Grüner Aufschwung Hurra, die Welt geht unter

Von der Dagegen- zur Sowohl-als-auch-Partei: Mit postmoderner Gesellschaftstheorie wollen die Grünen die breite Masse für sich gewinnen. Eine Vision für die Zukunft fehlt ihnen trotzdem.

Führungsduo Baerbock, Habeck: "Alle Politik ist Fragment. Sie ist nie fertig. Sie ist nie vollendet. Es gibt keine Perfektion."
Kay Nietfeld/ DPA

Führungsduo Baerbock, Habeck: "Alle Politik ist Fragment. Sie ist nie fertig. Sie ist nie vollendet. Es gibt keine Perfektion."

Ein Essay von


Wer Strategie und gegenwärtigen Erfolg der Grünen verstehen will, muss sich mit den Denkern beschäftigen, mit denen wiederum sie sich beschäftigen.

  • Der Systemtheoretiker Armin Nassehi berät Parteichef Robert Habeck.
  • Der Soziologe Andreas Reckwitz hat bei einer Klausur der Bundestagsfraktion einen Impulsvortrag gehalten.
  • Und vor einigen Wochen war bei einem Treffen der Grünen-Spitze in Dresden der amerikanische Soziologe Daniel Ziblatt zu Gast. Unter anderem auf seine Theorie stützt sich der Abschnitt über "Werte" im Zwischenbericht zu einem neuen Grundsatzprogramm, das sich die Grünen derzeit erarbeiten.

Vor allem Nassehi und Reckwitz ist gemein, dass sie die Industriegesellschaft als überholt begreifen und unsere Gesellschaft in der Spät- oder Postmoderne verorten. Nassehi zufolge sind die politischen Kategorien links und rechts nicht mehr geeignet, eine komplexer gewordene Welt zu ordnen.

"Dass etwas rechts oder links sei, konservativ oder progressiv, enthält immer weniger Informationswerte", schreibt er in seinem Buch "Die letzte Stunde der Wahrheit".
Reckwitz argumentiert, dass die Konfliktlinie zwischen links und rechts inzwischen von dem Konflikt zwischen Globalisten und Kommunitariern (den auf die Gemeinschaft orientierten) überlagert sei.

Diesen Ansatz haben die Grünen in weiten Teilen übernommen. Laut Ex-Parteichef Cem Özdemir ist die Links-Rechts-Unterscheidung nur noch "Gesäßgeografie". Habeck antwortet auf die Frage, ob die Grünen links seien, konsequent ausweichend.

Armin Nassehi: "Immer weniger Informationswerte"
Arne Dedert/ DPA

Armin Nassehi: "Immer weniger Informationswerte"

Die aktuellen Grünen präsentieren sich gern als die Liberalen, die sich gegen die Autoritären aufstellen. So wollen sie eine breitere Masse erreichen, die größer ist als ihre klassische Klientel.

Reckwitz analysiert in seinem Buch "Gesellschaft der Singularitäten", die Industriegesellschaft werde von einer "Gesellschaft des Besonderen" abgelöst:

"Zentral ist das komplizierte Streben nach Einzigartigkeit und Außergewöhnlichkeit." Das Leben werde kuratiert. Gleichzeitig sei aber nur das, was authentisch wirke, attraktiv. Reckwitz sieht eine neue Mittelklasse, die gesellschaftspolitisch linke Positionen vertrete, wirtschaftspolitisch aber liberal eingestellt sei.

Dieser Typus des Weltbürgers, den Reckwitz beschreibt, scheint in vielen Fällen eine Art Blaupause des grünen Wählers und des grünen Politikers zu sein. Bei den Grünen tummeln sich die Gewinner der Globalisierung.

