Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


Sie wissen noch nicht, wen Sie wählen? Ich kann es Ihnen sagen: Wenn Sie nicht die AfD oder die Linke wählen, dann wählen Sie Angela Merkel, jedenfalls indirekt. Denn es gibt keine bürgerliche Partei mehr, die nicht mit der Union koalieren will. Die FDP will das, die Grünen wollen das, und nun will es auch die SPD, wie meine Kollegen aus dem Hauptstadtbüro recherchiert haben. Die Spitzenleute glauben nicht mehr an eine Machtoption für Martin Schulz, sie wollen sich ein weiteres Mal in eine Große Koalition retten.

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Heft 38/2017
Eine Gebrauchsanweisung

Der SPIEGEL von heute ist die letzte Ausgabe, die komplett vor dem Wahltag verkauft wird. Wir haben sie deshalb zu unserer Schwerpunktausgabe zur Wahl gemacht. Da so viele Bürger noch unentschlossen sind, bieten wir eine ausführliche Handreichung für die Minuten in der Wahlkabine an. Wir stellen die Pläne der Parteien zu den wichtigsten Themen vor und erzählen, in welcher Koalition was gemacht würde.

Markus Feldenkirchen porträtiert überdies Christian Lindner, den großen Verpackungskünstler und Spitzenkandidaten der FDP. Melanie Amann schreibt über Alice Weidel, die große Selbstverleugnerin und Spitzenkandidatin der AfD. Martin Schulz, der große Politikhiob und Spitzenkandidat der SPD, äußert sich ausführlich in einem SPIEGEL-Gespräch. Als Zugabe liest er aus seinem Tagebuch vor.

Stadtflucht (aber in die Stadt)

Passanten am Alexanderplatz in Berlin
Dmitrij Leltschuk/DER SPIEGEL

Passanten am Alexanderplatz in Berlin

Städte sind großartig, Städte sind fürchterlich. Das Leben in Städten ist frei, anregend, aufregend. Das Leben in Städten ist anstrengend und teuer. Offenbar überwiegt das Positive. Denn die Leute ziehen dahin, wo viele Leute leben, die Städte wachsen. Berlin wächst, München wächst, Frankfurt am Main wächst, Leipzig wächst. Wohnraum wird knapp, Überfüllungen drohen. Die Kollegen vom Ressort Deutschland haben recherchiert, wie die Lage in den Großstädten ist, beschreiben die Freuden, die Probleme, die Lösungen. Ein Text für Stadtfreunde, ein Text für Stadthasser, ein sehr guter Text.

Stuhlkreis mit Lehrer

"In einem Seminarraum der psychosomatischen Klinik in Bad Bramstedt sitzen elf Frauen und zwei Männer in einem Stuhlkreis." So beginnt eine Reportage von Hauke Goos und Maik Großekathöfer im neuen Heft. Die Leute, die dort sitzen, sind Lehrer. Sie sind ausgebrannt, depressiv, sie wissen nicht mehr weiter, sie kommen mit den aufsässigen Schülern nicht mehr klar. Jeder dritte deutsche Lehrer beklagt seine Erschöpfung. Goos und Großekathöfer schreiben über Begegnungen mit einem kranken Berufsstand. Einer dieser Lehrer würde mitunter gerne eine Waffe ziehen.

"Nadja Ramadan, guten Tag!"

Rakka galt im Westen für ein paar Jahre als das Zentrum des Bösen. Die Stadt in Syrien war die Hauptstadt des "Islamischen Staates". Nun wird sie belagert und ist schon zu großen Teilen erobert. Christoph Reuter war dort, hat die Kämpfe erlebt, die Luftschläge der Amerikaner. Überall riecht es nach Verwesung, nach Leichen.

Im Video: SPIEGEL-Korrespondent Christoph Reuter über den Stand der Kämpfe gegen den IS in und um Rakka.

DER SPIEGEL

In einem Flüchtlingslager nördlich der Stadt traf Reuter auf eine Frau, die zu ihm sagte: "Der SPIEGEL? Sie haben doch schon vor 20 Jahren über mich geschrieben, Nadja Ramadan, guten Tag!" Sie, eine Deutsche, war damals von ihrem Vater in den Libanon entführt worden. Später kam sie nach Deutschland zurück, lernte im Internet einen Deutsch-Türken kennen, dem sie nach Rakka folgte. Dort hatte sie "die beste Zeit meines Lebens". Nun will sie sich wieder in Deutschland niederlassen. Christoph Reuter erzählt eine atemberaubende Geschichte aus einer höllischen Stadt.

