Die "Eiserne Lady" Merkel trennt sich von Polenz

Langsam kristallisiert sich heraus, dass der Rücktritt von CDU-Generalsekretär Polenz nicht ganz so einvernehmlich war wie behauptet. Parteichefin Merkel wollte auf dem Posten offenbar jemanden mit einer schärferen Zunge haben.


Der Neue: Laurenz Meyer
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Der Neue: Laurenz Meyer

Berlin - Gleich zu Beginn der Präsidiumssitzung in der schmucken CDU-Zentrale gab Parteichefin Angela Merkel am Montagmorgen völlig überraschend bekannt, dass Generalsekretär Ruprecht Polenz "in gegenseitigem Einvernehmen" sein Amt aufgibt. Damit hatte niemand gerechnet. Es hatte zwar in der Partei hinter vorgehaltener Hand Kritik an Polenz gegeben. Motto: "Der schafft es nicht". Doch ganz anders als bei Fraktionschef Friedrich Merz war nie offene Kritik zu hören gewesen.

Nach der Sitzung konsternierte Blicke der Parteiführung in die Kameras. Nein, selbstverständlich stecke die CDU nicht in einer Krise, betonten alle. Und Merkel habe selbstverständlich einen guten Nachfolger gefunden, war zu hören. Doch so richtig wussten die Parteioberen wohl immer noch nicht, wie ihnen gerade geschehen war. Den Rücktritt eines Generalsekretärs nach nur sechs Monaten Amtszeit, das hatte es noch nie in der CDU-Geschichte gegeben. Helmut Kohl hatte zwar 1989 seinem "General" Heiner Geißler das Vertrauen entzogen. Doch dem war ein längerer Entfremdungsprozess vorangegangen.

Polenz erklärte am Nachmittag vor den Kameras, man sei "in vollem gegenseitigen Einvernehmen" zu der Entscheidung gekommen. Aufhorchen ließ der Satz: "...um der Partei in der jetztigen strategischen Situation weiterzuhelfen". Merkel dankte und sprach gleichfalls von einem "einvernehmlichen Schritt".

Der "Brückenbauer" Polenz muss gehen
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Der "Brückenbauer" Polenz muss gehen

Um die eigentliche Begründung drückten sich beide. Der Schaden sollte begrenzt werden. Erst nach und nach ließen sie erahnen, warum. Merkel deutete an, dass der Schritt doch mehr oder weniger von ihr ausgegangen ist: "Es gab kein Im-Stich-Lassen". Und Polenz gab zu erkennen, dass er auch selbst eingesehen hat, als Polarisierer, die die CDU-Generalsekretäre auch immer waren, nicht geeignet zu sein. Er habe sich immer mehr als "Brückenbauer" denn als "Speerspitze" verstanden.

In der ihr eigenen rationalen Art habe Angela Merkel gesehen, dass zwei Jahre vor der Bundestagswahl das Profil der CDU schärfer gezeichnet werden müsse, als Polenz das vermochte, sagen Beobachter. Sie hole nun Laurenz Meyer aus Nordrhein-Westfalen, der genau dies könne. Die politischen Gegner warfen ihr aber auch gleich vor, den Schritt aus Gründen des eigenen Machterhalts getan zu haben. Das Wort vom "Bauernopfer" machte in den Stellungnahmen von SPD, Grünen, FDP und PDS die Runde.



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