Andreas Reckwitz: "Gesellschaft des Besonderen"
Sven Hoppe/ DPA

Andreas Reckwitz: "Gesellschaft des Besonderen"

Weil Nassehi glaubt, dass sich links und rechts als Kategorien nicht mehr eignen, plädiert er dafür, "Denkungsarten unterschiedlicher Systeme" miteinander zu verbinden - so sagte er es in der "Zeit". Und:

"Vernetzt euch nicht mit denen, die genauso sind wir ihr, sondern achtet auf Verschiedenheit", rät er politischen Akteuren in einem Interview mit der "Welt".

Eine ähnliche Idee vertritt auch der US-Soziologe Daniel Ziblatt:

Gerade wenn ein System mit autoritären Politikern konfrontiert sei, müssten die demokratischen Parteien gewillt sein, Koalitionen mit politischen Kontrahenten einzugehen. Als Beispiel nennt er die Demokraten in den USA, die eine "big tent party" seien, in der sehr linke auf sehr moderate Politiker träfen. Auf Deutsch: eine Volkspartei.

Die Grünen wollen das werden, keine Frage. Und Nassehi, ihr Vordenker, glaubt offenbar an eine Zukunft als Massenpartei. In einer Ausgabe des "Kursbuch", die "Das Grün" heißt, schreibt er: "Das politische Grün ist auf dem Weg zur Volkspartei".

Image der Ein-Themen-Partei

Die Gründe für den Aufschwung der Grünen, für ihre steigenden Mitgliederzahlen und die teils grandiosen Wahlergebnisse bei Landtagswahlen, Kommunalwahlen und der Europawahl sind hinlänglich beschrieben: Darunter der heiße Sommer 2018, die Fridays-for-Future-Bewegung, der Kontrast zum Aufstieg der AfD. Inzwischen haben die Grünen 89.000 Mitglieder, rund 24.000 mehr als noch vor eineinhalb Jahren, bevor Habeck und seine Ko-Chefin Annalena Baerbock den Vorsitz übernahmen.

Daniel Ziblatt: Koalitionen mit politischen Kontrahenten
Stephanie Mitchell

Daniel Ziblatt: Koalitionen mit politischen Kontrahenten

Damit sie eine Chance auf den Status einer Volkspartei haben, dürfen sie aber nicht nur Globalisierungsgewinner ansprechen. Zudem müssen sie das Image der Ein-Themen-Partei abstreifen, das ihnen nach wie vor anheftet.

Jüngst zeigte eine SPIEGEL-Umfrage, dass die Deutschen den Grünen allein in der Umwelt- und Klimapolitik die höchsten Kompetenzwerte geben. 40 Prozent bescheinigten der Partei, auf diesem Gebiet vorne zu liegen. Bei allen anderen Themenfeldern aber liegen die Grünen auf den hinteren Rängen.

Und die Grünen selbst eint ja tatsächlich in erster Linie das Engagement für die Ökologie. Darauf können sie sich verständigen, von Stuttgart bis Berlin. Aber reicht das für den Aufbau einer Volkspartei?

Hinzu kommt: Ökologie und Klimaschutz sind keine positiven Erzählungen. Die verhandelten Szenarien enden in Katastrophen - selbst, wenn es der Wahrheit entsprechen sollte, dass der Menschheit das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen, bevorsteht, dann ist das doch keine Erzählung, die eine Mehrheit der Menschen gern hören möchte.

Wo steht der Mensch?

Bis dato haben alle großen Gesellschaftsentwürfe eins gemein gehabt: Im Mittelpunkt stand der Mensch. Das gilt von Kommunismus bis Kapitalismus, und auch für alle Weltreligionen.

Für die Ökologie jedoch gilt das nicht, hier geht es immer um Eisbären, Bienen, die Arktis, den Regenwald, die Erde.

Um dem Eindruck entgegen zu wirken, ihnen ginge es eher um das Überleben von Getier als ums Wohlergehen der Bürgerinnen und Bürger, schrieben sich die Grünen schon im Jahr 2002 einen zentralen Satz ins Grundsatzprogramm:

"Im Mittelpunkt unserer Politik steht der Mensch in seiner Würde und Freiheit."

