Außenpolitische Folgen der Dieselaffäre "Mehr als ein Blechschaden"

"Made in Germany" als Qualitätssiegel? Die Autoskandale beschädigen Deutschlands Image in der Welt, fürchtet Grünen-Chef Cem Özdemir. Er fordert: Klimaschutz muss Chefsache sein - auch außenpolitisch.

Schaufenster eines Volkswagen-Händlers in Boston (im Juni 2016)
DPA

Schaufenster eines Volkswagen-Händlers in Boston (im Juni 2016)

Ein Interview von


Zur Person
  • Gordon Welters
    Cem Özdemir, Jahrgang 1965, war von November 2008 bis Januar 2018 Parteivorsitzender der Grünen. Bei der Bundestagswahl 2017 stellte er gemeinsam mit Katrin Göring-Eckardt das Spitzenkandidatenteam seiner Partei. Nun ist er Vorsitzender des Verkehrsausschusses im Bundestag.

SPIEGEL ONLINE: Ruiniert die Dieselaffäre das Ansehen Deutschlands im Ausland?

Cem Özdemir: Ja, es schadet dem Standort und dem "Made in Germany"-Siegel massiv. Ausgerechnet die deutsche Leitindustrie, auf deren Exzellenz man sich auch im Ausland immer verlassen hat, hat mehr als einen Blechschaden bekommen. Der wird so schnell nicht weggehen - und für Außenpolitiker spürbar sein.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Özdemir: Der Abgasskandal schwächt die deutsche Soft Power, also die Macht, als positives Vorbild zu wirken. Wir können andere doch nur dann davon überzeugen, dass Demokratie, Menschenrechte und Transparenz der richtige Weg sind, wenn wir selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn die heimische Autoindustrie trickst und täuscht, schadet das nicht nur der Gesundheit der Menschen, sondern fällt auch negativ auf unser Image in der Welt zurück. Auch Deutschlands Vorreiterrolle beim Thema Klimaschutz wird massiv infrage gestellt von den Nachrichten aus der Automobilindustrie. Nun können die anderen sagen, dass wir auch nicht immer die Besten sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das ändern?

Özdemir: Wir können unsere Werte nach außen nur dann glaubhaft vertreten, wenn auch unsere Unternehmen sie als Handlungsrahmen ernst nehmen, auch deshalb ist eine lückenlose Aufklärung jetzt so wichtig. Und wir müssen das Thema Klimaschutz zur ressortübergreifenden Chefsache machen. Deshalb rate ich dazu, auf Delegationsreisen nicht nur Vertreter der Wirtschaft mitzunehmen, sondern auch Umweltverbände.

SPIEGEL ONLINE: Der Wille der Unternehmen ist bislang gering. Wie wollen Sie die Unternehmen davon überzeugen?

Özdemir: Indem ich ihnen sage, dass sie damit gutes Geld verdienen und künftig noch mehr Geld verdienen werden. Emissionsfreie Mobilität ist weltweit auf dem Vormarsch, da sollten die deutschen Unternehmen nicht zurückbleiben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle sollte die sogenannte Hard Power, also die militärische Stärke, künftig spielen?

Özdemir: Hard Power ist ein Mittel des Last Resort und sollte nur im äußersten Notfall zum Einsatz kommen. Es gibt aber viele andere Schritte, um die Wirkung zu entfalten, ohne Gewalt einzusetzen. Das hat gerade im Fall der Türkei mit der Drohung, die Hermesbürgschaften einzufrieren, schnell funktioniert. Autoritäre Herrscher hören aufmerksam zu, wenn man droht, ihnen den Geldhahn zuzudrehen. Diese Sprache verstehen sie. Das müssen wir nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass sich auch Donald Trump von Soft Power beeindrucken lässt?

Özdemir: Ich weiß nicht, von was sich Donald Trump überhaupt beeindrucken lässt. Ich kenne ja nicht mal den richtigen Ansprechpartner, die wechseln bei ihm ja quasi jeden Tag. Was ich aber weiß, ist, dass wir nicht auf Trump warten können, was das Klima angeht. Das können wir nicht verantworten.



