Kampf um Grünen-Spitzenkandidatur Ein Fall für vier

Das Rennen um die Grünen-Spitzenkandidatur wird konkret: Auch Parteichef Cem Özdemir will die Partei in die Bundestagswahl 2017 führen. Die vier Favoriten geben sich harmonisch - noch.

Grünen-Politiker Göring-Eckardt, Habeck, Özdemir, Hofreiter
Michael Kellner/ Bündnis90/ Die Grünen

Grünen-Politiker Göring-Eckardt, Habeck, Özdemir, Hofreiter


Es läuft nicht schlecht für die Grünen. Der populäre Ministerpräsident Winfried Kretschmann beschert der Partei auch bundesweit ein Umfragehoch: Neuerdings landet sie bei deutlich mehr als zehn Prozent.

Auch gibt es viele Debatten, in denen sich die Partei ins Gespräch bringen kann: der Fall Böhmermann , das Integrationsgesetz, der Flüchtlingsdeal mit der Türkei, die Ägyptenreise von Sigmar Gabriel . Irgendwo empört sich immer ein Grüner über irgendetwas.

In diese Phase des Hochgefühls platzt die Bewerbung von Cem Özdemir als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2017. Der Parteichef persönlich wirft sich ins Rennen um diese Schlüsselposition, als bislang vierter Bewerber. Damit eröffnet er das große grüne Buhlen um Aufmerksamkeit und Macht.

Alles, was die Konkurrenten ab jetzt sagen oder tun, wird in die Entscheidung der Parteimitglieder einfließen: Sie stimmen in einer Urwahl über ihre Favoriten ab. Die nächsten Monate sind entscheidend - sowohl für die Bewerber selbst als auch für das Image der Grünen.

Worum geht es bei der Grünen-Urwahl?

Grünen-Parteitag
DPA

Grünen-Parteitag

Im Januar 2017 muss die Grünen-Basis (61.000 Mitglieder) ihr Spitzenkandidatenduo gewählt haben. Es geht um die beiden Personen, die die Partei durch den Bundestagswahlkampf führen, die prominent plakatiert werden und in TV-Debatten ziehen. Mindestens eine Frau muss ins Team, so sehen es die Regeln vor. Im September 2016 wird die Urwahl eingeleitet, die Spitzenkandidaten touren danach für Kennenlerntermine durchs Land.

Die Grünen veranstalten als einzige Partei so ein Prozedere. Bislang gibt es neben Özdemir drei weitere Kandidaten: Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt , Co-Fraktionschef Anton Hofreiter und den Umweltminister von Schleswig-Holstein, Robert Habeck . Bis Oktober können sich weitere Kandidaten melden.

Warum ist Özdemir so spät dran?

Özdemirs Mitstreiter haben sich schon vor Monaten bereit erklärt. Glaubt man der alten Partyweisheit "Die interessantesten Gäste erscheinen zuletzt", war sein Zögern nicht unklug. Die Profile seiner Konkurrenten sind für den Moment auserzählt, jetzt hat Özdemir seinen großen Auftritt.

Seine Kandidatur passt zur politischen Stimmung: In Baden-Württemberg entsteht die erste grün-schwarze Koalition , im Bund werden Bündnisse mit der SPD immer unwahrscheinlicher. Özdemir gilt als Fan von Schwarz-Grün, vernetzt sich seit den Neunzigern mit Unionspolitikern.

Für Özdemir geht es auch um Glaubwürdigkeit: Ein Parteichef, der sich keinen Wahlkampf zutraut, müsste viel erklären. 2013 ließ Özdemir dem Parteilinken Jürgen Trittin den Vortritt, dieses Mal hätte man eine Absage endgültig als Kneifen kritisiert.

Welche Chancen hat er?

Cem Özdemir
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Cem Özdemir

Özdemir ist bekannt, auch weil er Schlagzeilen generiert: ob mit einer mutmaßlichen Cannabispflanze auf seinem Balkon oder dem Spruch, dass man Terror "nicht mit der Yogamatte unterm Arm bekämpfen" könne. Genau für solche Vorstöße wird er in seiner Partei aber auch kritisiert. In seinem Landesverband Baden-Württemberg soll er mäßig vernetzt sein, in der Flüchtlingskontroverse um Boris Palmer wurde ihm Führungsschwäche vorgehalten. Ein Selbstläufer wird Özdemirs Bewerbung nicht.

Auf der anderen Seite werden Parteichefs nie von allen geliebt. Und Özdemir ist nicht nur politisch erfahren, sondern hat auch eine Geschichte zu erzählen, die perfekt zu den Grünen passt: Özdemir ist Schwabe mit türkischen Wurzeln, in seinem Kandidatenclip erzählt er von seiner Kindheit "als eines von zwei Ausländerkindern in der Schulklasse". Viele aktuelle Themen - Aufstiegschancen, Integration, öko-bürgerliche Identität - verkörpert Özdemir.

Wie stark ist die Konkurrenz?

