Die Kohl-Show Das geistig-moralische Ende

Die geistig-moralische Wende hatte Helmut Kohl 1982 zum Auftakt seiner Amtszeit verkündet. Nun steht er erneut vor einem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss und kämpft um sein politisches Ansehen im Filz von schwarzen Kassen, unbekannten Spendern und verschwundenen Akten. Er wolle unbedingt aussagen, "um den absurden Vorwurf der Bestechlichkeit auszuräumen", hatte er noch im vergangenen Jahr im Bundestag gedröhnt. Doch zur Sache hatte er an diesem bemerkenswerten Tag in Berlin nicht viel zu sagen. Dafür umso mehr über sich.


Berlin - Kohl verlas zu Beginn eine mehrseitige Erklärung, die nichts beitrug zur Aufklärung, aber den Altkanzler in das Licht rückte, in dem er sich selber am liebsten sieht: Der Staat bin ich und das war gut für Deutschland. Angriffslustig und arrogant parierte er die Fragen der Ausschussmitglieder. Er, der Kanzler der Einheit, müsse sich nicht belehren lassen von den Sozis, die die Einheit doch nie gewollt haben. Und von Grünen, die ein gespaltenes Verhältnis zur Gewalt hätten, höre er sich keine Vorträge über Gesetzesverstöße an.

Der gute Mensch von Bonn. Er habe seiner Partei in einer schwierigen Situation helfen wollen. Schon gut, er habe da einen Fehler gemacht, die Spenden nicht zu deklarieren, aber dafür habe er ja nun auch "mehr Prügel bekommen, als man sich vorstellen kann".

Kriminalisieren wolle man ihn, seine Zeit als Kanzler verdunkeln, ihm den Platz in der Geschichte rauben. Was sind schon ein paar Unregelmäßigkeiten in der Parteienfinanzierung im Vergleich zu seiner historischen Größe? Hunde, die das Bein heben am großen Denkmal. Bei jeder Gelegenheit betont Kohl, dass ihm Staatsgäste, die Berlin besuchen, immer noch ihre Aufwartung machen.

Kopfschüttelnd sitzen die Ausschussmitglieder in der Katholischen Akademie zu Berlin, "ein gesegneter Ort", wie Kohl betont. Auf den Fluren sprechen sie von "Realitätsverlust", "Größen- und Verfolgungswahn", "Wahrnehmungsstörung". Schwankend zwischen Belustigung und Entsetzen registriert der Ausschuss, dass Kohl hinter allen und jedem Verrat und Missgunst vermutet: ob Parteien, Gewerkschaften, Industrie. Kohl fühlt sich umzingelt, allein gegen alle.

Aber glaube keiner, das haue ihn um. Als er am Nachmittag spürt, dass es für ihn läuft, dass er bei kniffligen Fragen sein Aussageverweigerungsrecht einsetzen kann und ansonsten bärbeißig und zynisch alles abprallen lässt, legt er sich in einer Sitzungspause noch mal richtig mit seinen Lieblingsopfern an. Richtig viel Zeit nimmt er sich für eine Pressekonferenz, redet sich in Rage. Worte wie "Idioten" fallen, "Verleumder, die nichts beweisen können" sieht er, und wenn ihm eine Frage unbotmäßig erscheint, weist er zurecht: "Für Sie immer noch Herr Doktor Kohl".

Immer absurder werden seine Erklärungen. Er selber fühlt sich offensichtlich gut, dirigiert die Fragensteller: "Nun lasst doch mal die junge Frau da." Er dreht sich um seine eigene Achse, bellt in jede Richtung, aus der eine Frage kommt. Er vermutet gar Absprachen zwischen den Journalisten und dem Ausschuss. "Dass ich nächste Woche erst um 14 Uhr befragt werde, hat doch System. Meine Äußerungen sollen nicht mehr in die Zeitungen kommen. Ich war 16 Jahre Kanzler, ich weiss doch, wann die Zeitungen ihren Umbruch haben". Fast fassungslos stehen die Journalisten in Hundertschaft daneben, retten sich in den Humor: "Wenn man ihn jetzt fragt, wer Europameister wird, sagt er: Ich." Die Kohl-Show in Berlin, eine Dokumentation eines Mannes, der sich jenseits von Zeit und Raum wähnt: Das geistig-moralische Ende.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.