Dieselskandal Kein Anschluss unter Kretschmanns Nummer

Eigentlich duzen sich Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Umwelthilfe-Geschäftsführer Jürgen Resch seit Jahrzehnten. Doch der Dieselskandal treibt die beiden Männer auseinander.
Winfried Kretschmann

Winfried Kretschmann

Foto: Marijan Murat/ dpa

Wenn Winfried Kretschmann nach Jürgen Resch gefragt wird, spricht er wie über einen Fremden. Nichts deutet darauf hin, dass sich beide Männer seit 35 Jahren kennen. Dass sie per Du sind. Dass er, der einzige grüne Ministerpräsident Deutschlands, und Resch, der Chef der Deutschen Umwelthilfe (DUH), mal gemeinsam für Naturschutz und saubere Luft gekämpft haben.

"Die Deutsche Umwelthilfe ist eine Nichtregierungsorganisation", sagt Kretschmann dann. "Ich gehöre einer Regierung an."

Maximale Distanz soll das schaffen, wenn auch nicht über einen persönlichen Angriff gegen Resch. Aber Kretschmanns Worte sagen: Zwischen Resch und mir liegen Welten.

Auch Resch baut diesen Abstand auf, aber er greift lieber zur Attacke. Kretschmann sei einen "schmutzigen Deal" mit der Autoindustrie eingegangen, weil er Fahrverbote in Großstädten vermeiden wolle, sagt er in Interviews . Und dass der bekannteste Grünen-Politiker "eingeknickt" sei vor den Autobossen seiner Region, Daimler und Porsche, während Menschen in einer Feinstaubalarm-Stadt wie Stuttgart "vergiftet" würden.

Resch verklagte Kretschmanns Regierung

Am Beispiel der beiden Männer lässt sich der aktuelle Dieselstreit verdichten: Die Debatte um Abgasnormen, Fahrverbote und Software-Updates beschäftigt Konzerne, Politik und Bürger. Durch die Regierungskrise im VW-Land Niedersachsen rückt die Nähe zwischen Politik und Autoindustrie an den Bundestagswahlkampf heran. Im Kern betrifft der Streit auch Kretschmann und Resch. Die einstigen Weggefährten hängen beide mit drin. Nur sind sie inzwischen Gegner.

Weil Reschs DUH bundesweit vor Gericht gezogen ist, drohen Millionen Dieselfahrzeugen in deutschen Großstädten Fahrverbote. Eine dieser Klagen richtete sich direkt gegen Kretschmanns Landesregierung, vor Kurzem legte ein Stuttgarter Gericht Fahrverbote für ältere Diesel nahe. Das Urteil erhöhte den Druck auf den großen Dieselgipfel in Berlin. Fünf Millionen Dieselautos sollen bald durch eine neue Software weniger Schadstoffe ausstoßen, vereinbarte man.

"Ein ordentliches Ergebnis", sagte Kretschmann.

"Diese Mickey-Mouse-Lösung ist ein Witz", sagte Resch.

Eigentlich sind Resch und Kretschmann, was Anforderungen an den Schadstoffausstoß angeht, gar nicht so weit auseinander. Beide finden, dass Nachrüstungen prinzipiell möglich sein müssen, wenn sie sich denn spürbar im Realbetrieb auswirken. Doch die Frage, wie es grundsätzlich weitergehen soll zwischen Politik und Autobranche, sehen sie komplett unterschiedlich.

Auf der einen Seite steht der Ministerpräsident eines Bundeslandes, dessen Wohlstand und Arbeitsplätze ganz wesentlich von der Autoindustrie abhängen. Auf der anderen Seite steht der Chefkritiker der Branche, der nicht müde wird, deren Verfehlungen anzuprangern.

Fotostrecke

Politik und Autoindustrie: Mangel an Distanz

Foto: Getty Images

Resch führt Zahlen an, die belegen sollen, dass allein in Stuttgart täglich ein Mensch an den Folgen der hohen Stickoxid-Konzentrationen stirbt. Aus seiner Sicht biedert sich der Landesfürst an die Autoindustrie an und vergeht sich mit seinem eher milden Kurs an grundlegenden Idealen der Grünen.

Tatsächlich hat sich Kretschmanns Rolle durch sein Amt massiv verändert. 2011 ließ er sich für sein Wahlvideo bei der Gartenarbeit filmen - damals reichten 90 Sekunden Baumkronen stutzen, um die Sympathien der Menschen zu gewinnen. Inzwischen steht er nach dem Gipfel auf einer Bühne mit CSU-Chef Horst Seehofer und muss ein Dieseltreffen als Erfolg verkaufen.

Beinahe-Eklat auf Parteitag

Er macht sich für den Diesel stark, für "Schwachsinn" hält er das Ziel seiner Partei, ab 2030 nur noch emissionsfreie Autos zur Produktion zuzulassen. Privat hat er sich eine E-Klasse von Mercedes mit Euro-6-Norm zugelegt. Er wohne auf dem Land und müsse größere Strecken zurücklegen. "Da brauche ich einfach ein gescheites Auto."

Resch hingegen möchte alle Diesel, die im realen Betrieb keine sauberen Werte bringen, sofort aus den Innenstädten verbannen. Was das für Dieselfahrer, Hunderttausende von der Branche abhängige Jobs oder die Weiterentwicklung der Technologie bedeutet, ist der DUH dabei egal .

Beim Grünen-Parteitag 2016 sorgte Resch fast für einen Eklat, weil er bei einem Gastauftritt von Daimler-Chef Dieter Zetsche auf einer Gegenrede bestand. Zetsche drohte daraufhin, den Auftritt abzublasen. Resch und Zetsche mussten schließlich getrennt und nacheinander sprechen.

Viele Realos in Baden-Württemberg finden Resch marktschreierisch und radikal. Manch ein Linksgrüner sagt aber auch: Das ist genau das, was uns in den eigenen Reihen fehlt.

Ist es unter diesen Umständen überhaupt möglich, noch einmal zueinander zu finden? Resch behauptet, er versuche regelmäßig, Kretschmann zu kontaktieren. Aber der Ministerpräsident sei für den einstigen Öko-Mitstreiter nicht mehr am Telefon zu erreichen.

Eine offizielle Bestätigung dafür ist schwer zu bekommen. Fragt man Kretschmann in diesen Tagen nach seinem letzten Kontakt zu Resch, muss er erst mal überlegen, dreht sich fragend zu seinem Referenten um. Aus dem Umfeld des Ministerpräsidenten heißt es, während eines laufenden Gerichtsverfahrens wäre direkter Kontakt heikel gewesen.

Und auch, wenn das Urteil zugunsten der DUH gefällt wurde, bleibt der Konflikt weiter bestehen: Kretschmanns Regierung wird wohl in Berufung gehen. Der Dieselstreit geht weiter.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.