Fraktionschefs Hofreiter, Göring-Eckardt
DPA

Fraktionschefs Hofreiter, Göring-Eckardt

Katrin Göring-Eckardt gilt als gesetzt auf dem Spitzenplatz, bislang hat noch keine andere Frau ihr Interesse erklärt, auch nicht Özdemirs Co-Parteichefin Simone Peter . Ist in der Partei des Genderstars so wenig Bewegung auf der Frauenseite nicht seltsam? "Beim letzten Mal war es genau umgekehrt", halten Grüne entgegen.

Um den "Männerplatz" buhlen Özdemir, Habeck und Hofreiter. Die Konkurrenz ist nicht zu unterschätzen: Der 46-jährige Habeck, vom Typ "Bauchgefühl-Politiker", tritt wie ein Frischekick für seine Partei auf, ist Philosoph, Buchautor und Vater von vier Kindern. Diplom-Biologe Hofreiter vertritt den linken Flügel der Partei - viele Mitglieder könnten mit einer Stimme für ihn gegen den Realo-Ruck in ihrer Partei protestieren. Doch wie schon bei der letzten Urwahl, als Claudia Roth überraschend verlor, gilt: Mitglieder können unberechenbar sein.

Worüber wird man sich streiten?

Man werde sich "in der Sache streiten", nicht als Personen, heißt es. Diesen Vorsatz werden die Grünen schnell vergessen. Alle Bewerber werden in diesem Jahr reisen, für sich werben, sich positionieren. Für die Partei liegt darin auch eine Chance, wieder mehr Profil zu gewinnen.

Widersprüche gibt es genug: Man ist für ein modernes Familienbild - kann sich aber nicht zu einem Nein gegen das Ehegattensplitting durchringen. Man tritt für Flüchtlinge ein - trug aber die Ausweitung der sicheren Herkunftsstaaten mit. Man will Reiche stärker zur Kasse bitten - und trotzdem ein Steuererhöhungstrauma wie 2013 vermeiden. Man will wirtschaftsfreundlicher werden - unterstützt aber den Anti- TTIP -Protest.

Am Ende werden die Mitglieder jemanden wollen, der seine Positionen am glaubwürdigsten verkaufen kann. Und wem man, nach mehr als zehn Jahren in der Opposition, das Zeug zum Mitregieren zutraut.

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Grüne Politiker*innen: Kennen Sie diese Zehn?
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mapcollect 18.04.2016
1. Schon erstaunlich
wie bei einer so jungen und ehemals revolutionären Partei so schnell so farblose und angepasste Typen an die Parteispitze gelangen.
mike.bu 18.04.2016
2. Meine Mutter hat früher immer gesagt
die stehen da wie die Orgelpfeifen. Nun kann ich nicht beurteilen ob sie für eine Orgel tauglich sind. Das "Triumvirat" für den ungehinderte Massenmigration diskreditiert sich eigentlich aufgrund eigener Qualität selber. Dazu muss man nichts mehr sagen.
albert_schabert 18.04.2016
3. Man will ..
Vieles wollen die Grünen, vorallem niemanden erschrecken, man will ja schließlich den Kanzlerkandidaten stellen. Sie haben wie die SPD Ihr Wählerfundament verloren. Anstatt sich um eine lebenswerten Umwelt,was ihre Wurzel waren,zu kümmern, träumen sie vom regieren. In der Opposition haben sie mehr erreicht.
citi2010 18.04.2016
4.
Die Quadrophonia glaubt wirklich, dass der Trend zu GRÜN auf irgendetwas anderem als dem Wunsch der BaWü Bürger nach genausoviel Veränderung wie nötig um nicht unterzugehen und auf dem relativ ruhigen bodenständigen 'Charisma' von Herrn Kretschmann beruht. Die Deutschen leisten sich Regierungswechsel nur in absoluten Ausnahmefällen, ansonsten gilt der Amtsbonus. Wenn ich noch Gründe bräuchte mich von meiner ehemaligen Partei abzuwenden, dann liefern es dieses verstolperte Quartett.
Kreklova 18.04.2016
5. Erstaunlich und bedauerlich
Leider muss ich der Einschätzung von mapcollect zustimmen. Abgesehen von Herrn Habeck, von dem ich bisher fast nichts gehört habe, bewerben sich wahrlich keine überzeugenden Persönlichkeiten. Frau Göring-Eckart ist ebenso blass geblieben wie Herr Hofreiter. Özemir, der sich im Namen der Grünen kürzlich bei der Wirtschaft als Partner angebiedert hat, vermittelt mittlerweile den Eindruck als sei er nur noch Berufsfunktionär. Zumindest eine Person, oder doch schon Persönlichkeit?, fehlt im Tableau von SPON, nämlich Sven Giegold. Im Übrigen kann man wohl den Erfolg von Herrn Kretschmann als singuläres Ereignis bewerten. Das aktuelle Umfragehoch wird als Strohfeuer schnell verglüht sein. Die knappen Wahlergebnisse bei den beiden anderen Landtagswahlen sollten dies belegen und den Grünen als Warnsignal dienen.
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