Doktorarbeit von Guttenberg Online-Fahnder wollen Plagiatebilanz vorlegen

Verteidigungsminister Guttenberg beteuert, seine Dissertation sei kein Plagiat. Im Web allerdings tragen die Nutzer immer weitere Verdachtsfälle zusammen. Die Seite GuttenPlag sammelt und ordnet die Meldungen, am Sonntag wollen die Betreiber ein erstes Fazit der Prüfung vorlegen.
Screenshot von GuttenPlag: 247 Seiten sollen betroffen sein

Screenshot von GuttenPlag: 247 Seiten sollen betroffen sein

Berlin - Als Karl-Theodor zu Guttenberg seine Doktorarbeit verfasste, hätte er wohl nie geahnt, dass sie einmal so viele Leser haben würde. Im Internet beschäftigen sich zahlreiche Nutzer mit dem Werk - und finden seit Tagen immer mehr Seiten, auf denen sie kopierte Stellen vermuten.

Ausdrücklich heißt es bei GuttenPlag : "Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit. Es werden automatisch alle im Wiki aufgeführten und korrekt benannten Plagiatsseiten gelistet." Gut möglich also, dass sich einige Fundstellen im Verlauf der Prüfung noch als falsch erweisen.

Allerdings entlastet diese Einschränkung den Verteidigungsminister nur vordergründig. Denn bislang wurden nur Stellen identifiziert, die sich googeln lassen. Bücher oder Aufsätze, die nur in analogen Bibliotheken vorhanden sind, hat bislang wohl niemand überprüft.

Was die Netzgemeinde bisher zusammengetragen hat, ist durchaus beeindruckend: Die ehrenamtlichen Helfer haben bis Samstagmittag auf 247 Seiten der Dissertation Stellen gefunden, die offenbar kopiert sind.

Weil das Inhaltsverzeichnis und die Anhänge von Guttenbergs Doktorarbeit nicht mitgerechnet werden, sind 62,8 Prozent aller Seiten betroffen. Sollten sich alle diese Fundstellen als tatsächliches "Copy and Paste" ohne entsprechende Kennzeichnung erweisen, dürfte es für Guttenberg immer schwieriger werden, seine Behauptung vom Freitag aufrechtzuhalten: "Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat." Auch würde er seine erste Reaktion vom Mittwoch, die Vorwürfe seien "abstrus", wohl kaum wiederholen.

Bis zum Sonntagmittag wollen die Aktivisten alle Fundstellen für Plagiate durch mindestens zwei Personen überprüfen lassen, dann soll die Suche nach weiteren Stellen eingestellt werden. Bis zum Abend soll dann eine erste statistische Auswertung erfolgen. Ein Abschlussbericht auf Basis der zusammengetragenen Erkenntnisse soll bis um 18 Uhr am Montagabend fertiggestellt werden.

Nach SPIEGEL-Informationen hat Guttenberg auch die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages für seine unter Plagiatsverdacht stehende Doktorarbeit benutzt. Der Ministerialrat Dr. Dr. Ulrich Tammler verfasste für den damaligen CSU-Abgeordneten die Ausarbeitung "Die Frage nach einem Gottesbezug in der US-Verfassung und die Rechtsprechung des Supreme Court zur Trennung von Staat und Religion".

Tammler beendete seine Arbeit an dem zehnseitigen Papier am 13. Mai 2004 und leitete es unter der Registernummer WF III - 100/04 an das Abgeordnetenbüro Guttenbergs. Obwohl Abgeordnete die Wissenschaftlichen Dienste nur im Rahmen ihrer mandatsbezogenen Tätigkeit nutzen dürfen, fügte Guttenberg die Arbeit in seine Dissertation nahezu vollständig ein.

Änderungen an dem Text finden sich kaum. So tauschte er etwa das Wort "Begriff" gegen das Wort "Bezug" aus, fügte ein "freilich" ein, änderte ein "teilweise" in ein "zuweilen" und bezeichnete das "oberste Bundesgericht" als "Supreme Court".

Dr. Dr. Tammler selbst wird namentlich in keiner von Guttenbergs Quellenangaben zitiert. Lediglich die Arbeit der Wissenschaftlichen Dienste erwähnt Guttenberg auf Seite 391 seiner Promotionsschrift. "Vergleiche auch eine im Auftrag des Verfassers entwickelte Ausarbeitung der Wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages vom 13. Mai 2004", ist unter der Fußnote 83 vermerkt.

Die rund 60 Gutachter der Wissenschaftlichen Dienste sollen die Abgeordneten bei ihrer Arbeit als Abgeordnete unterstützen. "Der Deutsche Bundestag behält sich sämtliche Rechte an den Arbeiten der Wissenschaftlichen Dienste vor. Veröffentlichung und Verbreitung bedürfen grundsätzlich der Zustimmung der Abteilungsleitung", heißt es in den Richtlinien für die Dienste.

Auch wenn die Netzgemeinde bereits einen Großteil der Prüfung übernommen hat und auch weiter übernehmen wird - nun ist die Universität Bayreuth am Zuge. Sie setzte Guttenberg bereits am Donnerstag eine Frist von zwei Wochen, um zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Dann wird sie über mögliche Sanktionen entscheiden, die bis zur Aberkennung des Doktortitels reichen können.

böl/mak
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