Sprache mit Sternchen Grüne wollen den Gender-* ganz groß rausbringen

Die Grünen pflegen die geschlechtsneutrale Sprache. Verschiedene Varianten aber sorgen für Verwirrung. Künftig soll von IS-Kämpfer*innen und Tagelöhner*innen die Rede sein: Der Gender-Stern soll in der Partei Pflicht werden.
Auszug aus dem Antragsbuch der Grünen: Der Gender-Star ist da

Auszug aus dem Antragsbuch der Grünen: Der Gender-Star ist da

Foto: BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Egal bei welchem Thema, das Sternchen ist überall. Die Grünen loben die Helfer*innen in der Flüchtlingskrise und wollen die Bürger*innengesellschaft stärken. Sie sprechen sich für Sicherheitsüberprüfungen von gesuchten IS-Kämpfer*innen aus.

Geht es um Vereinbarkeit von Familie und Beruf, widmen sie sich Kassierer*innen und Arbeitnehmer*innenrechten. Und mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 will man Politikverächter*innen den Kampf ansagen.

Das Sternchen-Symbol ist ein sprachliches Hilfsmittel, um verschiedene Geschlechter und Identitäten zu berücksichtigen. Mehr als hundert Mal findet sich der sogenannte Gender-Star - auch Gender-Stern oder Gender-Sternchen genannt - in den politischen Anträgen zum Grünen-Parteitag , der am Wochenende in Halle stattfindet.

"Wir gendern grundsätzlich in allen Wörtern"

Die Bundesdelegiertenkonferenz ist für die Grünen das wichtigste Treffen des Jahres. Das Spitzenpersonal hält große Reden, der Bundesvorstand stellt sich zur Wiederwahl, die Partei positioniert sich zu aktuellen politischen Themen.

In diesem Jahr haben die Grünen eine weitere Mission: Sie wollen am Sonntag beschließen, dass die Partei künftig "im Regelfall den Gender-Star" verwendet.

Geht es nach dem Grünen-Bundesvorstand, soll das Gender-Sternchen das bislang gängige Binnen-I (wie in BürgerInnen) ablösen. Die Bundesspitze schlägt mittels eines Leitfadens vor, wie genau in Zukunft gegendert werden soll:

Foto: BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Doch warum die Festlegung auf den Gender-Star? Schließlich ist das Sternchen nicht die einzige Möglichkeit, geschlechtssensibel zu formulieren - hier ein unvollständiger Blitz-Überblick:

  • Binnen-I: StudentInnen
  • Unterstrich oder Gender-Gap: Student_Innen
  • neutrale Form: Studierende
  • Gender-Sternchen: Student*innen.

"In der Vergangenheit haben wir auf Landes- und Bundesebene mit verschiedenen Varianten experimentiert", sagt Vorstandsmitglied Gesine Agena, die die Pro-Sternchen-Satzungsänderung federführend entwickelt hat. "Mal wurde das Binnen-I eingesetzt, mal das Sternchen, mal der Unterstrich. Oft kursierten in diesem Zusammenhang zahlreiche Änderungswünsche, die mal die eine, mal die andere Variante bevorzugten. Das kostete Nerven und Papier".

Mit dem Einsatz des Gender-Stars im Regelfall strebe man nun "ein einheitliches Gendern an", erklärt die frauenpolitische Sprecherin der Grünen. "Wir halten den Gender-Star für geeignet, weil er das gesamte Spektrum von Geschlechtern und Identitäten berücksichtigt."

Miesmacher*innen und Überwacher*innen

Die Grünen verwenden seit Jahren geschlechtergerechte Schreibweisen in Anträgen, Beschlüssen und Wahlprogrammen. Inzwischen kommt kaum eine Landesregierung, Behörde oder Universität ohne Empfehlungen zur geschlechtergerechten Formulierung aus. Auch die Bundesregierung hat entsprechende Leitlinien . Allerdings gibt es große Unterschiede, inwiefern die Empfehlungen umgesetzt werden.

Im Programm zur Bundestagswahl 2013  hatten die Grünen noch konsequent auf das Binnen-I gesetzt: Dort gibt es BürgerInnen, NormalverdienerInnen, StromverbraucherInnen, FußgängerInnen, KleinanlegerInnen, GläubigerInnen, KapitalgeberInnen, AufstockerInnen oder BildungsverliererInnen - und sogar PatientInnenvertreterInnen.

Auf der Bundesdelegiertenkonferenz 2014 war das Sternchen-Symbol schon präsenter: Im Antragsbuch finden sich Formulierungen wie Miesmacher*innen und Überwacher*innen. Alles in allem taucht der Gender-Star aber nur elfmal auf.

Nun soll das Sternchen also seinen endgültigen Durchbruch bekommen. "Um sicherzustellen, dass alle Menschen gleichermaßen genannt und dadurch mitgedacht werden, wird in unseren Beschlüssen ab jetzt der Gender-Star benutzt", begründet der Bundesvorstand seinen Vorstoß. "Transsexuelle, transgender und intersexuelle Personen werden so nicht mehr unsichtbar gemacht und diskriminiert."

Im aktuellen Antragsbuch der Grünen führt das allerdings zu Wortkonstruktionen wie Beobachter*innenmission der OSZE oder Telekommunikationsanbieter*innen. Kann man es also auch übertreiben mit der Geschlechtersensibilität?

Grünen-Politikerin Agena hält dagegen, sie sieht im Gendern ein politisches Statement für Geschlechtergerechtigkeit. "Sprache beeinflusst das Denken. Wer immer nur von Ärzten, Politikern etc. redet, erzeugt Bilder von erfolgreichen Männern, während Frauen und alle anderen Geschlechter ausgeschlossen sind."

So richtig konsequent wird das Sternchen aber noch nicht angewandt - selbst nicht von denen, die für den Gender-Star am prominentesten werben. Für den Bundesvorstand ist anscheinend klar: Frauen wuchten keine Koffer, und sie schreiben auch nicht beruflich ins Internet.

Denn in einem Leitantrag zur Arbeitszeitpolitik ist die Rede von den Berufsbildern "Flughafenpacker" und "Onlineredakteur".

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