Der Wettbewerb um Bayerns beste "Tafel" zeigt, wie zynisch unser Umgang mit Armut geworden ist

Und wir fragen uns, ob Kevin Kühnert den Kommunismus einführt

Dieser Beitrag wurde am 06.05.2019 auf bento.de veröffentlicht.

Für die einen ist es eine demütigende Erfahrung, für die anderen ein Wettbewerb: Die Tafeln in Bayern versorgen regelmäßig etwa 200.000 Menschen mit Essen, das sonst weggeworfen würde. Jetzt will Bayerns Ernährungs- und Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber (CSU) herausfinden, welche Tafeln im Freistaat die Aufgabe am besten bewältigen. Für die fünf Gewinner gibt es ein Preisgeld in Höhe von je 5000 Euro.

"Lebensmittelrettung" klingt netter als Armutsbekämpfung

Der Wettbewerb ist ein zynisches Symbol dafür, wie alltäglich Armut in Deutschland mittlerweile geworden ist. Offensichtlich geht es heute nicht mehr darum, Ausgrenzung zu bekämpfen, sondern sie möglichst gut zu organisieren. Dass Menschen das essen müssen, was andere nicht kaufen wollen, scheint niemanden mehr grundsätzlich zu stören. Während sich Juso-Chef Kevin Kühnert gegen DDR-Vergleiche wehren muss, zeigt Bayern, dass die Leistungsgesellschaft noch ganz gut zu funktionieren scheint. 

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Dementsprechend klingt es fast schon logisch, dass in der Pressemitteilung des CSU-geführten Ministeriums von "Lebensmittelrettung" und nicht von Armutsbekämpfung die Rede ist. Die prekäre Lebenssituation der meisten Tafel-Besucher kommt im gesamten Text ohnehin nur einmal  vor. Und an der Stelle geht es um den "Erfolg beim Retten von Lebensmitteln zum Wohl bedürftiger Menschen". Man kann sich fast freuen, dass die Armen den Weniger-Armen und Reichen die Reste aufessen, so scheint es. 

Dass so über Armut gesprochen wird – oder eben auch nicht – passt ins politische Klima. Vor allem in Bayern. Deutschlands reichstes Bundesland ist stolz auf seinen wirtschaftlichen Erfolg. Die CSU-geführte Regierung erzählt gerne, wieviel Geld sie jährlich nach Berlin oder in den Ruhrpott überweist. Sozialhilfe und Suppengemüse passen da nicht zum "Laptop und Lederhosen"-Image. Das zeigt auch der Tafel-Wettbewerb.

Nürnberg ist die Stadt mit dem zweitgrößten Armutsrisiko

Doch dieses Signal ist fatal. Auch im reichen Bayern gibt es Ungerechtigkeit. Vor allem in den Städten. Nürnberg war 2017 nach Duisburg die Großstadt mit dem zweithöchsten Armutsrisiko in ganz Deutschland. München gilt schon seit Jahren als teuerste Metropole. Der Quadratmeterpreis für Mietwohnungen ist hier seit 2008 im Schnitt um 50 Prozent gestiegen. Auch in anderen Orten, die stolz auf ihre Wirtschaft sind, kommt nicht jeder mit. Im ganzen Freistaat sollen 1,2 Millionen Menschen von Armut bedroht  sein. 

Dazu passt, dass die bayerischen Tafeln erst kürzlich wieder eine steigende Zahl von Bedürftigen meldeten . Auch davon war in der Pressemitteilung zum Wettbewerb der Landwirtschaftsministerin nichts zu lesen. Doch nur über die CSU zu schimpfen, wäre zu einfach. 

Auch die Tafeln sind inzwischen Teil des Problems

Denn auch die Tafeln müssen sich fragen, ob sie wirklich noch daran arbeiten, sich selbst eines Tages überflüssig zu machen. Ausgerechnet der bayerische Dachverband forderte kürzlich staatliche Hilfe beim Aufbau zentraler Logistikzentren. Selbst steuerliche Vergünstigen für die eigentlich ehrenamtlichen Tafel-Helfer wurden ins Spiel gebracht 

Vielleicht wäre es an der Zeit, statt über Lebensmittel-Spenden, Logistikzentren und steuerliche Hilfe für die Tafeln wieder über etwas ganz anderes zu diskutieren. Ungerechtigkeit und ihre Gründe zum Beispiel.