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Wahlkampfspot der Grünen »Sorry für den Ohrwurm«

Peinlich, unernst, verschroben: Für die Fernsehwerbung der Grünen gab es einigen Spott. Keine Überraschung, sagt Wahlkampfchef Michael Kellner dem SPIEGEL. Bei einer wichtigen Zielgruppe funktioniere der Spot.
Ein Interview von Jonas Schaible
aus DER SPIEGEL 35/2021
Der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner: Die Älteren im Visier

Der Bundesgeschäftsführer der Grünen, Michael Kellner: Die Älteren im Visier

Foto:

Pool / Getty Images

Die Grünen brauchen gerade dringend neue Unterstützer. In den Umfragen rutschen sie nach unten, dabei wollten sie diesmal doch raus der Nische, raus aus den eigenen Milieus. Volkspartei werden, die Kanzlerin stellen. Viele Möglichkeiten, sich wieder nach vorn zu schieben, gibt es nicht.

Das Fernseh-Triell zwischen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock und ihren Konkurrenten Armin Laschet und Olaf Scholz am Sonntag ist eine davon. Fernsehwerbung eine andere. Die sehen Hunderttausende, vielleicht Millionen Menschen, gerade auch Ältere. Personen, die nicht täglich bei Twitter jede politische Äußerung kommentieren.

Doch der Werbespot, mit dem die Grünen von sich überzeugen wollen, rief in sozialen Netzwerken erst einmal Verwunderung hervor, auch Kritik, auch Häme. In dem Video singen wechselnde Protagonisten zur Melodie von »Kein schöner Land in dieser Zeit« über Heimatverbundenheit, Aufbruch, Klimawandel, Infrastruktur – also Themen, die die Partei auch in breiteren Wählerschichten attraktiv machen sollen.

Ging das also alles nach hinten los? Fragen an den Wahlkampfchef der Partei.

Zur Person
Foto: Michael Kappeler / picture alliance

Michael Kellner, Jahrgang 1977, ist seit 2013 Bundesgeschäftsführer der Grünen, beim Parteitag am 29. Januar 2022 gibt er das Amt ab. Der studierte Politikwissenschaftler zog mit der Wahl 2021 zum ersten Mal in den Bundestag ein. Er ist Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und Mittelstandsbeauftragter der Bundesregierung.

SPIEGEL: Herr Kellner, in der Fernsehwerbung der Grünen singen viele Menschen mitunter schief ein umgedichtetes Volkslied und reimen dabei Bahn auf WLAN. Warum?

Kellner: Weil beides dringende Probleme sind, die wir anpacken müssen. Und zwar mit Zuversicht. Wir zielen mit diesem TV-Spot auf die Gruppe der über 60-Jährigen, denn sie sind diejenigen, die hauptsächlich ARD und ZDF schauen.

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SPIEGEL: Was daran soll für Ältere ansprechend sein?

Kellner: Der Spot zeigt, wo es hingehen kann mit dem Land, er zeigt Aufbruch und ist geerdet, verbunden mit einer eingängigen Melodie. Sorry für den Ohrwurm.

SPIEGEL: Wie stellen Sie sich die Generation 60 plus vor? Die dürfte eher die Rolling Stones, Bob Dylan oder Madonna hören als ein Volkslied von 1840.

Kellner: Das muss sie auch nicht, damit der Spot funktioniert. Mit den Stones hätten wir außerdem weniger überrascht. Wir bekommen jedenfalls viele Reaktionen, die bestätigen: Die Ansprache funktioniert.

Aus: DER SPIEGEL 35/2021

Der kommende Bürgerkrieg

Die Taliban haben das Land in Windeseile überrannt. Nun aber zeigt ein wahrscheinlich vom IS verübter Anschlag auf den Flughafen in Kabul, wie fragil die Herrschaft der Extremisten ist. Es fehlt den Taliban an Geld und Kämpfern, um die Lage unter Kontrolle zu halten. Afghanistan droht 20 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September zur Brutstätte des Terrors zu werden.

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SPIEGEL: Haben Sie vorher Zielgruppentests gemacht?

Kellner: Klar fühlt man vor, wie der Clip ankommt, bevor man ihn in die Welt sendet.

SPIEGEL: Sie wollen neue Milieus erreichen und ernst genug genommen werden fürs Kanzleramt. Bedient dieser Clip nicht Klischees einer idealistischen, verschrobenen Partei?

Kellner: Im Gegenteil, wir sind überzeugt, dass unser Spot die Breite der Gesellschaft anspricht. Da singt nicht nur die grüne Kernklientel, sondern auch der Paketbote, die Bootsbauerin und der Altenpfleger.

SPIEGEL: Die viele Häme bringt Sie nicht ins Grübeln?

Kellner: Politische Kommunikation muss ab und an überraschen. Die Aufregung war einkalkuliert. Wir haben eine riesige Reichweite, sind viral gegangen. Vielleicht hätten wir unser Klimasofortprogramm auch einsingen sollen, um den Klimaschutz noch stärker in den Fokus zu rücken.

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