Diskriminierung Versicherung entschuldigt sich für bizarre Koran-Deutung

Eine Sachbearbeiterin der Gothaer Versicherung hat es abgelehnt, einem Unfallopfer die Kosten für eine Haushaltshilfe zu erstatten. Das begründete sie mit ihrer eigenen Koran-Interpretation: Als Muslim lasse der Mann doch sowieso seine Frau spülen. Jetzt entschuldigt sich der Konzern.
Von Yassin Musharbash
Zentrale der Gothaer Versicherung in Köln: Entschuldigung für Sachbearbeiterin

Zentrale der Gothaer Versicherung in Köln: Entschuldigung für Sachbearbeiterin

Foto: Rolf Vennenbernd/ picture-alliance/ dpa

Berlin - Der Koran ist ein Text, der sich nicht immer ganz leicht erschließen lässt. Es empfiehlt sich, ihn mit ein wenig Sorgfalt und Vorbereitung zu lesen. Es empfiehlt sich vor allem, ihn nicht so zu lesen, wie es Frau S. von der Gothaer offenbar tat: Als eine Art Beipackzettel für Muslime, wo man nachlesen kann, was diese Spezies denkt und tut, beziehungsweise nicht tut.

Frau S. von der Gothaer hatte den Auftrag, einen Schadensfall zu regulieren. Ein Versicherungsnehmer ihres Unternehmens hatte einen älteren Herrn muslimischen Glaubens mit dem Auto angefahren, der war schwer verletzt worden, Schädel-Hirn-Trauma, Hirnprellung, monatelanges Koma.

Einen sechsstelligen Betrag hatte die Versicherung schon ausgezahlt, in Form von Schadensersatz und Schmerzensgeld. Nun ging es um die Klärung eines weiteren Postens: "Haushaltsführungsschaden" heißt er auf Versicherungsdeutsch. Es bedeutet: Wenn jemand verletzungsbedingt nicht wie gewohnt im Haushalt mitarbeiten kann, darf er der Versicherung auch die Kosten für die Haushaltsführung in Rechnung stellen.

Das tat der Geschädigte, und das war Frau S. offenbar zu viel.

Wie die "Neue Westfälische" am Montag berichtete und die Pressestelle der Gothaer SPIEGEL ONLINE bestätigte, lehnte die Sachbearbeiterin den Wunsch ab, denn sie gehe davon aus, dass der Muslim keine Haushaltstätigkeiten verrichte.

Frau S. argumentierte dabei mit dem Koran, und zwar mit einer Passage, aus der sie herauslas, dass die Frau dem Mann im Islam unterlegen sei. Zitat aus S.s Schreiben: "Die traditionelle Ehe wird in der Regel nicht als Paarbeziehung verstanden; sie dient der Gemeinschaft. Es kann also nicht vom Vorbild der deutschen Ehe ausgegangen werden, wo sich die Eheleute den Haushalt teilen... Nach dem patriarchalen und traditionellen Mannesbild in der muslimischen Ehe führt der Ehemann nicht den Haushalt."

Frau S. war sich umso sicherer, richtig zu liegen, als sie im großen Altersunterschied zwischen dem Ehemann und der 26 Jahre alten Ehefrau ein weiteres Indiz für eine ungleiche Verteilung der Haushaltslasten zu erkennen glaubte. Tatsächlich, berichtet die "Neue Westfälische", ist die Ehefrau allerdings berufstätig - was der Grund dafür sei, dass der Ehemann einen großen Teil der Hausarbeit erledigt habe.

Die Gothaer distanziert sich nun in aller Form von ihrer Sachbearbeiterin Frau S.. Unternehmenssprecherin Martina Fassbender sagte SPIEGEL ONLINE, man werde sich bei dem Geschädigten entschuldigen. Die Mitarbeiterin habe sich "völlig im Ton vergriffen", ihre Argumentation entspreche in keiner Weise der Haltung und Politik des Unternehmens, das sehr enge Anti-Diskriminierungsvorgaben habe und seine Angestellten in solchen Fragen schule. Auch Konsequenzen würden geprüft; allerdings sei Frau S. derzeit im Urlaub. "So etwas darf einfach nicht passieren", sagte Fassbender.

Doch es ist passiert. Der Fall der Koran-Exegetin von der Gothaer ist nun in der Welt. Und er wird über Facebook und andere Netzwerke weitergereicht. Frau Fassbender dürfte also noch eine Weile damit zu tun haben, sich im Namen der Versicherung zu entschuldigen.

Blogger gewinnen dem Ganzen immerhin eine humorige Seite ab. Gothaer-Kunden, die sonntags in einen Unfall verwickelt würden, könnten dann ja wohl ebenfalls kaum auf Hilfe hoffen, witzelt einer. Da sollten Christen schließlich ruhen. Auch die Bibel ist ein Buch, das sich nicht immer leicht erschließt.

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