Kritik an Kretschmanns Ehe-Äußerung  Und das war nicht gut so

Der baden-württembergische Ministerpräsident hat mit einem einzigen Satz zur Ehe Schwule und Lesben vor den Kopf gestoßen. Die Grünen sind in Aufruhr - und Winfried Kretschmann gibt sich ungewohnt reumütig.

Winfried Kretschmann
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Winfried Kretschmann


"Und das ist auch gut so." Diesen Satz kennt jeder. Er steht für einen berühmten Befreiungsschlag: Das öffentliche Outing des SPD-Politikers Klaus Wowereit ("Ich bin schwul - und das ist auch gut so") trug 2001 dazu bei, dass Schwule und Lesben in Spitzenämtern selbstverständlicher geworden sind.

15 Jahre später hat Grünen-Promi Winfried Kretschmann ausgerechnet diesen Satz benutzt, um die Ehe - die in Deutschland Mann und Frau vorbehalten ist - als Leitmodell hervorzuheben. "So ist und bleibt die klassische Ehe die bevorzugte Lebensform der meisten Menschen - und das ist auch gut so", schrieb der Ministerpräsident Baden-Württembergs in einem Essay für die "Zeit".

Kretschmann hat damit heftige Reaktionen in seiner Partei und in der Schwulen-und-Lesben-Community provoziert. Der Protest war so stark, dass Kretschmann am Donnerstagnachmittag sogar eine öffentliche Erklärung abgeben musste, die man als Entschuldigung verstehen kann: Er "bedauere" es, dass die Passage "offenbar für einige Menschen missverständlich war", teilte er auf Facebook mit. "Die Ehe für Alle ist und bleibt mein politisches Ziel."

Doch der Ärger lässt sich so schnell nicht wieder einfangen. Die Grünen sind stolz darauf, dass sie unterschiedliche Familienkonstellationen konsequent schützen wollen. Verantwortung ist gleich viel wert, "egal ob in klassischer oder wilder Ehe mit oder ohne Kinder, Alleinerziehende, in Patchwork oder in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft", lautet ein Grundsatz der Partei. Gerade jetzt, angesichts des Aufstiegs der AfD, will sie sich vom "Ideal der Hausfrauenehe" abgrenzen, progressiv sein, individuelle Lebensentwürfe fördern.

"Ein Schlag ins Gesicht"

Kretschmann, der in Stuttgart mit der CDU koaliert und sich schon häufiger der Parteilinie widersetzte, wich mit seinem Plädoyer für die klassische Ehe nun deutlich davon ab. Der Ministerpräsident baue in Baden-Württemberg wohl eine Schwesterpartei auf, scherzen schon einige Grüne - vergleichbar mit der CSU in Bayern, die Angela Merkels CDU ständig in die Parade fährt.

Seit der Veröffentlichung des Kretschmann-Textes reißt der Widerspruch nicht ab. "Es gibt in Deutschland eine große Vielfalt. Und diese Vielfalt ist auch gut so", konterte der Bundestagsabgeordnete Volker Beck. "Für die Politik darf es keine Familien erster oder zweiter Klasse geben", sagte Baden-Württembergs Grünen-Chef Oliver Hildenbrand. "Kretschmann fordert mehr Politik für Heteros", titelte das Portal "Queer" .

Die Grüne Jugend warf Kretschmann vor, er befeuere "den gesellschaftlichen Rollback". Intern ist die Wut noch lauter, eine Landesgrüne sagt: "Kretschmanns Aussage ist ein Schlag ins Gesicht für alle Schwulen und Lesben, die um rechtliche Gleichstellung kämpfen."

Selbst die Partei- und Fraktionsspitze bemühte sich, Positionen zu Ehe und Gesellschaft gerade zu rücken. Parteichefin Simone Peter tat das auf Twitter mit Emojis:

Und Fraktionschef Anton Hofreiter betonte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, man trete "weiterhin für eine vielfältige Familienpolitik" ein. "Damit jeder leben und lieben kann, wie er oder sie will."

In der Sache hat Kretschmann eigentlich kaum Provokantes geschrieben. Heiraten ist beliebt, in Deutschland gibt es rund 18 Millionen Ehepaare. Auch ist Kretschmann alles andere als ein Schwulen-und-Lesben-Feind. Seine Regierung brachte im Bundesrat einen Gesetzentwurf zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ein. Im Ländle stieß er im Beamtenrecht und in Bildungsplänen Reformen gegen sexuelle Diskriminierung an.

