Jonas Schaible

Veränderungen durch Corona Splitter der neuen Welt

Jonas Schaible
Ein Essay von Jonas Schaible
Die Pandemie ließ die alte Normalität bersten und eine neue Gesellschaft denkbar werden - als Verheißung und als Drohung. Welche der angedeuteten Veränderungen sind von Dauer und welche nicht?
Angela Merkel, ein Fahrrad: Die CDU ist beliebt wie lange nicht, während die Städte Platz für Radverkehr machen

Angela Merkel, ein Fahrrad: Die CDU ist beliebt wie lange nicht, während die Städte Platz für Radverkehr machen

Foto: Felix Kästle/ dpa

Zu Beginn dieser Coronakrise wurde deutlich, dass die alte Normalität zersplittert ist, ohne dass jemand ermessen konnte, welche andere Normalität an ihre Stelle treten würde, welche Gewissheiten die Krise überstehen und ob das eine Verheißung ist oder eine Bedrohung.

Die Zeit nach Corona ist natürlich noch nicht in Sicht. Es hat lediglich das Ende des Anfangs der Zeit mit Corona begonnen, aber man kann doch schon etwas mehr erkennen - oder es wenigstens versuchen.

Um im Bild der Zersplitterung zu bleiben, könnte man sagen, Normalität ist massenhaft, und übt daher große Anziehungskraft aus. So ziehen sich die einzelnen Normalitätssplitter gegenseitig an und scheinen sich neu zusammenzusetzen.

Das Ergebnis sieht der alten Normalität ziemlich ähnlich: Schwitzen am Strand, schwitzen im Fitnessstudio, Besuche zu Hause und in Gruppen im Restaurant. Geht alles wieder, wird alles wieder gemacht. Kann sich aber auch alles wieder ändern, weshalb eine Gesamtbilanz mit großer Sicherheit sehr falsch wäre.

Die erhellendere Frage zu diesem Zeitpunkt lautet daher: Welche Splitter fehlen, liegen noch herum, sind an einem neuen Platz? Und welche, von denen man genau das dachte, passen sich doch wieder ein? Welche Fragmente einer neuen Welt, einer neuen Normalität lassen sich ausmachen?

Einige grundsätzliche politische Veränderungen deuten sich an - andere erweisen sich als Trugbild.

Splitter 1: Globale Entflechtung

Die womöglich größte Veränderung betrifft die Haltung zur Globalisierung. In der Frühphase der Pandemie realisierte die Öffentlichkeit auf einmal, dass bestimmte Medikamente fast komplett in Indien oder China produziert werden, dass die Wirtschaft darauf angewiesen ist, dass Teile zum richtigen Zeitpunkt dort ankommen, wo sie gebraucht werden - und dass all das extreme Abhängigkeiten bedeutet. Eine Mehrheit sieht da mittlerweile eher Gefahren als Chancen.

Die Zeit der ewigen Globalisierung ist, da sind die Ankündigungen konsistent, politisch wohl vorbei. Das Engagement des Staates beim Impfstoffhersteller Curevac, von dem zuvor berichtet worden war, der US-Präsident habe sich Exklusivrechte für einen möglichen Impfstoff sichern wollen, ist ein erster Hinweis. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt formulierte kürzlich allgemein-programmatisch: "Wir werden zukünftig Dinge selber machen, die wir anderen überlassen haben."

Symbolisch ist ein erster Schritt schon gemacht. Global strebt die Pandemie weiter ihrem Höhepunkt entgegen. In den USA werden täglich mehr Infizierte erkannt, als die chinesische Stadt Wuhan insgesamt gemeldet hat. Global baut sich die erste Welle weiter auf, während Europa gedanklich schon mit einer möglichen zweiten Welle beschäftigt ist. Die anfangs als weltweit beschworene Krise wird strikt lokal verstanden.

