Geburtstagsfeier der Grünen Trau' keinem über 40

Die Grünen werden 40 Jahre alt, Bündnis 90 wird 30 Jahre alt. Sie haben zum Doppelgeburtstag geladen. Die Radikalität ist verschwunden, übrig ist der Glaube an sich selbst.
Frank-Walter Steinmeier: "Happy Birthday, vielen Dank, und Ihnen allen eine tolle Feier!"

Frank-Walter Steinmeier: "Happy Birthday, vielen Dank, und Ihnen allen eine tolle Feier!"

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Bernd von Jutrczenka/ dpa

Die Sonnenblume ist geblieben, in all den Jahren. In großen Glasvasen steht sie an der Bar. Auf einem Transparent sind drei Variationen der Blume aufgedruckt, auf vielen alten Wahlplakaten, die an der Wand hängen, sind sie abgebildet. Die Grünen haben ins Motorwerk in Berlin-Weißensee eingeladen, einer alten Industriehalle, die Partei feiert ihren 40. Geburtstag.

Am 13. Januar 1980 haben sich die Grünen in Karlsruhe gegründet, zehn Jahre später die Listenvereinigung Bündnis 90 in Ostdeutschland. Es ist also ein Doppelgeburtstag. Die Grünen feiern an diesem Abend, wer sie waren und wer sie geworden sind. Sie feiern das ziemlich staatstragend: Die Festrede hält Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Das „amtgewordene Establishment“, wie er selbst sagt.

Die Partei und ihre Mitglieder sind zeitgleich erwachsen geworden

Ein bisschen kann man den Prozess, den die Partei in den vergangenen Jahrzehnten durchlaufen hat, wohl mit dem eines Teenagers vergleichen, der Charakterzüge anprobiert und austestet – so wie die Grünen die verschiedenen Strömungen ausprobiert haben, um zu sehen, was zu ihnen passt, was ihnen gefällt, wie sie sein wollen. Es gab rechte Öko-Bauern, Leninisten und Maoisten, es gab Anthroposophen und Punks bei den Gründungsgrünen. Viele der ideologischen Anfänge der Partei haben sich inzwischen verloren.

Trotzdem oder, wahrscheinlicher, gerade deswegen sind die Grünen die Partei der Stunde. In Umfragen liegen sie konstant über 20 Prozent, in Hessen und Bayern und bei der Europawahl sind sie auf Rekordwahlergebnisse gekommen. Nur in Ostdeutschland kamen sie auf mäßige bis schwache Ergebnisse.

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40 Jahre Grüne: Geschichte in Bildern

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Schaut man an diesem Abend durch die Halle, in denen sich die rund tausend Gäste versammelt haben, sieht man sehr vereinzelt noch Männer mit unordentlichen langen Haaren. Die meisten Anwesenden aber scheinen selbst im Establishment angekommen zu sein. Die Partei und ihre Mitglieder, sie sind zeitgleich erwachsen geworden, sie haben sich einen Platz in der Gesellschaft gesucht, der viel weiter in der Mitte ist, als so manchem Gründungsgrünen je vorschwebte.

Die, die sich davor allzusehr fürchteten, sind nicht gekommen. Sie sind ausgetreten, entweder als die Grünen Koalitionen auf Landesebene eingingen, oder als sie dem Kosovo-Einsatz der Nato zustimmten. Dafür sitzt Lukas Beckmann in der ersten Reihe, der den Grünen schon vor langer Zeit empfahl, schwarz-grüne Bündnisse einzugehen. Und Marianne Birthler, die als DDR-Oppositionelle gegen einen vermeintlich linken Staat gekämpft hat.

In der ersten Reihe sitzt außerdem Joschka Fischer, der erste und bislang einzige grüne Außenminister. Anfangs sitzt neben ihm Jürgen Trittin. Vor ihnen steht der SPD-Finanzminister und Vizekanzler Olaf Scholz, der sich mit dem grünen Fraktionschef Anton Hofreiter unterhält und sich dann, er wirkt beinah ein wenig verloren, Trittin und Fischer zuwendet, ihnen etwas auf seinem Handy zeigt – es ist ein Tweet, den Scholz als Geburtstagsgruß an die Grünen abgesetzt hat, darauf ein Foto von ihm mit vollem Haar und dem Satz „40 Jahre und wir haben uns kaum verändert“. Sie lachen. Als Scholz sich setzt, nimmt Claudia Roth neben ihm Platz, daneben Steinmeier, und neben ihm die Parteichefs Annalena Baerbock und Robert Habeck.

