Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


heute vor hundert Jahren wurde in Deutschland das Frauenwahlrecht ausgerufen. In Berlin wird es einen Festakt geben mit einer Rede der ersten deutschen Kanzlerin. Sind Frauen die besseren Wähler?

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Heft 46/2018
Was Friedrich Merz mit Deutschland vorhat

"Frauen wählen im Durchschnitt anders als Männer", heißt es im Wikipedia-Eintrag zum Thema Frauenwahlrecht. "Die Ursachen dafür sind wissenschaftlich nicht abschließend geklärt." In den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik wählten Frauen konservativer, heute wählen sie Grüner, etwa zwei Drittel der Grünenwähler sind Frauen, bei der AfD ist es umgekehrt. Die Populisten werden zu zwei Dritteln von Männern gewählt. Die AfD jedenfalls wäre nicht stärkste Oppositionspartei, wenn nicht auch Männer Stimmrecht hätten.

Wir Frauen können uns ja nicht vorstellen, wie hart es gewesen sein muss, als dann auch Frauen wählen konnten. Von meinem Schweizer Schwiegervater ist jedenfalls eine Äußerung überliefert, die das veranschaulicht. Als 1971 sogar in der Schweiz schließlich das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, soll er zu meiner Schwiegermutter gesagt haben: Das mit dem Frauenstimmrecht sei ja ganz wunderbar, dann könne sicher auch bald die Katze abstimmen.

Der Anti-Merkel

Friedrich Merz
DPA

Friedrich Merz

In dieser Woche beginnen die "Regionalkonferenzen", auf denen sich die Kandidaten für den CDU-Vorsitz der Basis vorstellen wollen. Ich muss zugeben, ich bin hin und hergerissen, wen ich lieber an der Spitze der CDU und damit ja vermutlich als nächsten deutschen Kanzler sähe, Annegret Kramp-Karrenbauer oder Friedrich Merz. Als Staatsbürgerin finde ich, dass die CDU die AfD in Schach halten sollte, das könnte sie sicher besser mit einem Vorsitzenden, der sich von Merkel abgrenzt und die Union wieder nach rechts rückt, Merz also. Andererseits ist Merz der Inbegriff der Andenpakt-CDU mit ihren Männerseilschaften, ein Mann von gestern, dazu kränkbar und dünnhäutig. Ist das gut für Deutschland? Da ist mir die nüchterne und uneitle AKK lieber. Inzwischen hat Merz ja auf die Titelgeschichte des SPIEGEL reagiert und gesagt, er sei kein "Anti-Merkel". Er wolle mit Merkel fair, anständig und loyal zusammenarbeiten, noch dazu ist er offenbar ein großer Fan der Grünen. Da fragt sich, warum er nicht schon lange in der Merkel-CDU dabei ist.

Söder im Glück

Markus Söder
DPA

Markus Söder

Markus Söder dürfte heute bestens gelaunt sein, er stellt mittags der CSU-Fraktion sein neues Kabinett vor. Und er hat den Machtkampf mit Horst Seehofer endgültig für sich entschieden, Seehofer wird in dieser Woche seinen Rückzug ankündigen, und einen Rücktritt vom Rücktritt wird es dieses Mal nicht geben. Während Söder in München Hof hält, verbringt Seehofer den Vormittag in Bautzen, kein Scherz, er besucht ein Polizeizentrum in Sachsen mit Gang durch die "Blaulichtmeile". Im Januar wird er auf einem Sonderparteitag den Parteivorsitz abgeben und dann wohl auch das Innenministerium. Ein kleiner Triumph bleibt, der ihm wichtig sein dürfte: Er hat dann Merkel als Parteichef überlebt. Um einen Monat.