Splitter 2: Ein bisschen mehr Schulden

Auch wirtschaftspolitisch scheint sich etwas verschoben zu haben. Die schwarze Null wurde aufgegeben. Angela Merkel und Emmanuel Macron kündigten Milliardenhilfen für andere EU-Staaten an. CDU-Vize Volker Bouffier forderte in einem Zeitungsbeitrag einen europäischen Marshallplan.

CDU-Vize Volker Bouffier.

CDU-Vize Volker Bouffier.

Foto: Arne Dedert/ DPA

Das heißt aber nicht, dass die alte Logik gänzlich über Bord geworfen würde.

Nach dem Jahrzehnt der Schwäbischen Hausfrau scheint eher etwas eingekehrt zu sein, das man in der Sprache der deutschen Maß-und-Mitte-Politik als atmende Austerität bezeichnen könnte. Sparsamkeit bleibt eine Tugend, niemand darf über seine Verhältnisse leben. Aber die Höhe des gerade noch Erlaubten passt man der Situation an. 

"Die Schuldentragfähigkeit Deutschlands lässt eine Kreditquote von 80 bis 90 Prozent zweifellos zu", sagte SPD-Chef Norbert Walter-Borjans. Die Schuldenquote dürfe maximal auf 90 Prozent des BIP steigen, sagte CSU-Chef Markus Söder.

Zwischen den 60 Prozent Staatsverschuldung (Maastricht-Kriterium) und den 90 Prozent, die man wohl nicht erreichen wird und die daher als Obergrenze formuliert werden, kann man sich etwas mehr Freiheit leisten. 

Splitter 3: Die Stadt den Radlern

Ob das Homeoffice bleiben, ob Flugreisen unterlassen, ob infektionsgeschütztere Autofahrten die Bahn ausbremsen werden, ob sich also Mobilität grundlegend ändern wird, darüber lässt sich noch wenig sagen. Aber es sieht so aus, als könnte Corona der Anfang vom Ende der autogerechten Stadt sein. 

In Paris sperrt die Bürgermeisterin große Verkehrsachsen für Autos und erfindet die Metropole als Fahrradstadt neu. Brüssels Bürgermeister verkündete gleich die "Vélorution", die Fahrradrevolution also: große Teile der Innenstadt werden für Autos gesperrt, noch größere Tempo-30-Zone. In Deutschland gehen Städte weniger weit, aber auch in Berlin oder München wurden einstweilen breite Fahrradspuren geschaffen.

Breiter Radstreifen in Berlin.

Breiter Radstreifen in Berlin.

Foto: Jörg Carstensen/ picture alliance/dpa

Autoreduziertere Städte werden schon lange diskutiert, die Erfahrung zeigt, dass sie nach einer Weile üblicherweise auch auf Zustimmung stoßen und so spricht vieles dafür, dass davon etwas bleiben wird. 

Das Ende der ewigen Globalisierung, ein modifiziertes Verhältnis zu Schulden und Verkehr in Großstädten - hier deuten sich keine Revolutionen, aber doch bleibende Veränderungen an. Anderswo scheint alles zu bleiben, wie es war.

Splitter 4: Lineares Denken

Zu den rüstigsten Ideen gehört das lineare Denken. Also die Vorstellung, dass man sich auf einem geraden Pfad in Richtung eines Ziels bewegt. Sie findet unbewusst ihren Ausdruck in sehr vielen Prinzipien und Überzeugungen.

"Meine Kinder werden es einmal besser haben als ich", ist linear. "Es wird schon werden", ist linear. "Es war bisher immer so", ist auch linear, nämlich die Verlängerung der Vergangenheit in die Zukunft. Wirtschaftswachstum ist im Kern linear. Ein Karriereplan ist linear. Überhaupt ist Fortschrittsdenken meist linear. Die viel geforderte "Rückkehr zur Normalität" natürlich auch.

