Die AfD und der Islam Im Geist des Konfessionalismus

Gehört der Islam zu Deutschland? Die AfD bestreitet das. Sie macht das religiöse Bekenntnis zur Machtfrage - und ähnelt damit nahöstlichen Gesellschaften.

Junge Muslime in Berlin
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Junge Muslime in Berlin

Von Daniel Gerlach, Beirut


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    Daniel Gerlach ist Orientalist und Chefredakteur des Magazins "zenith ". Er hat zahlreiche Artikel, Bücher und Filme zum Nahen Osten veröffentlicht.

Wäre Recep Tayyip Erdogan ein deutscher Politiker, gäbe er einen tüchtigen AfD-Vorsitzenden ab. Und womöglich haben die Programmatiker dieser Partei doch mehr mit dem Islam zu tun als ihnen lieb ist - oder präziser: Sie haben sich bei ihrer Selbstfindung großzügig bei den Fehlern bedient, die sie dem Islam vorhalten.

Wenn wir demnächst wieder einmal auf allen Kanälen diskutieren müssen, ob der Islam zu Deutschland gehört, lohnt es sich, auf den Zustand der nahöstlichen Gesellschaften zu schauen: Nicht etwa, weil der Islam so wie das Christentum und das Judentum von hier stammt, sondern aus einem anderen Grund: In dieser religiös vielfältigen, aber von einer muslimischen Mehrheitskultur dominierten Region ist das religiöse Bekenntnis zur Machtfrage geworden.

Ausgehend davon, ob jemand als Christ, Alawit, Sunnit oder Schiit geboren wurde, macht der "Konfessionalismus" die religiöse Identität zu einer politischen. Er produziert Schubfächer, in die man Volksstämme oder Individuen, Fromme und Freigeister einsortieren kann. Über Jahrhunderte der Geschichte des Nahen Ostens, die von muslimischen Imperien geprägt war, vereinfachte das die Bürokratie. Vor allem aber verdarb es die Gesellschaften und verhinderte Integration.

Dieser Geist des Konfessionalismus ist auch der europäischen Geschichte, insbesondere der deutschen, alles andere als fremd. Er gilt als überwunden, es scheint aber, als müsse man vor ihm wieder auf der Hut sein. Dann nämlich, wenn das religiöse Bekenntnis zur Machtfrage wird. Wenn Angehörige bestimmter Religionen mit vermeintlich Ihresgleichen in verschiedene Solidaritätslager verfrachtet werden.

Der Geist des Konfessionalismus, wie man ihn heute verstehen muss, kümmert sich verhältnismäßig wenig um das "wir", also um die Frage, wer "wir" sind oder "sein wollen". Er arbeitet sich vor allem daran ab, wer die anderen nicht sind oder nicht sein sollen.

Er spricht der anderen Seite den Willen, vor allem aber die Fähigkeit ab, eine andere Solidarität zu empfinden als die zur eigenen Konfessionsgemeinschaft. Wenn es mal hart auf hart kommt, so die Logik, stehen sie zu ihren eigenen Glaubensbrüdern, als Jude, Muslim oder Christ. Da stehen sie, sie können nicht anders.

Zwischen dem Geist des Konfessionalismus und Religiosität besteht nicht zwingend ein Zusammenhang. Der Konfessionalismus verwandelt religiöse Symbole in politische Parolen und militärische Hoheitszeichen. Man kann sogar vom Gegenteil ausgehen: Wer seine Identität vor allem darin gewahrt sieht, andere Gemeinschaften zu bekämpfen, hat wenig Muße, sich mit Fragen zu befassen, die sich um das eigene Verhältnis zu Gott, die eigene Rechtschaffenheit und den eigenen Anstand drehen. Fragen, die so gut wie alle Religionen stellen - auch der Islam.

