlich, was der Unterschied zwischen starkem Staat und starken Mann ist. Der geplagte Konservative sagte leise Danke schön dafür, und die AfD muss diesbezüglich nach einem neuen business case Ausschau halten. Fast überall im Westen sind die Rechtspopulisten in der Defensive, Boris Johnson zum zweiten Mal in Quarantäne und Donald Trump immerfort beim Golfen.

Kein Wunder also: Ende dieser Woche setzt die AfD alles auf die Karte mit der Märtyrernummer. Sie zieht in Kalkar einen Parteitag durch, der sich wohl kaum an geltende Corona-Regeln halten wird. Die Polizei muss erwägen, ob oder wie sie durchgreifen mag. Und man hört die AfD-Delegierten um die entsprechenden TV-Bilder förmlich betteln: LÖST! UNS! AUF! Ach, es ist die Angst vor der Bedeutungslosigkeit. Es ist ein brauner Schrei nach Liebe.

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