Das Geschäft mit dem Kaffee

Das schönste Geräusch des Morgens ist das Mahlen meiner Kaffeemühle. Der schönste Handgriff: den vollen Siebträger in die Espressomaschine drehen, bis zum Anschlag. Dann den Hebel nach unten drücken und zuschauen, wie der Kaffee, hoffentlich dickflüssig und dunkelbraun, in die Tasse läuft. Meine bella macchina ist zickig, sie mag nicht immer guten Espresso machen, je nach Temperatur oder Luftdruck. Wenn sie gut drauf ist, also meistens, kann der Tag kaum noch misslingen.

Starbucks Rösterei
Starbucks

Starbucks Rösterei

Es war ja klar, dass dieser Genuss nicht unschuldig ist. Es war klar, dass der SPIEGEL mir das irgendwann erzählen würde - in einer hervorragenden Geschichte im neuen Heft. Kollegen aus der Wirtschaft haben genau recherchiert, wie das Geschäft mit dem Kaffee läuft, ein gigantisches Geschäft, bei dem es auch Kinderarbeit gibt, bei dem die Kaffeepflücker ausgebeutet werden, und Fair Trade ist nicht immer wirklich fair. Und es gibt Leute, die geben ein Wahnsinnsgeld für ihre Espressomaschine aus, obwohl das gar nicht ... Nun gut. Steht alles im neuen SPIEGEL. Immer ein Gewinn, ihn zu lesen (und zu machen).

Verlierer des Tages

Das sind Adam und Eva. Es gab sie nicht. Sie mögen sagen, dass Sie das schon länger geahnt oder gewusst haben, aber nun ist es durch den Kulturwissenschaftler Stephen Greenblatt noch einmal bestätigt. Mein Kollege Johann Grolle bespricht Greenblatts Buch "The Rise and Fall of Adam and Eve" im neuen Heft. Die Geschichte der angeblich ersten Menschen der Welt war extrem erfolgreich, "hat über Jahrhunderte geprägt, wie wir über Verbrechen und Strafe, über Moral, Tod, Schmerz, Arbeit, Muße, Gemeinschaft, Ehe, Geschlecht, Neugier, Sexualität und über das Wesen des Menschseins denken". Dann kam Charles Darwin und entwickelte eine Evolutionstheorie. Adam und Eva passten da nicht hinein. Was jetzt noch fehlt, ist die Rehabilitierung der Schlange. Womöglich ist sie gar kein so übles Tier.

Gewinner des Tages: die Schlange.

Die Meldungen aus der Nacht:

Herzlich

Dirk Kurbjuweit

stellv. Chefredakteur
DER SPIEGEL

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
IMOTEP 16.09.2017
1. Opposition
Die Fata Morgana, lieber Hr. Kurbjuweit. Schulzes Kanzlerschaft, vom Winde verweht. Wieder eine Chance das Ruder doch nochmal herum zu reißen, verpasst. Wahlkampf der SPD war gekennzeichnet durch den anfänglichen Hype um Schulz und die darauf folgenden komplett überzogenen Ankündigungen des genannten. Die musste er nämlich kurz darauf teilweise zurücknehmen bzw. umdeuten und relativieren. Das erzeugt beim Wähler Unsicherheit und er entscheidet sich im Zweifelsfall für das vermeintlich sichere, sprich Merkel. Für mich gibt es nur eine Möglichkeit Links wählen und zu hoffen das wir so stark wie möglich in der Opposition werden. m.fG
nn280 16.09.2017
2. Die gegenwärtige Hektik des Martin Schulz.
resultierend aus seiner totalen Chancenlosigkeit, in der er alles verspricht und Nichts davon halten/bezahlen kann, macht ihn für mich zu einer unsymathischen Sprechblase. Nach Schröder nie mehr SPD!
nn280 16.09.2017
3. Die gegenwärtige Hektik des Martin Schulz.
resultierend aus seiner totalen Chancenlosigkeit, in der er alles verspricht und Nichts davon halten/bezahlen kann, macht ihn für mich zu einer unsymathischen Sprechblase. Nach Schröder nie mehr SPD!
winki 16.09.2017
4. Mehr als komisch, ...
die Glorifizierung von Merkel. In meinem Verwandten- und Bekanntenkreis, das sind nicht wenige, gibt es niemanden der für Merkel die Hand hebt. Wo kommen da blos die die hohen Zustimmungen her? Das ist wohl eher Wunschdenken statt Realität.
Dr. Murks 16.09.2017
5. Keinen von der Hartzviererbande
und keine Freunde der Pharmazeuten
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