Um ein Leben in Freiheit und Würde zu ermöglichen, müsse man die Umwelt des Menschen schützen, heißt es nun in einem Zwischenbericht zum Grundsatzprogramm. Das mag sogar stimmen - doch bei vielen wird es nur den einen Eindruck erwecken: Die Grünen sind für Umweltschutz, nicht für den Menschen.

Der Sozialismus strebt nach einer gerechten Gesellschaft. Im Kapitalismus steht es jedem frei, nach seinem Glück zu streben. In der Demokratie zählt jede Stimme, zumindest bei einer Wahl, gleich viel. Der Klimaschutz jedoch birgt keine inhärente Utopie.

SPD und die Unionsparteien bauen jeweils auf Teilen der Ideologien Sozialismus und Kapitalismus auf. Die Grünen aber waren anfangs eine Antipartei ohne klares Gesellschaftskonzept, ohne eine große Idee für die Zukunft. Eine Dagegen-Partei.

Ein Konzept für eine grüne Zukunft haben sie nie entwickelt. Deshalb sind sie jetzt die Partei, die für alles und nichts zu stehen scheint:

  • Sie wollen wirtschaftsfreundlich sein, gleichzeitig aber eine höhere Umverteilung und eine Vermögenssteuer.
  • Sie wollen Hartz IV abschaffen und müssten dafür Milliarden ins System investieren.
  • Sie wollen aber an der Schuldenbremse - zumindest weitestgehend - festhalten.
  • Sie wollen in einer globalen Gesellschaft leben, aber räumen dem Klimaschutz höchste Priorität ein.
  • Sie wollen Veränderung, aber nicht darunter leiden.

Nassehi argumentiert, dass die Anerkennung dieser Widersprüchlichkeiten durch die Grünen einen Teil ihrer Attraktivität ausmache. Er ist Systemtheoretiker in der Tradition von Niklas Luhmann. Die Systemtheorie besagt, dass innerhalb des großen sozialen Systems, also der Gesellschaft, alle anderen Systeme relativ autark agieren, wie etwa das Recht, die Politik, die Wirtschaft. Die einzelnen Systeme reagieren demnach jeweils spezifisch auf Einflüsse.

Stimmenfang #107 - Mal ehrlich, wie viel tun Sie für den Klimaschutz?

Das heißt aber auch: Die Systemtheorie lässt keinen großen Raum für Zukunftsbilder oder Gestaltung. Steuerungsversuche der Systeme durch andere Systeme (wie beispielsweise der Wirtschaft durch die Politik) hielt Luhmann für problematisch.

Man darf annehmen, dass auch Habeck dieser Tradition des Denkens nahesteht. Er begreift Politik als Projekt, das niemals beendet wird. In seinem Buch "Wer wir sein könnten" schreibt er in dem Kapitel "Feier des Unvollendeten":

"Alle Politik ist Fragment. Sie ist nie fertig. Sie ist nie vollendet. Es gibt keine Perfektion."

Die Grünen wollen regieren, so viel ist klar. Der große Gesellschaftsentwurf dafür aber fehlt ihnen. Das könnte noch zum Problem werden. Die fehlende Vision ist ein Grund für den immer wiederkehrenden Vorwurf des Unkonkreten.

Die Grünen legen Konzept um Konzept vor, aber wie diese ineinandergreifen und ein Großes Ganzes bilden sollen, das bleibt nebulös.

Bei den Grünen sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, die Grünen wollen an der Schwarzen Null festhalten. Tatsächlich möchte die Partei - zumindest weitestgehend - an der Schuldenbremse festhalten. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.