„Liebe Bündnisgrünen, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gäste, lieber Herr Bundespräsident, lieber Frank-Walter“, begrüßt Baerbock die Gäste, recht formlos. Den Finanzminister und Vizekanzler erwähnt sie nicht – ganz so ans eigentlich übliche Prozedere wollen sie sich dann wohl doch nicht halten. Der Begriff „Bündnisgrüne“ fällt auf, er wird an diesem Abend mehrfach gebraucht. Es ist der Versuch, die ostdeutschen Grünen mehr einzubeziehen. Vielleicht ist es der erste Schritt, den umständlichen Parteinamen Bündnis 90/Die Grünen in einen einfacheren umzuwandeln, in einen, der dem ostdeutschen Bündnis im Namen einen ebenbürtigen Platz einräumt.

"Schaut auf diese Partei"

Frank-Walter Steinmeier

Steinmeier schließlich hält eine Rede, nach der die Grünen sich noch ausgelassener feiern könnten, als sie es ohnehin schon tun. Er sagt: Die Grünen hätten das Land verändert, und das Land habe die Grünen verändert. Er bedankt sich bei der Partei. Die Grünen hätten die Ökologie neben dem Sozialen, dem Liberalen und dem Konservativen als vierten Fixpunkt in der politischen Landschaft etabliert. Sie hätten einen unschätzbaren Beitrag zur Wiedervereinigung geleistet.

Der semantische Höhepunkt der Rede aber kommt ganz leise daher. Steinmeier spricht darüber, dass es Bewährungsjahre für die Demokratie seien. Er spricht über die Dauerempörung, dem Verlust des Vertrauens in die Parteien. Er fragt, wie etablierte Parteien damit umgehen sollten. Und dann sagt er, schnell, ohne besondere Betonung oder Pause: „Meine Antwort wäre: Schaut auf diesen Geburtstag. Schaut auf diese Partei.“

Ein größeres Lob kann man der Partei wohl nicht machen, als das der Bundespräsident die Krise der Parteien mit eben ihrem Konzept bekämpfen möchte. Man fragt sich, was die SPD-Chefin Saskia Esken, die in der zweiten Reihe sitzt, an dieser Stelle wohl denkt. Es ist, als hätte der Teenager nach einer rebellischen Jugend sein Studium magna cum laude abgeschlossen, mindestens.

Aber Steinmeier mahnt auch: Leichte Siege seien in der Politik selten. Mit dem Erfolg wachse die Verantwortung, andere Interessen nicht zu übersehen und Bedürfnisse nicht gering zu schätzen. In diesen Zeiten müsse es auch ein Anliegen der Grünen sein, Brücken über die sichtbaren Gräben in der Gesellschaft zu schlagen.

Grüne sollen Verantwortung übernehmen

Nach Steinmeiers Rede droht die Veranstaltung sich etwas zu verlaufen, die Halle ist so lang, dass es schwer ist, die Aufmerksamkeit bei der Bühne zu halten. In drei kleinen Talkrunden spricht erst das Gründungsmitglied Lukas Beckmann mit der ersten ostdeutschen Vorsitzenden Marianne Birthler, dann der Altlinke Hans-Christian Ströbele mit der "Fridays for Future"-Aktivistin Luisa Neubauer und schließlich Joschka Fischer mit Aminata Touré, Landtagsvizepräsidentin in Schleswig-Holstein.

Fischer erzählt aus seiner Zeit als aktiver Parteipolitiker. „Es war nicht immer spannungsfrei“, sagt er. Bei dem Satz dreht sich Hofreiter zu Trittin und wirft ihm einen vielsagenden Blick zu. Fischer appelliert an seine Partei: „Verdammt nochmal, scheut euch nicht vor der Verantwortung, sondern nehmt sie und setzt sie durch.“ Eigentlich wirkt es nicht, als müsse er seine Partei dazu ermuntern. Parteichef Habeck sagte vor Kurzem in einem Interview mit der "taz ": "Wir wollen die Bundesregierung definieren". Radikal klingt anders.