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Alexander Neubacher

Doku über SPD-Star Sprengkommando Kühnert

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Der begabteste Nachwuchspolitiker Deutschlands hat sich von einem Fernsehteam verkabeln und filmen lassen. Sein Auftreten ist ebenso faszinierend wie abschreckend.
aus DER SPIEGEL 41/2021
Ex-Juso-Chef Kühnert, Kanzlerkandidat Scholz (bei einer SPD-Wahlkampfveranstaltung im August): Zieh dich warm an, Genosse Olaf!

Ex-Juso-Chef Kühnert, Kanzlerkandidat Scholz (bei einer SPD-Wahlkampfveranstaltung im August): Zieh dich warm an, Genosse Olaf!

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Sollten Sie sich für Politik interessieren, für Politik in ihrer reinen, von keinem Sachthema getrübten Form, dann kann ich Ihnen eine Doku aus der ARD-Mediathek empfehlen. Sie heißt »Kevin Kühnert und die SPD«, dauert dreieinhalb Stunden in sechs Folgen und handelt vom Aufstieg des wohl begabtesten deutschen Nachwuchspolitikers. Sie ist eine Warnung an alle, die glauben, das Land werde demnächst von einem starken Bundeskanzler Olaf Scholz und einer stabilen SPD regiert. Zieh dich warm an, Genosse Olaf, hier kommt Alpha-Kevin mit seinem Sprengkommando.

Über einen Zeitraum von drei Jahren hat sich Kühnert von den NDR-Filmemachern Katharina Schiele und Lucas Stratmann verkabeln und mit der Kamera begleiten lassen, bei öffentlichen Auftritten, aber auch in internen Besprechungen. Kein deutscher Politiker vor ihm hat sich das in dieser Form getraut. Nach ihm, so meine Vermutung, wird es auch nicht viele geben. Sein Auftritt im Hinterzimmer ist ebenso faszinierend wie abschreckend.

Er schärft Esken und Walter-Borjans ein, was sie sagen sollen. Er ist eindeutig der Chef.

In einer Szene bereitet Kühnert als Juso-Chef die von ihm favorisierten Kandidaten für den SPD-Vorsitz, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, auf eine Rede vor. »Ihr habt Lust drauf«, schärft er ihnen ein, »ihr habt Lust, Lust, Lust.« Esken schreibt mit, Walter-Borjans ebenfalls, er nickt brav und murmelt, was er sich merken soll. Kühnert ist offenbar der Chef. Wenig später erleben wir ihn in prächtiger Stimmung, als seine beiden Alten tatsächlich den Gegner Scholz aus dem Feld geschlagen haben. Dann sieht Kühnert Esken im Fernsehen. Zurückgelehnt im Stuhl spricht er aus, was er von ihr hält: »Es wird alles sehr schwierig, aber wir werden auch viel Spaß mit ihr haben.« Er wird SPD-Vize.

Aus: DER SPIEGEL 41/2021

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Bei anderen Szenen fragt man sich, warum Kühnert sich das alles antut. Oft sieht man ihn einsam rauchen, hektisch tippen, genervt von schlechten Schlagzeilen. Bei der Verkündigung von Scholz' Kanzlerkandidatur wurde er nicht eingebunden, sie erwischt ihn kalt. Eine Demütigung. Er sei »extrem enttäuscht«. Der Stress im Bundestagswahlkampf setzt ihm zu, am Ende des Films ist er dünner als am Anfang. »Hab mir 'nen Hörsturz letztes Wochenende geholt, die Woche alles abgesagt, mich jetzt nur hierhin gequält«, erzählt er einer Parteifreundin. Die antwortet mitleidlos, erinnert an eine Verabredung: »Bist nur bei mir im Plan drin.« Kühnert reißt sich zusammen. Er gewinnt seinen Wahlkreis Berlin-Tempelhof-Schöneberg und kommt in den Bundestag, im Windschatten eines Kanzlerkandidaten, den er bekämpft hat. Damit endet der Film.

Mit Kühnert sind 48 weitere Jusos in den Bundestag eingezogen, also hat er fast ein Viertel der neuen SPD-Fraktion schon hinter sich. Vielleicht nicht genug, um zu gestalten, aber fürs Scholz-Quälen müsste es reichen. Einige in der SPD sagen, man solle ihn zum Generalsekretär machen, um ihn einzubinden. Andere halten das für naiv, halten ihn für einen zweiten Oskar Lafontaine. Ich glaube, für Kühnert gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder er jagt die SPD in die Luft, oder er wird irgendwann Kanzler.

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