FDP-Minister Niebel kritisiert Sexismus gegen Männer

Die Elite des Landes treibt die Sexismus-Debatte mit Bekenntnissen und Geständnissen weiter. Dirk Niebel beklagt, dass auch Männer sexuell belästigt werden, Sigmar Gabriel entschuldigt sich für Zoten, Hannelore Kraft erinnert sich an Übergriffe. Und Thomas Gottschalk witzelt.
Dirk Niebel (FDP): Sieht auch die Männer als Sexismus-Opfer

Dirk Niebel (FDP): Sieht auch die Männer als Sexismus-Opfer

Foto: dapd

München/Hamburg - Der Begriff Gerechtigkeit ist ja dehnbar, gleiches gilt für den Begriff sozial. Es könnte also durchaus sein, dass Bundesentwicklungsminister Dirk Niebel in einem aktuellen Interview die ungleiche Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in der derzeitigen Sexismus-Debatte anprangern wollte, die ja stets den Mann als Übeltäter ausmacht und die Frau als sein Opfer. Der FDP-Politiker ermunterte in der "Welt" nämlich seine Partei, sich im Bundestagswahlkampf für das Thema Gerechtigkeit stark zu machen - denn die FDP sei ja als "die Partei der sozialen Gerechtigkeit" bekannt.

Hinter dieser Aussage eine Niebelsche Neu-Definition von "sozialer Gerechtigkeit" in Richtung Geschlechterverhältnisse zu vermuten, liegt gar nicht mal fern. Denn im selben Interview fordert er nämlich auch explizit, eine Debatte über Sexismus gegen Männer zu führen. Viele seiner Geschlechtsgenossen seien Belästigungen ausgesetzt, wusste der 49 Jahre alte Entwicklungsminister zu berichten. Konkrete Beispiele nannte er allerdings keine, was überraschend ist, denn zugleich beklagte Niebel, dass über den Sexismus gegen Männer leider kaum gesprochen werde, der Aspekt werde "extrem verschämt behandelt". Ein trauriger Zustand, der den mit allen Mechanismen des Medienbetriebs bestens vertrauten Minister aber nicht überrascht, denn dass "Männer belästigt werden, passt ja nicht zum Mainstream."

Sigmar Gabriels Witze über "Erwins bestes Stück"

In gewisser Weise hat er damit Unrecht, denn was könnte mainstreamiger sein, als ein Hollywood-Film mit Stars wie Demi Moore, Michael Douglas und Donald Sutherland? "Enthüllung" ("Disclosure", 1994) heißt der Sexismus-Thriller um einen leitenden Angestellten einer Hightech-Firma (Douglas), dem von seiner Vorgesetzten (Moore) übel nachgestellt wird. Vielleicht hatte Niebel eben diese männliche Leidensgeschichte in Erinnerung - und auch, wo sie spielte. Denn Niebel warnte - ebenfalls in dem "Welt"-Interview - vor einer "Situation wie in den USA". Dort könne man als Mann einen Fahrstuhl nicht mehr betreten, wenn eine Frau allein unterwegs sei. "Und das aus Sorge, es könnte gegen ihn verwendet werden."

Niebel pocht darauf, dass im Politikbetrieb in Deutschland viele Konventionen erhaltenswert seien. Wenn man nicht mehr bei einem Parteitag abends an der Bar ein freies Gespräch mit Journalisten führen dürfe, sondern Konsequenzen fürchten müsse, "weil nicht alles druckreif formuliert wurde und das Gesagte falsch verstanden werden könnte, dann bekommen wir es mit einer anderen Republik zu tun".

Die befürchtete Verwandlung der Republik ist sogar schon im Gang, dafür sorgt Niebel selbst: Er ziehe aus den Vorwürfen an seinen Parteifreund Rainer Brüderle jetzt Konsequenzen und habe daher bei einem Interview mit einer Journalistin bereits dafür gesorgt, dass nicht nur sein Pressesprecher, sondern auch eine Mitarbeiterin dabei war. "Ich werde das in Zukunft weiter so handhaben."

"Sexismus ist ein Machtinstrument"

In der SPD scheint bisweilen ein gewisser Bedarf an Genossinnenschutz zu bestehen. Schließlich gab Parteichef Sigmar Gabriel in der "Bild am Sonntag" zu, es sei ihm "sicher schon passiert", dass er mal einen Spruch zu viel gemacht habe. So sagte er über seine Stellvertreterin "Sexismus ist ein Machtinstrument", sie sei im Kabinett von Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering "Erwins bestes Stück".

Zu dieser Zote stellte Gabriel allerdings klar: "Das war ein ziemlich verunglücktes Kompliment an Manuela Schwesig, bei der ich mich, wenn ich mich richtig erinnere, schon ein paar Sekunden später für diesen losen Spruch entschuldigt habe." Vermutlich, um ja nicht in die Brüderle-Ecke gestellt zu werden, schob Gabriel hinterher: "Es ist aber wohl kaum vergleichbar mit plumper Anmache oder der Instrumentalisierung von Macht für sexuelle Belästigungen."

Macht - das ist ohnehin eine zentrale Kategorie in der gesamten Debatte, das wissen die Theoretiker des Sexismus und leider auch dessen Praktiker. Zu diesem Komplex konnte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft erhellende Erfahrungen beisteuern. Die SPD-Frau sagte dem "Focus", auch sie habe schon Sexismus erlebt. "Aber eher in der Zeit, als ich noch abhängig beschäftigt war, bevor ich in die Politik gegangen bin". Doch die Regierungschefin erlebte auch: "Je mehr Einfluss ich selbst hatte, desto seltener wurden die Angriffe." Krafts Erklärung dafür? Einfach: "Sexismus ist ein Machtinstrument. Niemand ist sexistisch, um witzig zu sein." Und er sei auch nicht das Problem einzelner Parteien. "Sexismus ist weit verbreitet in unserer Gesellschaft. Das ist keine Frage der Parteizugehörigkeit."

Auch außerhalb der Parteien, aus der Zivilgesellschaft heraus, meldeten sich prominente Stimmen zu Wort. Mit Autorität - oder einem schalen Witz. Wie zum Beispiel Thomas Gottschalk. Der Showmaster schrieb in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" "Bis mir Herr Brüderle diese Last abgenommen hat, galt ja immerhin ich als der wandelnde Herrenwitz...".

Von dieser einen Bürde hat Rainer Brüderle den Ex-"Wetten, dass..?"-Moderator womöglich tatsächlich befreit. Dass der FDP-Politiker allerdings künftig auch für Gottschalk einspringt, um als Ersatz-Buhmann die neuen Schleichwerbe-Vorwürfe des SPIEGEL gegen den Moderator zu kommentieren, gilt allerdings als eher unwahrscheinlich.

tdo/dpa
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