Nun aber lässt Kretschmann viele Grüne irritiert zurück (den vollständigen "Zeit"-Beitrag finden Sie hier). Musste die Verknüpfung mit Wowereits Satz wirklich sein? Was meint er genau, wenn er im selben Absatz schreibt, die Individualisierung der Gesellschaft dürfe nicht "ins Extrem" abgleiten? Sein Facebook-Post bringt in dieser Hinsicht keine Klarheit.

Allenfalls missverständlich seien die Sätze gewesen, sagen die einen. Ein bewusstes Muskelspiel, meinen andere. Er gefalle sich eben in der Rolle des obersten Grünen-Mahners - ohne Rücksicht auf Verluste.

Reichlich wirre Krisenkommunikation

Ob Kalkül oder Fahrlässigkeit: Die baden-württembergische Landesregierung war mit dem heftigen Gegenwind offensichtlich überfordert. Darauf lässt die reichlich wirre Krisenkommunikation schließen. Noch am Mittwoch kritisierte Kretschmanns Team auf Twitter, die Zitate dazu würden "aus dem Zusammenhang gerissen".

Am Donnerstag hieß es aus der Staatskanzlei, die "saloppe" Referenz an Wowereit sei auch "mit einem Augenzwinkern" im Text gelandet. Kretschmann habe klar machen wollen: Dass Leute heiraten, ist okay - eine Wertung der Ehe als Institution sei nicht beabsichtigt.

Auf Facebook wiederum sagt Kretschmann, er habe den Wowereit-Satz ganz bewusst verwendet - nur sei er falsch verstanden worden. Viele Menschen wünschten sich die klassische Ehe, unabhängig von der sexuellen Orientierung. "Genau darauf wollte ich auch durch die Verwendung von Wowereits berühmter Redewendung anspielen".


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clauswillypeter 07.10.2016
1. Meinung
Da folgt mal jemand nicht dem grünen Mainstream - schon gibt es Aufruhr. Warum eigentlich? Auch ein Ministerpräsident darf doch eine Meinung haben.
wolle0601 07.10.2016
2. Vielleicht
sollte mal jemand den Aktivisten, die jetzt aufgeregt durcheinanderschnattern, erklären, was das "mehr" in "Mehrheit" bedeutet.
reinerhohn 07.10.2016
3. Ich verstehe diese...
....ganze Diskussion um den Begriff Ehe nicht. Ich bin der Meinung der Begriff Ehe wurde erfunden un dem Bund zweier Menschen mit unterschiedlichem Geschlecht einen Namen zu geben. So wie man den einzelnen Tage der Woche Namen gegeben hat. Wenn sich nun andere Verbindungen ergeben, zwischen zwei Maennern, oder zwischen zwei Frauen, oder wie auch immer, dann sind das m.E. keine Ehen. Welchen Namen auch immer man diesen Partnerschaften gibt, es sindkeine Ehen. Ein Dientag heißt auch nicht Sonntag, nur weil er ein Feiertag ist, und nicht gearbeitet werden muss. Oder der freie Montag einer Friseurin heißt bei ihr auch nicht Samstag, nur weil sie Montags anstelle von Samstags frei hat. Diese ganze Diskussion ist schwachsinnig und spiegelt den Wunsch dieser eheaenlichen Partnerschaften wieder als legale Verbindung betrachtet zu werden.
Märchenonkel 07.10.2016
4. Omg
Haben die Kritiker nix anderes zu tun, als sich bei jedem F... betroffen zu fühlen. Das ist peinlich, nein ihr seid peinlich, weil ihr Euch nicht gleichberechtigen wollt, sondern Euch mittlerweile als wichtiger empfindet. Das hat nichts mehr mit Gleichberechtigung zu tun.
hornochse 07.10.2016
5. Kretschmann
trotz meiner Aufgeschlossenheit und Toleranz nicht zuletzt wegen meines Freundeskreises bestehend aus unter anderem Schwulen- und Lesbenpärchen kann ich Kretschmann nur recht geben und das ist auch gut so.
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