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Interview »Diplomatisch vermitteln«

FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff, 54, über die Frage, wie sich Deutschland im U-Boot-Streit zwischen Frankreich und den USA positionieren soll.
aus DER SPIEGEL 39/2021
Foto: C. Hardt / dpa

SPIEGEL: Herr Lambsdorff, die USA haben mit Australien hinter dem Rücken Frankreichs den Bau von atomgetriebenen U-Booten vereinbart und den Franzosen damit einen bereits abgeschlossenen Milliarden­vertrag zerstört. Geht man unter Verbündeten so miteinander um?

Lambsdorff: Nein, eine verbündete Nation so vor den Kopf zu stoßen ist schlechter diplomatischer Stil.

SPIEGEL: Was sagt das über das transatlantische Verhältnis?

Lambsdorff: Washington hat hier das transpazifische Verhältnis dem transatlantischen vorgezogen. Es macht noch einmal klar, dass aus amerikanischer Sicht die Auseinandersetzung mit China oberste strategische Priorität hat. Alles andere ist nachrangig.

SPIEGEL: Die Franzosen reagieren extrem angefasst. Wie tief geht das Zerwürfnis?

Lambsdorff: Ich verstehe, dass man in Paris wütend ist. Und wir sollten die Franzosen unterstützen. Aber es ist nicht in Ordnung, wenn Paris jetzt versucht, die gesamte EU für den verständlichen eigenen Ärger mit in Haftung zu nehmen. Es geht zu weit, wenn Paris die Handelsgespräche mit Australien oder Gespräche mit den USA über technologische Standards blockiert.

SPIEGEL: Was erwarten Sie von der Bundesregierung? Wie sollte sie reagieren?

Lambsdorff: Durch Arbeit hin zu einer gemeinsamen technologischen Basis für die europäische Verteidigungsindustrie. Es muss Schluss sein mit der Zersplitterung in nationale Märkte. Wir brauchen Rüstungspro­jekte, bei denen nicht mehr Schräubchen für Schräubchen nachgezählt wird, wer was herstellt. Das wäre langfristig für die europäische strategische Autonomie besser. Vielleicht lenkt der Ärger auch Frankreich künftig mehr in eine solche Richtung.

SPIEGEL: Und kurzfristig, wie sollte Berlin sich in dem Streit zwischen Paris und Washington positionieren?

Lambsdorff: Deutschland ist in einer echten Zwickmühle zwischen unserem wichtigsten Verbündeten in der EU, Frankreich, und unserem wichtigsten Nato-Verbündeten, den USA. Da wäre es falsch, wenn die Bundesregierung sich jetzt öffentlich auf eine Seite schlüge. Sie sollte stattdessen diplomatisch zwischen den Parteien vermitteln. Es wäre die größte Kata­strophe, wenn sich aus der Brüskierung Frankreichs durch die USA ein dauerhafter Bruch im Lager der westlichen De­mokratien entwickeln würde. Dann hätte nämlich China einen Erfolg erzielt.

CHO

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