Sinem Taşkın

Rechter Terror Die Mütter von Hanau

Sinem Taşkın
Ein Gastbeitrag von Sinem Taşkın
Es war kein Anschlag auf "uns alle". Hanau ist das Resultat von Rassismus in Deutschland. Zu lange ist der Rechtsterrorismus in Deutschland unerkannt geblieben. AfD und ihre Wähler müssen sich fragen, welche Verantwortung sie tragen.
Foto: Thomas Lohnes/ Getty Images

Auf der Mahnwache in Hanau habe ich in die angstvollen Augen von Müttern geblickt. Mütter, die sich an ihre Kinder geklammert haben. Mütter, die die Hände ihrer Teenager nicht mehr losgelassen haben. Mütter, deren Gesichter vor Trauer gezeichnet waren. Mütter, die Angst davor haben, dass es ihre Kinder als nächstes trifft. Das ist die Definition von Terror. Terror verbreitet Angst und Schrecken unter der Bevölkerung. Terror schüchtert Menschen ein.

Die Mütter von Hanau wissen, das war kein Anschlag "auf uns alle". Rassismus und Terrorismus gefährden unsere Demokratie. Ziel des Hasses aber sind "wir". Wir, deren Eltern aus der Türkei oder dem arabischen Raum nach Deutschland gekommen sind. Wir, "die Muslime" – ob wir nun wirklich welche sind oder nicht. (Lesen Sie hier die SPIEGEL-Titelgeschichte zum Terroroanschlag in Hanau )

Ein Gastbeitrag von

Sinem Taşkın, 36, hat Bundespräsident Gauck in Integrationsfragen beraten, arbeitete im Deutschen Bundestag und am Jugoslawientribunal.

Ich bin nur 28 Kilometer von Hanau entfernt geboren und aufgewachsen. Das Rhein-Main-Gebiet ist klein, wenn es um persönliche Verbindungen geht. Man kennt sich. Schon eine Stunde nach den Morden haben sich Jugendliche in Frankfurt und Hanau gegenseitig gewarnt, Videos von den Tatorten und Sprachnachrichten verschickt.

Bundespräsident, Ministerpräsident und Kabinettsmitglieder betreten die Bühne. Sie finden die richtigen Worte. Worte, die uns berühren. Dennoch bleibt unser Beifall verhalten und müde. Liegt es an dem Schock und der Trauer? Oder an der Tatsache, dass diese Worte zu spät kommen? Außerdem frage ich mich, warum keiner von "uns" spricht. Nicht als Zeichen gegen rechts, sondern als Zeichen für "uns". Einer, der selbst zur Zielscheibe hätten werden können.

Während sie auf der Bühne reden, denke ich an die Mahnwache von Charlie Hebdo im Juli 2015 am Brandenburger Tor. Damals war fast die gesamte bundesdeutsche Staatsspitze vertreten. Bundespräsident, Bundeskanzlerin, Bundestagspräsident, Kabinettsmitglieder, Fraktions- und Parteivorsitzende. Damals wurde öffentlich kritisiert, dass zu wenige "Muslime" zur Mahnwache gekommen sind. Auch ich persönlich musste mich rechtfertigen. Meine Rückfrage: Woran erkennt man "Muslime"? Ich drehe an diesem Abend den Spieß um und suche bewusst nach blonden Menschen. Sehe nicht viele hier auf dem Marktplatz in Hanau. Zum Glück weiß ich, dass "Deutsche" auch braune, schwarze und graue Haare haben können.

DER SPIEGEL 9/2020

Deutscher Winter

Wenn aus rechtem Hass Terror wird

Zur Ausgabe

Es ist gut, dass jetzt endlich so klar und deutlich vom rechtsextremen Terror in Deutschland gesprochen wird. Es ist gut, dass jetzt endlich der Terror von rechts zum größten politischen Problem in Deutschland erklärt wird. Schade, dass dies jetzt erst in dieser Klarheit und Deutlichkeit benannt wird – nachdem wieder Menschen in Deutschland von einem rechten Terroristen hingerichtet wurden.

Zu lange haben wir ertragen müssen, dass von Einzeltätern gesprochen wurde. Zu lange mussten wir mit ansehen, dass rechte Terroristen zu psychisch Kranken verharmlost wurden. Zu lange mussten wir beobachten, dass die "Ängste und Sorgen" der AfD- Wähler ernst genommen wurden. Deren Verunsicherung aber ist diffus. Die "Islamisierung des Abendlandes" ist nicht real. Die "Umvolkung des deutschen Volkes" ist nicht real. Die "Überfremdung" Deutschlands ist nicht real.

Real ist unsere Bedrohung. Real sind unsere Ängste. Real sind die Hetze, der antimuslimische Rassismus und die Diskriminierung, der wir uns Tag für Tag stellen. Real sind Hoyerswerda 1991, Mölln 1992, Solingen 1993, NSU von 2000 bis 2006, München 2016, Kassel 2019, Halle 2019, Hanau 2020. Deswegen müssen unsere Sorgen und Ängste ernst genommen werden. Deswegen wollen wir beschützt werden - vor Terroristen und deren politischen Wegbereitern.

AfD-Wähler gehören in die rechte Ecke gestellt. Es liegt in ihrer Verantwortung, dass rechtes Gedankengut weite Verbreitung findet. Es liegt in ihrer Verantwortung, dass "demokratisch gewählte Volksvertreter" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auftreten. Es liegt in ihrer Verantwortung, dass Faschisten eine Bühne im Bundestag und in den Landesparlamenten haben. Eine Bühne, auf der ein Kabinettsmitglied nach "Anatolien entsorgt" und von "Kopftuchmädchen und alimentierten Messermännern" gesprochen wird. Es liegt in der Verantwortung der AfD-Wähler, dass diese Partei mit finanziellen und personellen Ressourcen vom deutschen Staat ausgestattet wird. Es liegt in ihrer Verantwortung, dass mit diesem Geld menschenverachtende Slogans und rechte Ideologien vermarktet und salonfähig gemacht werden. Es liegt in der Verantwortung der AfD-Wähler, dass der politische Arm der Rechtsterroristen einen Sitz in den Parlamenten hat.

Die Arbeit der AfD wird mit meinen Steuergeldern finanziert. Ich möchte, dass mit meinem Geld die Beobachtung dieser Partei durch den Verfassungsschutz geprüft wird. Ich möchte, dass mit meinem Geld untersucht wird, wie AfD und rechter Terror im Zusammenhang stehen. Ich möchte, dass mit meinem Geld zivilgesellschaftliche Organisationen unterstützt werden, die sich für unsere Demokratie einsetzen. Ich möchte, dass mit meinem Geld die Hunderte Haftbefehle gegen Rechtsextreme endlich vollzogen werden. Ich möchte, dass mit meinem Geld Roma, Sinti, Juden, Muslime und Menschen mit internationaler Geschichte beschützt werden. Ich möchte, dass mit meinem Geld dafür gesorgt wird, dass wir uns wieder sicher fühlen können.

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