Jakob Augstein

Drohende Fahrverbote Das Diesel-Mimimi nervt

Das Gejammer der Dieselfahrer nervt. Natürlich wurden sie von Industrie und Politik betrogen. Aber sie wollten sich auch betrügen lassen. Freunde, ihr seid selbst schuld! Tragt eure Verantwortung und haltet die Klappe!
Porsche Cayenne Diesel auf dem Genfer Autosalon, 2009

Porsche Cayenne Diesel auf dem Genfer Autosalon, 2009

Foto: DENIS BALIBOUSE/ REUTERS

Eine neue Opfergruppe macht in Deutschland von sich reden. Es ist die misshandelte Minderheit der Dieselfahrer. Klassenübergreifend - vom Passat 1.9 TDI bis zum Cayenne S Diesel - herrscht ein großes Heulen und Zähneklappern. Erst wurden diese Leute jahrelang von Bossen und Politikern betrogen und belogen. Und jetzt will man ihnen das Liebste nehmen, was sie haben: ihren treuen - und teuren - Diesel. So jedenfalls geht die traurige Geschichte, die auch mein guter Freund Jan Fleischhauer hier neulich erzählt hat. Die Wahrheit ist - wie so oft bei traurigen Geschichten - eine andere.

Enteignung! Das ist ein schlimmes Wort. Aber der ADAC ruft Enteignung und Jan Fleischhauer ruft es auch und dann muss ja etwas Schreckliches geschehen sein. Denn Enteignung klingt nach Sozialismus. Und das wäre ziemlich krass: Sozialismus in Deutschland?

Enteignungen haben sich die Linken anders vorgestellt

Gibt es Enteignungen? Es gibt ein Urteil des Leipziger Bundesverwaltungsgerichts, nach dem Städte und Kommunen Fahrverbote erlassen dürfen, um die Luftqualität zu verbessern. Weil Dieselautos besonders viel Dreck in die Luft pusten, kann das Einschränkungen für Besitzer dieser Autos bedeuten. In Hamburg zum Beispiel werden voraussichtlich ab April 600 Meter der Max-Brauer-Allee zwischen Julius-Leber-Straße und Holstenstraße für alle PKW und LKW gesperrt sein, die nicht die Abgasnormen 6 oder Euro VI erfüllen. 600 Meter. Enteignungen haben sich die Linken irgendwie anders vorgestellt.

Warum dann die Aufregung? Eigentlich ist der Deutsche gutwillig und leicht zu führen - solange man ihn in Ruhe Auto fahren lässt. Wenn man aber zwischen den Deutschen und sein Auto kommt, verliert er die Fassung, und man merkt dann gleich, dass es beim Auto immer um viel mehr geht. "Deutschland sollte stolz auf den Diesel sein!" schrieb die "Bild"-Zeitung und die AfD postet im Netz: "Teilen, wenn auch du Diesel fährst! Ich bin stolzer Dieselfahrer!" Wenn man bedenkt, was der Diesel für eine Dreckschleuder ist, könnte man auch sagen: "Ich bin stolzer Komasäufer" oder "Ich bin stolz auf meinen Nagelpilz."

Also keine Enteignungen. Die ganze Aufregung um den Selbstzünder ist ein Rohrkrepierer. Beim Thema Diesel kommt nicht der Tiger in den Tank - sondern ein brenzliges Gemisch aus Hysterie und Heuchelei, und zwar im guten alten Zweitakter-Verhältnis 1:25!

Dieselfahrer können durchatmen

Die Leute beschweren sich, dass sie sich beim Kauf eines Diesels an die geltenden Gesetze gehalten haben und nun weder Einschränkungen noch Verluste erdulden wollen. Aber die Einhaltung der Gesetze entbindet einen nicht von der Verantwortung für die Konsequenzen der eigenen Handlungen. Es gibt für diese Konstellation in Deutschland ein paar historische Vorbilder, nicht wahr? Man braucht kein Ingenieursstudium, um zu wissen, was Dieselabgase bedeuten. Wer mal mit dem Fahrrad hinter einem Bus an der Ampel gewartet hat, weiß, wovon die Rede ist.

Und jeder Autokäufer weiß auch, dass die Verbrauchswerte der Hersteller gelinde gesagt realitätsfern sind. Hier ein Auszug aus dem Testbericht eines Autoportals für den VW Touareg V6 TDI: "Als Normverbrauch (NEFZ) nennt Volkswagen 6,6 Liter auf 100 km. Zu diesem Wert tragen diverse Feinarbeiten am Motor und an den Nebenaggregaten, aber auch die sogenannte Segelfunktion, bei. Wird der Motor für den Vortrieb nicht benötigt, wird er ausgekuppelt und der Touareg rollt wie im Leerlauf. Wir lagen in der Praxis dennoch eher bei zehn Litern, was für einen 2,5-Tonner mit diesen Fahrleistungen niemanden überraschen sollte."

Zehn Liter? Die Verbrauchswerte, die Touareg-Fahrer im Internetchat austauschen, liegen noch deutlich höher: "Jetzt mal ehrlich was verbraucht euer V6 TDI im Durchschnitt. … Mein langzeitverbrauch ist 12,3 Liter" schreibt "Chris" fröhlich, und bei "Martin" sind es 13 Liter und bei "Yooman" im Stadtverkehr gar 20 Liter. Sind das die gleichen Leute, die sich jetzt beschweren, dass sie an Smogtagen künftig vielleicht nicht mehr in die Stuttgarter Innenstadt fahren dürfen?

Das Diesel-Mimimi nervt. Die Leute wurden von der Industrie und der Politik betrogen. Aber sie wollten sich gerne betrügen lassen. Dann sollen sie jetzt die Klappe halten und ihre Verantwortung tragen.

Aber weil dies die Autorepublik Deutschland ist, können die Dieselfahrer, die unsere Städte verpesten, ihre Schnappatmung einstellen, tief Luft holen und durchatmen. Eine "Expertenkommission des Bundesverkehrsministeriums" hat bereits vorgeschlagen, dass der Staat sich an den Kosten für die Umrüstung der Dieselfahrzeuge beteiligt. Im Jargon des autoindustriellen Komplexes bedeutet das Wort "Expertenkommission" so viel wie organisierte Lobbygruppe.

Am Ende, da kann man sicher sein, werden wir alle zahlen müssen. Egal, ob wir den Diesel nehmen oder das Fahrrad.

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