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Diktaturen Exportschlager Aufarbeitung

In Deutschland lässt das Interesse an den Stasi-Akten nach - doch immer mehr Staaten interessieren sich für den deutschen Weg beim Umgang mit dem Erbe einer Diktatur. Die Birthler-Behörde liefert ihr Knowhow in den Irak, nach Argentinien und nach Südafrika.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn Bert Rosenthal, 37, das Zimmer 5090 der Birthler-Behörde am Berliner Alexanderplatz betritt, gehört das Lesen der E-Mails zu seinen ersten Amtshandlungen. Meistens findet er auf dem Server neue Nachrichten aus Polen, ab und an auch Post aus Argentinien. An der Wand seiner kargen Amtsstube hängen Welt- und Europakarte, auf dem Schrank liegt ein dickes Wörterbuch - Englisch für Fortgeschrittene. Rosenthal, stets korrekt gekleidet mit weißem Hemd, Schlips und Krawattennadel, ist der Mann in der Birthler-Behörde, der die Welt im Blick hat. Der studierte Dokumentar ist eine Art Außenminister der Stasi-Unterlagen-Verwaltung. Seine offizielle Bezeichnung ist so sperrig wie der Nachlass der deutschen Vergangenheit, den seine Institution inzwischen weitgehend aufgearbeitet hat: Koordinator für Auslandsangelegenheiten der Behördenleitung. Aber sein Job hat Zukunft. Denn während in Deutschland das Interesse am Thema Stasi - rund 15 Jahre nach Wende und Wiedervereinigung - schwindet, ist das des Auslands daran nicht nur ungebrochen, es nimmt sogar zu. Die deutsche Art, mit der DDR-Vergangenheit umzugehen, ist förmlich zum Exportschlager geworden.

Zusammenarbeit mit polnischem Institut

"Die Aufarbeitung der SED-Diktatur", sagt Marianne Birthler, Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, "hat für den Umgang anderer Staaten mit ihrer kommunistischen Vergangenheit Maßstäbe gesetzt." Doch der Erfahrungsaustausch sei längst nicht mehr auf Europa beschränkt. "Wir haben Kontakte zum Irak, nach Argentinien und nach Südafrika." Anfangs waren es nur die ehemaligen Ostblockstaaten, die Emissäre zum ersten Behördenchef Joachim Gauck oder später zu dessen Nachfolgerin entsandten. Inzwischen haben - Jahre nach Deutschland - auch Polen, Tschechien, Rumänien und Ungarn die Akteneinsicht per Gesetz geregelt. Auch wenn nicht alle Länder bei der Öffnung der Geheimdienstdokumente so weit wie Deutschland gingen, stets orientierten sich die dortigen Regierungen am Vorbild Stasi-Unterlagen-Gesetz - und übernahmen Teile davon. Vor allem im Nachbarland Polen, freuen sich die Berliner Aktenverwalter, habe bei der Organisation das Modell Pate beim Aufbau des dortigen Instituts des Nationalen Gedenkens gestanden. In den nächsten Jahren soll Birthlers Haus kräftig globalisiert werden. "Wir sind dabei", sagt Birthler, "die Institutionen, die sich mit den Diktaturen in Mittel- und Osteuropa beschäftigen, zu vernetzen." Ein erster Schritt: Das polnische Institut und die deutsche Behörde wollen demnächst eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnen. Forschung und Kongresse sollen dann koordiniert werden, auch der Austausch von Mitarbeitern ist geplant. Auf eine gemeinsame Amtssprache haben sich Diplomat Rosenthal und seine Kollegen in den früheren Ostblockstaaten bereits geeinigt - Englisch.

Erinnerungskommission in Argentinien

Doch mittlerweile machen sich selbst Abgesandte aus Argentinien in Berlin schlau, wie mit dem Erbe einer Diktatur umzugehen ist. Im Dezember vergangenen Jahres besuchte Friedensnobelpreisträger Adolfo Pèrez Esquivel, 72, die deutschen Aktenhüter. In Buenos Aires leitet der Bildhauer und Bürgerrechtler die argentinische Birthler-Behörde - genannt "Erinnerungskommission". Erst im Sommer vergangenen Jahres wurden in Argentinien jene Amnestiegesetze aufgehoben, die bisher die für die Verbrechen in der Zeit der Militärdiktatur verantwortlichen Generäle schützten. Die Auswertung der Geheimdienstakten soll nun sowohl durch die "Erinnerungskommission" als auch durch die Justiz erfolgen. Per Brief hat Birthler vergangene Woche der Kommission Hilfe zugesagt - in Zusammenarbeit mit zwei Stiftungen sollen Argentinier den Umgang mit Akten in Berlin studieren.

Eine ähnliche Kooperation ist auch mit dem Irak geplant - sollte sich dort die Lage beruhigt haben. Ein halbes Jahr nach dem Sturz Saddam Husseins ließen sich Kanan Makiya, Gründer der Iraq Memory Foundation und sein Direktor für Dokumentation, Hassan Mneimneh, von Birthler über die Aufarbeitung "made in Germany" berichten. Über sechs Millionen Blatt Akten sind im Besitz der Foundation, die von Exil-Irakern in den USA geführt wird. "Wir sind in Deutschland", erklärte Makiya, "um mit dem Material umgehen zu lernen." Man sei dabei, ein Regelwerk für die Aktenöffnung zu erarbeiten, dass sich am deutschen Stasi-Unterlagen-Gesetz orientiere - jenem Gesetz, "von dem wir am meisten gelernt haben". Für Birthlers Behörde ist die Irak-Mission ein heikles Unterfangen. Zum einen soll nicht der Eindruck entstehen, man hintertreibe die rigorose Haltung der Bundesregierung in der Irak-Frage. Zudem fürchten Kenner des Landes, die Exil-Iraker aus den USA könnten den Draht nach Berlin als Argument nutzen, um konkurrierende Gruppen im Irak selbst an den Rand zu drängen. Deshalb will Birthler in diesem Fall ganz auf Nummer sicher gehen - sie bat das Auswärtige Amt um Beistand, offensichtlich mit Erfolg. Joschka Fischer will aus seinem Etat Geld bereitstellen, um einigen Irakern zwei spezielle deutsche Leidenschaften nahe zu bringen - Aktenführung und Aufarbeitung.