Selbstverständlich gehört der Islam zu Deutschland

Der Geist des Konfessionalismus ist heute Merkmal von politischen Strömungen in Deutschland, die sich nicht entscheiden können, ob sie radikal säkular oder aber christlich-abendländisch sein wollen. Bewegungen, die das religiöse Bekenntnis manchmal wie ein Panier nach oben halten. Nicht, um ihre eigene Identität, sondern die Identität anderer zu definieren.

Darüber hinaus ist der programmatische Protest gegen den Satz, der Islam gehöre inzwischen auch zu Deutschland, nicht zwingend bösartig, in jedem Fall aber Wortklauberei. Auf die Gefahr, dass man es schon einmal gehört hat: Selbstverständlich gehört der Islam zu Deutschland. Er ist Bestandteil der Identität vieler Bürger dieses Landes, ob ein guter oder schlechter, angenehmer oder lästiger, steht auf einem anderen Blatt. Man kann vielleicht in philosophischen Quartetten darum feilschen, ob der Islam ein "integraler Bestandteil" Deutschlands sei - also ein Element, das Deutschland erst zu dem macht, was es ist - wogegen es eine Menge stichhaltiger Argumente gibt.

Betrachtet man allerdings, wie viel über den Islam in Deutschland diskutiert wird, liegt nahe: ob als abstraktes Konzept, Schreckgespenst oder gelebte Weltanschauung, so ist der Islam ständig gegenwärtig. Was übrigens nicht vorrangig den Muslimen anzulasten ist.

Der Islam ist, wie man weiß, kein handelndes Subjekt. Er hat keine Adresse, artikuliert sich nicht. Er kann Wandlungen erleben, wenn sich das Bild, das Menschen von ihm haben und die Bedeutung, die man ihm beimisst, nachhaltig verändern.

Man müsste Muslimen empfehlen, eine Islam-Partei zu gründen

Nun hat ein Muslim kein höheres Recht, sich über den Islam zu äußern, als ein Nichtmuslim. Muslime entscheiden nicht allein darüber, was "Teil Deutschlands" ist. Sie beeinflussen aber maßgeblich was der Islam sein soll und was nicht.

Folgt man aber dem Geist des Konfessionalismus und verlangt von den Muslimen, dass sie sich für eine Identität - die deutsche oder die islamische - entscheiden, müsste man ihnen auch empfehlen, eine Islam-Partei zu gründen. Sie wären zwar wieder Minderheit, aber mit weit mehr als einer Million Wahlberechtigter (Tendenz steigend) und in Anbetracht der sich fortschreitend zerfasernden Parteienlandschaft könnten sie es vielleicht irgendwann einmal mit der FDP aufnehmen. Sie könnten ein kleiner, klientelistischer, aber verlässlicher Koalitionspartner werden: Homo-Ehe? Mit uns eher nicht, es sei denn, wir dürfen entscheiden, was im muslimischen Religionsunterricht gelehrt wird, und bekommen ein paar Millionen aus dem Bundeshaushalt für Moscheebauten.

Man könnte sogar spekulieren, ob eine solche Islam-Partei und die AfD nicht gute Koalitionäre wären. Schließlich ist auch zahlreichen Muslimen das, was man gemeinhin als "rechtspopulistischen Diskurs" bezeichnet, alles andere als fremd: Verschwörungstheorien, Ressentiments gegen bestimmte ethnische oder religiöse Gruppen, das Bedürfnis, sich selbst fortwährend zum Opfer zu erklären, die Sehnsucht nach der Rückkehr zu einer glückseligen Vergangenheit, die es in Wahrheit nie gegeben hat.

Wer in Deutschland möchte das? Und wer hätte ein Interesse daran, das religiöse Bekenntnis so zu politisieren, dass der Geist des Konfessionalismus die Gesellschaft bestimmt? Bei aller Wachsamkeit, bei allem rechtschaffenen Einsatz für die Verteidigung unserer Grundordnung und Werte, soll man dem Geist des Konfessionalismus nicht dadurch noch bei der Entfaltung seiner zerstörerischen Kräfte helfen. Etwa dadurch, dass man die Muslime in Deutschland im Quartalsturnus auffordert, wieder einmal zwischen Islam und Grundgesetz zu wählen. Es sei denn, man glaubt, dass sie im Herzen diese Entscheidung längst getroffen haben. Weil sie ja schließlich zuallererst Muslime sind.

