Kuriose grüne Wahlprogramm-Anträge Erdbeere vs. Himbeere

Soll man seine Wähler grundsätzlich duzen? Sind Erdbeeren in der Winterzeit verdammungswürdiger als Himbeeren? Und dürfen Pflanzen diskriminiert werden? 2600 Änderungsanträge gibt es für den Wahlprogrammparteitag der Grünen - die zehn kuriosesten im Überblick.

Berlin - Die Grünen haben wichtige Fragen zu klären auf ihrem Programmparteitag am Wochenende. Mit welcher Koalitionsaussage tritt man an? Welche steuerlichen Belastungen sind den Wählern zuzumuten? Fünf Monate vor der Bundestagswahl will sich die Ökopartei inhaltlich und strategisch so aufstellen, dass es im Herbst endlich klappt: Die Grünen wollen wieder regieren.

Wenn da nicht die grüne Basis wäre. 2600 Änderungsanträge gibt es zum Entwurf des 180-seitigen Wahlprogramms. Würde jeder von ihnen debattiert, müssten die Delegierten eine ganze Woche im Berliner Velodrom zusammensitzen. Doch nur zweieinhalb Tage sind für die sogenannte Bundesdelegiertenkonferenz (BDK) anvisiert.

Doch worum geht es da eigentlich? Die zehn kuriosesten Änderungsanträge im Überblick:

1. Duz-Pflicht

Karl Bär vom Kreisverband Miesbach hat ein grundsätzliches Problem mit dem Wahlprogramm-Entwurf: die Ansprache. "Die BDK möge beschließen, unsere WählerInnen zu duzen", heißt es in seinem Änderungsantrag. Die Begründung liefert Bär, bis vor kurzem Chef der Grünen Jugend (GJ), gleich mit. "Es ist schöner, die WählerInnen zu duzen (…). Das alte Sie-Du-Schema kommt aus einer Zeit, in der ältere und/oder sozial Höhergestellte besonders respektvoll behandelt werden mussten, die, die unten stehen, aber nicht."

2. Brauchtum

Auch Kay Karpinsky vom Kreisverband Vorpommern-Greifswald geht es um die Sprache der Grünen. "Die Formulierung 'es braucht' braucht es nicht", schreibt er in seinem Änderungsantrag. Folgende Alternativen schlägt der Grüne von der Ostseeküste für das Wahlprogramm unter anderem vor: "das setzt voraus" oder "das erfordert".

3. HerrIn der Lage?

Und noch ein Sprachantrag: Friederike Schwebler vom Kreisverband Kreisfrei Berlin sorgt sich um die semantische Geschlechtergerechtigkeit im Wahlprogramm. Ihr Änderungsantrag sieht vor, dass konsequent das Binnen-I eingesetzt wird, beispielsweise für "ArbeitnehmerInnenrechte" oder "VerbraucherInnenschutz". Auch "jede und jeder" soll durchgängig verwendet werden, "Redewendungen wie 'Herr der Lage' werden konsequent in geschlechtergerechte Äquivalente umgeschrieben", fordert Schwebler.

4. Weg mit den Gutverdienern

Semantik ist den Grünen wichtig: Der bayerische Grünen-Chef Dieter Janecek vom Kreisverband München plädiert in seinem Änderungsantrag für die Streichung des Begriffs "Gutverdienende" im Wahlprogramm. Seine Begründung: "Der Begriff 'Gutverdiener' ist willkürlich gewählt und erinnert an das Stigma der 'Besserverdienenden'." Stattdessen Menschen mit gutverdienendem Hintergrund? Oder Mehrverdiener? Alternativen benennt Janecek nicht.

5. Kultur vor Kunst

"Kunst und Kultur beflügeln" lautet die Überschrift eines Programmkapitels. Falsch, sagt Uta Belkius vom Kreisverband Berlin Mitte. "Kultur ist der Oberbegriff, so dass er am Anfang stehen sollte", schreibt sie in ihrem Änderungsantrag. Außerdem sei der Begriff "beflügeln" zu schwach. Ihr Vorschlag: "Kultur und Kunst stärken".

6. Erdbeeren vs. Himbeeren

Jetzt mal zum Inhaltlichen: Turgut Altug aus dem Kreisverband Friedrichshain-Kreuzberg hat nichts gegen Himbeeren - aber er ist der Meinung, dass die Erdbeere während der kalten Monate in Supermarktregalen noch weniger zu suchen hat. "Wir müssen wegkommen von Agrarfabriken und Massentierhaltung hin zu einer naturverträglichen bäuerlichen Landwirtschaft. Himbeeren im Winter (…)" heißt es im Umweltkapitel des Wahlprogramms. Der Änderungswunsch von Altug: "Das Wort 'Himbeeren' wird durch das Wort 'Erdbeeren' ersetzt."

7. Keine Pflanze ist illegal!

Die Grüne Jugend (GJ) pflegt traditionellerweise ein entspanntes Verhältnis zu bewusstseinserweiternden Substanzen, deshalb kommt ihr Änderungsantrag zum Umweltkapitel nicht überraschend. "Wir möchten die Verwendung von Nutzhanf und Mohn für Agrarbetriebe liberalisieren", lautet der Ergänzungsvorschlag des GJ-Vorstands. Doch die Begründung ist dann doch originell: "Beide Pflanzen haben enorme wirtschaftliche und umweltpolitische Potentiale. Mit dem Ende einer rein auf Repression setzenden Drogenpolitik sollten wir ermöglichen, diese zu nutzen." Abschließender Appell: "Keine Pflanze ist illegal!"

8. Haushaltskonsolidierung

Auch die ausgeprägte GJ-Skepsis gegenüber der Bundeswehr ist nicht neu. Überraschend kommt diesmal der Begründungszusammenhang für die Abschaffung der deutschen Armee daher - im Haushaltskapitel beim Thema "Einsparen".

9. Ende des zivilen Ungehorsams

"Zur Demokratie gehören Demonstrationen und Protest, mitunter auch ziviler Ungehorsam", heißt es im Kapitel "Bürgerrechte stärken". Der zivile Ungehorsam gilt vielen Grünen als Dogma - doch Jürgen Filius vom Kreisverband Ulm will den Begriff streichen. Seine Begründung. "In einem - möglichen - Regierungsprogramm sollte 'ziviler Ungehorsam' nicht hervorgehoben werden, da ein kooperatives Miteinander im Verhältnis Staat-Bürger angestrebt werden sollte."

10. Index und Inhaltsverzeichnis

So viele Seiten Papier - da kann man schon mal den Überblick verlieren. Deshalb fordert der Kreisverband Osnabrück-Stadt, "zur besseren Lesbarkeit einen Index und ein detaillierteres Inhaltsverzeichnis einzufügen".

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