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r_dawkins 04.08.2017
1. Diese Software-Lösung
die keine ist, fügt dem Image der dt Industrie, den größtmöglichen Schaden zu, und gefährdet langfristig viele Arbeitsplätze. Besser wäre gewesen: Schuldeingeständnis, Strafen für die Betrüger, echte Hilfe für Dieselbesitzer (hardware-Lösung, bezahlt von der Industrie), Geloben der Besserung, Neuanfang durch Rehabitilation. diese "unter den Teppich kehren" hilft der dt Autoindustrie nicht im gerngsten, sondern, im Gegenteil, schadet ihr immens. Doch dafür sind Dobrindt, Merkel und die Bosse zu Kurzsichtig, leider!
nils1966 04.08.2017
2. Automessen in den USA.....
Nun, für Trump ein gefundenes Fressen... Die Gretchenfrage: Wenn wieder mal eine Automesse in den USA stattfindet. Welcher deutsche Autokonstrukteur/Auto-Vorstand traut sich dann noch hin. Es würde nicht wundern, wenn das FBI erst mal alle per Schrotschußmethode festnimmt, und in ersten Verhören versucht, Konkreteres herauszubekommen; auch wg. Kartellabsprechen, was in den USA leicht als Verschwörung angesehen wird, und da kennen die keinerlei Spaß. Da würde sicher allerhand bislang nicht bekanntes zutage treten. Vermutlich wird in Zukunft nicht jeder deutsche Ingenieur oder Automanager aus den USA wieder heim kommen. Was ist, wenn die USA die Gelegenheit nutzen, ein generelles Verkaufsverbot deutscher Autos anzuordnen. Scheint auch nicht mehr eine irreale Option zu sein?
haresu 04.08.2017
3. Vorbild Deutschland?
Schon lange nicht. Und nicht nur beim Umweltschutz nicht. Auch bei der Aufarbeitung des Skandals sind wir höchstens drittklassig. Der Betrug wird staatlicherseits abgesegnet, der Betrogene Kunde vom Staat also noch mal betrogen und es sitzen auch weiterhin keine Manager in deutschen Knästen oder wenigstens auf Anklagebänken. Weil der Staat sie ganz offensichtlich deckt. Gut dass es noch die EU gibt. Die wird uns diese Dummtuerei ebenso wenig durchgehen lassen wie den Polen ihre Abholzerei.
ptb29 04.08.2017
4. Wir machen uns Sorgen, was die anderen über uns denken,
anstatt die ganze Sache mal rational zu betrachten. Der Welt ist unsere Selbstzerfleischung egal. Die Autos entsprachen den gültigen Gesetzen, plötzlich nicht mehr. Der Feinstaub wird hauptsächlich vom Klima beeinflusst. Stickoxide entstehen bei heißerer Verbrennung, um weniger Feinstaub zu erzeugen. Und ein Kartell ist immer noch nicht nachgewiesen, nur weil es ständig wiederholt wird. Das legt nicht der Spiegel fest, auch wenn es Auflage bringt und politisch nützlich im Wahlkampf. Erst wenn es ans Geld der Bürger geht, weil diese willkürlichen Grenzwerte teuer werden, wird hoffentlich wieder klares Denken einsetzen.
oli h 04.08.2017
5. Mag sein..
Zitat von haresuSchon lange nicht. Und nicht nur beim Umweltschutz nicht. Auch bei der Aufarbeitung des Skandals sind wir höchstens drittklassig. Der Betrug wird staatlicherseits abgesegnet, der Betrogene Kunde vom Staat also noch mal betrogen und es sitzen auch weiterhin keine Manager in deutschen Knästen oder wenigstens auf Anklagebänken. Weil der Staat sie ganz offensichtlich deckt. Gut dass es noch die EU gibt. Die wird uns diese Dummtuerei ebenso wenig durchgehen lassen wie den Polen ihre Abholzerei.
...allerdings müsste sich die EU dann auch z. B. Renault und FIAT vorknöpfen* und es ist nicht so dass die keine Lobbies haben. Leider liesst man hier recht wenig darüber was gerade in Frankreich und Italien passiert. *nach Auto Motor und Sport (Strassentest) Renault Espace dCi 1,222 g/km, Fiat 500X 845 mg/km; bester Diesel: BMW 520d 28mg/km http://www.auto-motor-und-sport.de/testbericht/real-abgastest-sauber-diesel-nox-grenzwert-fahrvebot-eu6-10254994.html
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