insgesamt 262 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
GoaSkin 06.10.2019
1. Dagegen sein ist relativ
Im Grunde genommen ist jede Partei eine Dagegen Partei. Wie alle anderen Parteien auch sind die Grünen Gegen alle Anliegen, zu denen sie eine andere Meinung haben wie die politischen Mitbewerber. So könnte man durch die grüne Brille betrachtet auch die bürgerlichen Parteien als Dagegen-Parteien betrachten, da sie GEGEN die Homo-Ehe sind, GEGEN die Legalisierung von Drogen, GEGEN eine bessere Umweltpolitik und GEGEN Nahverkehrsprojekte.
wolle0601 06.10.2019
2. Die Grünen liberal?
Wohl kaum. Die Anti-Auto-Einstellung wendet sich im Kern gegen das Individuelle. Der Glaube an die Weisheit des Nanny State scheint mir grüne Essenz zu sein, das Wärmende einer quasireligiösen Bewegung sicher eins der Motive (aber der große Elefant im Raum, die Reproduktionsrate der Menschheit, wird konsequent ausgeblendet). Postmateriell - ja vielleicht, sofern man darunter das gut Abgesichert-sein in staatlichen Jobs versteht, oder die materielle Selbstverständlichkeit der Besserverdiener-Gattin.
angelobonn 06.10.2019
3.
Die Grünen sind keine Volkspartei und werden dies auch niemals werden. Ihr derzeitiger Höhenflug hat aus meiner Sicht drei Gründe: 1. Die katastrophale Situation der SPD, aufgrund derer sehr viele linke SPD-Anhänger zu den Grünen gewechselt sind. Das linke Lager ist ja auch insgesamt nicht stärker geworden, eher im Gegenteil, es hat aber massive Bewegungen innerhalb des linken Lagers hin zu den Grünen gegeben. 2. Die massive Unterstützung durch den überwiegenden Teil der Medien, insbesondere den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und die großen, etablierten Onlineportale. Die Berichterstattung ist fast ausschließlich positiv, teilweise kommt sie einem wie die ultimative Lobhudelei vor. Das gilt für die Berichterstattung über die Grünen ebenso wie für die Berichterstattung über diesen nahestehende NGOs. 3. Die äußerliche Attraktivität der beiden Vorsitzenden: Beide, insbesondere aber Habeck sind für Politiker ungewöhnlich jung und attraktiv, womit sie erstmal positiv rüberkommen. Das sie in der Sache oft nicht viel zu bieten haben (Stichwort Kobold, Stromspeicherung im Netz, Pendlerpauschale, Demokratie in Thüringen usw.) stört da viele nicht und kommt (siehe 2.) oftmals auch gar nicht bei den Menschen an. In der Sache sind die Grünen aber nach wie vor eine sehr linke Partei, deren Programm dem Interessen der weit überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung diametral entgegensteht. Mit so einem Programm kann man nicht Volkspartei sein.
robb 06.10.2019
4. Und selbst das eine Thema nicht
Wer nicht einmal in Interviews die Pendlerpauschale erklären kann, disqualifiziert sich selbst. Aber Hauptsache von Fotoshooting zu Fotoshooting rennen und die Zahnpasta weißen Zähne für die Illustrierten zelebrieren. Wir stehen in einer Rezension und vor gravierenden Veränderungen. Das gesamte gesellschaftliche Gefüge steht auf dem Prüfstand. Dafür braucht es Experten und keine Poser.
hpkeul 06.10.2019
5. Visionen?
Sollten wir uns von der Politik nicht erhoffen. Manche sind sogar gefährlich. Zum Beispiel die gegenwärtig verbreitete Vision vom unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang. Die veranlasst Kinder und sogar Erwachsene zu Angst, Depression und Hysterie. Davon wird man krank! Tatsächlich wird die Welt noch einige Zeit bestehen bleiben. Und ganz sicher wird es auch weiterhin Katastrophen geben. Dagegen helfen Zukunftsängste aber nicht. Sondern nur anpacken und aufräumen. Haben die Trümmerfrauen nach der größten Katastrophe aller Zeiten nämlich WK2 einfach in die Hände genommen. Weil sie sich gesagt haben: Wir schaffen dass.Und danach das beste Deutschland aller Zeiten hinbekommen. Das haben wir jetzt. Noch ein wenig vom Paradies entfernt. Dennoch großartig. Fragen Sie Dieter Nuhr!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.