Video: Angela Merkel über die Auseinandersetzung mit der AfD

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hansfri 03.05.2016
1. Danke für diesen Artikel
Noch nie habe ich einen solch klarsichtigen Artikel zu diesem ausgelutschten Thema gelesen. Vielen Dank!
Baikal 03.05.2016
2. Nein, eben nicht
das Bekenntnis spielt keine Rolle, niemand will eine evangelische oder katholische Republik. Was zählt, ist allein die Abwehr eines Bekenntnisses, das sich als politisch versteht und nach seinen Grundlagen des Korans und der Sunna auch verstehen muß. Der Islam ist eine Ideologie der Herrschaft von Gläubigen über die sogenannten Ungläubigen. Ist das denn so schwer zu verstehen?
jan07 03.05.2016
3. Religion hat Privatsache zu sein!
Ein sehr guter Artikel, dem ich nur zustimmen kann. Allerdings sollte man dann auch konsequent weitere Schritte einfordern: komplette Trennung von Staat und Kirche, keine Kirchensteuer mehr, keine Kruzifixe oder Kopftücher oder sonstige religiöse Symbole in staatlichen Einrichtungen, keine türkische Fremdfinanzierung von Moscheen oder Entsendung türkischer Imame, kein Schächten von Tieren, egal ob es Juden oder Moslems betrifft. Jeder soll nach seiner Facon sellig werden, aber bitte privat und nicht zu Lasten der Allgemeinheit. Dann erübrigt sich auch die Frage, ob irgendeine Religion zu Deutschland gehört oder nicht.
bekkawei 03.05.2016
4. Aber natürlich
gehören auch der Buddhismus, der Hinduismus, Shintoismus und sogar Scientology zu Deutschland. Wer wollte das bestreiten. Und sogar die Erste Vereinigte Kirche des fliegenden Spaghettimonsters gehört zu Deutschland.
freidenker49 03.05.2016
5. Genau beim Konfessionalismus liegt der Unterschied
Während bei den Christen nur knapp 13 % religiöse Regeln über staatliches Recht stellen, so sind es bei den Muslimen zwei Drittel, die ihre religiösen Gesetzen höher achten, Dreiviertel der Muslime finden, es gebe nur eine mögliche Auslegung des Korans, nämlich eine fundamentalistische. Zu diesem Ergebnis kommt eine WZB Studie, bei der 9000 Muslime befragt wurden. Verbreitet mit einer Pressemitteilung vom 9.12.1932 mit dem Titel "islamischer religiöser Fundamentalismus ist weitverbreitet". Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ist ein renommiertes Institut, welches auch der Leibnitz Gesellschaft angehört und aus Landes und Bundesmitteln finanziert wird. Ganz nebenbei gesagt: der Satz der Islam gehört nicht zu Deutschland wird von der AFD lediglich als Überschrift für einen umfangreichen Absatz zum Thema geschrieben. In diesem Satz wird lediglich Bezug genommen auf die Äußerung von Wulf, der Islam gehört zu Deutschland. Im Artikel selbst wird dann ausgeführt, dass der orthodoxe oder fundamentalistischen Islam gemeint ist. Nicht diejenigen Muslime, die unsere Gesetze respektieren. Aber wie die WZB Studie zeigt, ist es nur eine Minderheit. Und insofern ist es ganz richtig, dass hier eine Partei auf eine Gefahr aufmerksam macht. Zumal die Migranten eine höhere Kinderzahl haben und sehr bald einen höheren Prozentsatz der Bevölkerung ausmachen werden. Und in der Studie wurden gerade solche Muslime befragt, die schon länger in den europäischen Ländern wohnen, nicht gerade Zugereiste. Und von Letzteren ist noch eher eine fundamentalistischer Einstellung zu erwarten.
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