Gewinnerin des Tages

Angela Merkel
AFP

Angela Merkel

Ist trotzdem Angela Merkel. Kaum dass ihr Abschied von der Macht begonnen hat, setzt auch schon die Verklärung ein. Und wie! Im aktuellen SPIEGEL bejubelt der Großdichter Martin Walser die deutsche Kanzlerin, er hat eine Eloge auf Angela Merkel verfasst, halb Liebeserklärung, halb Heiligenverehrung. Es erklingt Merkels Lobpreis, singen möchte Walser, jubeln! "Ein Lichtblick" sei sie, "ein Glücksfall", "immer glaubhaft", "unverbrauchbar", eine "epochale Erfolgsfigur", bei ihr finden "Geist und Natur" zusammen, sie ist einfach vollkommen. Das Bild der heiligen Angela ist für ihn ein "Erlösungssignal" - "ich kann immer zu diesem Bild fliehen, pilgern, wandern". Walser ist verführt. "von ihr und der stillen Wucht ihrer Schönheit." Ich glaube nicht, dass je ein Kanzler so leidenschaftlich besungen wurde.

Ich wünsche Ihnen ein wenig "Unverbrauchbarkeit". Und einen schönen Montag,

herzlich, Ihre

Christiane Hoffmann

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insgesamt 51 Beiträge
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pterodactylus 12.11.2018
1. Warum Sie Merz als Mann von gestern bezeichnen
will mir nicht ganz einleuchten. Es mag zwar stimmen, dass politisch gesehen seine Kontakte jetzt nicht kontinuierlich erneuert wurden, dafür bringt er aber jetzt lange Jahre Erfahrungen mit Sichtweisen mit, die der derzeitigen Politik vollkommen abgehen, die dafür gerade zu blind geworden ist, weil nicht sein darf, was nicht konform ist. Und genau dieser frische Wind ist doch das, was seit langem gefordert wird und dem ewigen "weiter so" entgegen steht. Warum haben also gerade diejenigen, die die ganze Zeit gerufen haben "wir brauchen unbedingt was Neues" jetzt Angst vor der Veränderung und suchen das Blasse, das gerade wieder für "weiter so" steht?
inecht 12.11.2018
2. rechts und von gestern ...
... diese unheilige Allianz wird den Kapitalismus fördern - kauft mehr Aktien, aber diesmal nicht Telekom, sondern H& K oder Rheinmetall. Waffenexporte statt Befriedung - also weltweit weitere Fluchtgründe schaffen mit immer mehr Waffen.
hersp58 12.11.2018
3. na ja...
Merz stünde als Parteichef und vielleicht künftiger Kanzler dermaßen im Focus der Öffentlichkeit, dass er sich negative Verhaltensweisen wie Dünnhäutigkeit und aufbrausendes Temperament schnell abgewöhnen müsste. Schließlich wäre er kein Bürgermeister einer Kleinstadt, wo er regieren könnte wie ein Sonnenkönig. Ob seine Politik "von gestern" wäre würde sich zeigen. Diese Attribute sollte man auch mal näher erklären. Die Politik "von heute" scheint jedenfalls nicht mehr so recht zu funktionieren. Die heutigen "Erfolgsparteien" wie z.B. die GRÜNEN leben z.Zt. von den Fehlern der sogn. Volksparteien. Auf eigenem Mist sind deren Erfolge jedenfalls nicht gewachsen.
M. Vikings 12.11.2018
4. Merz wäre gut.
Der gewinnt ein paar "besorgte" Wähler von der AfD zurück und ein paar Hotelbesitzer von der FDP. Ich glaube Lindner hat jetzt schon Albträume. Wer so offen wirtschaftsnah und wählerfern wie Merz ist, gegen den wird der Wahlkampf für die fortschrittlichen Kräfte leichter. Aber ich fürchte die CDU ist nicht dumm genug, und es wird der Merkelclone Kramp-Karrenbauer.
M. Vikings 12.11.2018
5. Eben im MOMA zum Thema Frauenwahlrecht.
Ein besorgter Bürger aus den 50ern erklärt in rheinischem Dialekt in die Kamera: "Eine Frau gehört am Kochtopf." Schön in schwarz/weiß wirkt das heute richtig komisch. Es geht voran, aber eben sehr langsam, wie bei alle politischen Themen, bei denen irgend eine einflußreiche Gruppe sich durch Machtverlußt bedroht fühlt oder bedroht ist.
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