Man erkennt die Widerstandsfähigkeit dieses Denkens auch daran, dass noch immer die Frage nach Lockerungen/Einschränkungen dominiert. Als bewegte Politik sich auf gerader Linie zwischen Lockdown und alter Normalität. Als könne es nicht nebeneinander (grüne, rote, gelbe, schwarze) Konzepte von unterschiedlich gewichteten Einschränkungen und Lockerungen geben.

Nun hat die Coronakrise gezeigt, dass dieses lineare Denken nicht immer nur hilfreich ist. Zum Beispiel behindert es das Verständnis von nicht-linearen Phänomenen, wie der exponentiellen Verbreitung eines Virus (oder der selbst verstärkenden Feedbackschleifen der Klimakrise). 

Das war zu Beginn der Pandemie so, die fast alle europäischen Experten, Beobachter und Politiker lange unterschätzten. Das ist auch jetzt so: Ein möglicher erneuter Ausbruch hätte nicht kurze, sondern abermals sehr lange neue Einschränkungen zur Folge, also nicht-lineare Konsequenzen.

Trotzdem ist in der linearen Lockerungskette sogar ein Ende der wahrscheinlich am wenigsten einschränkenden Einschränkung in der Diskussion, der Maskenpflicht in Läden. Als müsse der Weg der Lockerungen auf jeden Fall einmal bis zum Ende abgeschritten werden.

Splitter 5: Partei der bundesrepublikanischen Seele

So unerhört neu die Pandemie war, parteipolitisch wirkt sie eher wie eine Rückkehr in die alte Bundesrepublik: In der Krise schossen die Werte der Union nach oben und blieben dort. Die linkeren Parteien SPD, Grüne und Linke verharren zusammen bei rund 40 Prozent, Grünen-Sympathisanten sind offenbar wieder zur Union gewandert.

Vielleicht, weil das Krisenmanagement der Regierung Angela Merkels  verantwortungsvoll war. Sicher auch, weil die Bevölkerung im Zweifel eher konservativ ist. Im Jahr ihres 75. Jubiläums erweist sich die Kanzlerpartei CDU weiter als Partei der bundesrepublikanischen Seele .

Splitter 6: Leistung bleibt, was der Einzelne tut

Vorbei scheint auch der kurze Frühling des Balkonbeifalls und der Heldenreden. Mehr Geld scheint es für systemrelevante nicht-akademische Berufe nicht zu geben, für Krankenpflege, Lkw-Fahren, Gemüseernte. Bessere Arbeitsbedingungen auch nicht. Damit bleiben nicht nur Klassenstrukturen intakt, sondern auch die Idee der Leistungsträgerschaft an sich.

Die leitet sich von den Überzeugungen einer individualistischen Gesellschaft ab. In ihr steht der einzelne Mensch im Mittelpunkt, seine Würde und Rechte, auch seine Fähigkeit und Leistungen. Eine individualistische Gesellschaft fordert Einzigartigkeit, Unverwechselbarkeit, Spezialisierung. Folgerichtig hat sich eine individualisierte Leistungsbewertung eingestellt, eine individualistische Meritokratie. 

Nur zeigte die Krise: Leistung ist eben nicht nur individuell. Es mag im Ergebnis keinen großen Unterschied machen, wer den Lkw mit Lebensmitteln über die Autobahn fährt, den Spargel sticht oder Kranke pflegt. Dafür ist zwar jeweils Fachwissen notwendig, allerdings nicht unbedingt Spezialwissen. Aber es macht einen riesigen Unterschied, ob es jemand tut oder nicht.

Umgekehrt macht es für viele gut bezahlte und hoch spezialisierte Posten von innen betrachtet einen riesigen Unterschied, wer sie besetzt, aber es ist gesellschaftlich womöglich eher unerheblich, ob es jemand tut. 

Eine individuelle Meritokratie würdigt die spezifische Leistung des Einzelnen. Eine kollektive Meritokratie würde zusätzlich die Funktion für die Gesellschaft als Leistung anerkennen. Dass sich ein Verständnis dafür oder konkrete Politik in diesem Sinn entwickeln würde, danach sah es nur kurz aus.

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