Die Dänen machen's vor Öko-Milch bei Aldi

Renate Künast soll frischen Wind in die angestaubte deutsche Landwirtschaft bringen. Ökolebensmittel könnten das ramponierte Image der Bauernbranche aufbessern. Dänemark macht seit fast zehn Jahren gute Erfahrungen mit dem Bioanbau.
Von Thomas Görlitzer

Der dänische Bauer Günther Lorenzen aus Tondern führt regelmäßig deutsche Landwirte über seinen Hof. Immer mehr kommen zu ihm, um zu lernen, wie man Biobauer wird. 1987 war er einer der Ersten, als er die konventionelle Produktion auf seinen Hof komplett auf Ökoanbau umstellte. 140 Kühe hat er, 2000 Legehennen, und auf seinen Feldern wächst Gemüse für den Wochenmarkt und Heu für seine Tiere. In seinen Ställen produzieren die Kühe jede Menge Naturdünger für die sandigen Böden - ein Bauernhof wie zu Opas Zeiten.

Anfangs wurde er von seinen Kollegen und Nachbarn belächelt, doch inzwischen machen es ihm immer mehr Landwirte in der Region Nordschleswig nach. Im deutschsprachigen Süden des Landes arbeiten 56 Prozent aller Ökolandwirte Dänemarks. In manchen Kommunen baut schon jeder dritte Bauer nach ökologischen Grundsätzen an. Die Kühe fressen ungespritztes Gras und Heu, Hühner und Schweine laufen frei herum, ein Computer steuert die Fütterung. Und die Biobauern arbeiten nicht einmal mehr als andere, sondern nur zu anderen Zeiten: "Wir verzichten auf die chemische Keule, das Unkraut beseitigen wir mit der Hacke", so Biobauer Lorenzen. "Wir arbeiten viel im Frühling, wenn die Saat keimt, aber im Sommer können wir abends gemütlich grillen, während unsere Kollegen von der konventionellen Landwirtschaft mit den Giftwagen tagelang über die Felder fahren."

Ökolandwirtschaft: Dänemark ist den Deutschen zehn Jahre voraus

Seit 1991 wird die Bioproduktion gezielt mit EU-Strukturhilfemaßnahmen aus Brüssel gefördert. Und auch der dänische Staat hat seitdem seine Biolandwirte unterstützt. Eine solche Förderung wird in Deutschland noch heute scharf bekämpft. Bauernverbandspräsident Gerd Sonnleitner will eine gezielte Unterstützung der Ökolandwirtschaft verhindern - verständlich, denn die deutsche Bauernlobby vertritt die Interessen der fast ausschließlich industriell produzierenden Landwirte. Auch der zurückgetretene Bundesminister Karl-Heinz Funke hatte bei seinem Acht-Punkte-Programm vom vergangenen Freitag nur die klassische Landwirtschaft im Blick, als er seine "verbraucherorientierte Agrar- und Ernährungspolitik" vorstellte. Die beiden Staatssekretäre Martin Wille (Landwirtschaft) und Rainer Baake (Umwelt) waren schon sehr viel weiter vorgeprescht, als sie ebenfalls am Freitag forderten, den Ökolandbau innerhalb der kommenden zehn Jahre auf 20 Prozent auszuweiten. Die aktuelle Bioquote in Deutschland liegt bei mageren 2,9 Prozent. In Dänemark ist sie doppelt so hoch.

Ökölebensmittel: Professionelle Vermarktung

Die dänischen Biobauern haben erkannt, dass es sich lohnt, die altbewährte Egge hinter dem Traktor einzusetzen. Ihre Produkte erzielen weit höhere Preise als die ihrer Kollegen, die ihre Felder mit chemischen Pflanzenschutzmitteln besprühen. Der größte Vorteil der Dänen: Sie vermarkten ihre Ökolebensmittel so professionell wie die "normalen". Die Biomilch wird in dänischen Aldi-Geschäften verkauft, Wurst und Käse in den zwei größten Supermarktketten des Landes. Die altertümlichen Verkaufswege für deutsche Bioprodukte, wie der kleine Hofladen oder betuliche Reformhäuser, sind in Dänemark fast unbekannt. Die Dänen produzieren inzwischen viel mehr Biomilch, als sie trinken können. Der Großteil wird exportiert oder als "normale" Milch verkauft. Biomilch kostet nur knapp 30 Pfennig mehr pro Liter als "Normale".

Möhren für Baby-Nahrung

Lorenzens Kollege Hinrich Jörgensen hat sich auf Biomöhren spezialisiert. Auf neun Hektar baut er Möhren für einen deutschen Babynahrungshersteller an: "Weil wir keine Chemie einsetzen, jäten wir das Unkraut mit der Hand. Im Frühjahr ziehe ich hinter meinem Trecker ein breites Metallgestell, auf dem die Nachbarn nebeneinander liegen. Und die rupfen das Unkraut: Das ist effektiv und macht viel Spaß."

Mit diesen unkonventionellen Methoden hat sich Jörgensen seine Existenz über viele Jahre hinaus gesichert. Die dänischen Biobauern gelten europaweit als Vorreiter. Ihre Kühe geben genauso viel Milch wie in der konventionellen Landwirtschaft, ihre Felder sind ebenso ertragreich und die Kosten für zusätzliche Arbeitskräfte sind ähnlich hoch wie für Pestizide und Kunstdünger. Diese Rechnung präsentiert Biobauer Lorenzen jedes Mal, wenn die "tysk" Kollegen aus dem Süden kommen. Doch warum die Deutschen immer noch solche Vorbehalte gegenüber der professionellen Biolandwirtschaft haben, bleibt ihm ein Rätsel.

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