Dokumentation Das gesamte Wulff-Interview in Video und Wortlaut

DPA/ BPK

5. Teil: "Ich stehe zu den Urlauben"


Deppendorf: "Aber haben Sie kein Unrechtsbewusstsein gehabt als Ministerpräsident, sich sozusagen einladen zu lassen bei Freunden?"

Wulff: "Wenn man als Ministerpräsident keine Freunde mehr haben darf und wenn alle Politikerinnen und Politiker in Deutschland ab sofort nicht mehr bei Freunden übernachten dürfen, sondern, wenn Sie bei den Freunden im Gästezimmer übernachten, nach einer Rechnung verlangen müssen, dann verändert sich die Republik zum Negativen. Davon bin ich fest überzeugt. Und deswegen stehe ich zu diesen sechs Urlauben bei Freunden auf Norderney oder fünf, sechs Tage dort in Italien oder sieben Tage bei Freunden, mit den Freunden zusammen zu kochen, zu frühstücken, im Gästezimmer zu schlafen. Da erhebe ich auch keine Rechnung, wenn mich die Freunde hier in Berlin besuchen."

Schausten: "Aber da hätten Sie natürlich auch sagen können: Ich gebe Euch mal pro Nacht 150 Euro. So was. Was spricht dagegen eigentlich?"

Wulff: "Machen Sie das bei Ihren Freunden so?"

Schausten: "Ja."

Wulff: "Dann unterscheidet Sie das von mir im Umgang mit den Freunden. Jetzt als Bundespräsident, habe ich ja gesagt, war es ein Fehler, überhaupt bei einem Unternehmer zu übernachten."

Deppendorf: "Was sagen Sie eigentlich Ihren Beamten? Oder was sagen Sie den Beamten, wenn sie so was machen würden?"

Wulff: "Dass die Beamten bei Ihren Freunden übernachten dürfen."

Deppendorf: "Nein, dass Sie bei, ich sag mal, möglichen Verhandlungspartnern - es gibt ja auch den Anschein, was sagen Sie den Beamten, die da möglicherweise konsequent sind?"

Wulff: "Das ist genau der Unterschied. Wenn es dienstliche Kontakte gibt, wenn es in Bezug auf das Amt geleistet wird, dann kommt es überhaupt nicht in Frage. So ist genau die Regelung. Aber dies wird nicht in Bezug auf das Amt gemacht, denn ich bin in Norderney schon gewesen oder in Spanien, als ich noch gar nicht im Amt war. Ich kenn den Herrn Geerkens, seit ich 14, 15, 16 bin. Den kannte mein Vater, der war mit dem eng befreundet. Und wenn man den seitdem kennt und ihn besucht hat und er uns besucht hat und man sich ein Leben lang begleitet, dann ist das nicht auf das Amt bezogen. Sondern dann ist das eine private Beziehung, die auch Politikern möglich sein muss."

Schausten: "Wenn wir mal alles zusammennehmen, ist natürlich ein Problem auch, Herr Bundespräsident, dass Sie in der Vergangenheit allerhöchste Maßstäbe selbst an alles angelegt haben. Ich darf Sie einmal zitieren in Zusammenhang mit Johannes Rau, der damals mit einer Flugaffäre konfrontiert war. Es ging um die Flugbereitschaft der West-LB. Da haben Sie gesagt, es ist tragisch, dass Deutschland in dieser schwierigen Zeit keinen unbefangenen Bundespräsidenten hat, der seine Stimme mit Autorität erheben kann. Man findet noch viele andere entsprechend hochstehende Sätze von Ihnen. Haben Sie noch diese Unbefangenheit, haben Sie noch Autorität jetzt?"

Wulff: "Also wir müssen alle hohe Ansprüche haben in dem Wissen, dass wir alle fehlbar sind. Und natürlich denkt man viel jetzt über die Bibelstelle nach: Derjenige, der ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein. Und alle gingen bei dieser Steinigung. Weil allen klar wurde: Also Vorsicht, wenn du mit einem Finger auf andere zeigst, zeigen andere auf dich selbst. Insofern wird man auch lebensklüger. Uns heute kann ich Johannes Rau besser verstehen, als ich ihn damals verstanden habe."

Schausten: "Demütiger?"

Wulff: "Und man wird auch ein bisschen demütiger. Man wird lebensklüger. Und man muss aus eigenen Fehlern lernen. Und gerade die Glaubwürdigkeit, die man als Bundespräsident braucht, die wird man nur zurückerlangen, wenn man auch im Umgang mit seinen eigenen Fehlern Lernfortschritte unter Beweis stellt. Darauf wird es jetzt ankommen, gerade auch bei Diskussionen mit jungen Leuten. Wir machen in diesem Jahr einen Jugendtag zur Stärkung der Demokratie. Oder bei anderen Aktivitäten. Dass man auch selber berichtet, wie schnell man sozusagen in der Frage sein kann, privat, beruflich, politisch Verantwortung anscheinend hat. Dass man hier einfach sich selbst, vor sich selbst immer wieder Rechenschaft ablegen muss."

Deppendorf: "Haben Sie, zusammengefasst noch mal gefragt, nicht durch Ihr Verhalten in den letzten Wochen das Amt des Bundespräsidenten schwer beschädigt?"

Wulff: "Das Amt des Bundespräsidenten ist aus vielerlei Gründen in Deutschland schwieriger geworden. Und durch diese Art von Umgang mit den Dingen hat man dem Amt sicher nicht gedient. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass ich durch eine ganze Reihe von Aktivitäten in der Amtszeit das Amt des Bundespräsidenten wieder gestärkt habe. Dass es eine hohe Anerkennung genießt. Ich bin geradezu überrascht, wie stark die Bürgerinnen und Bürger es von mir selbst auch erklärt, erläutert bekommen wollen und letztlich darauf setzen, dass ich Bundespräsident bleibe. Denn ich nehme meine Verantwortung wahr. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, und ich habe ein nachhaltiges Interesse an unserem Land, es voranzubringen. Und wir brauchen auch jetzt die Kraft, uns wieder um Politik zu kümmern in diesem Jahr, wenn dieses Jahr jetzt beginnt. Denn es kommen schwierige Aufgaben auf uns zu. Und da braucht es eben auch einen Bundespräsidenten, der sich diesen Aufgaben zuwenden kann."

Schausten: "Dann sind wir gespannt, was wir da hören. Können Sie denn garantieren, dass nicht noch etwas anderes nachkommt in der Affäre, über die wir jetzt sprechen?"

Wulff: "Also bei 400 Fragen - und wenn gefragt wird, was es zu essen gab bei Ihrer ersten Hochzeit und wer Ihre zweite bezahlt hat und ob Sie den Unterhalt für Ihre Mutter gezahlt haben - und ich könnte jetzt tausend Sachen mehr nennen - und wer die Kleider für Ihre Frau bezahlt hat, welche geliehen waren, welche sozusagen als geldwerter Vorteil versteuert werden -, dann kann ich nur sagen: Ich geb Ihnen gern auf die 400 Fragen 400 Antworten. Da ist jetzt etwas, was einen dann innerlich auch nach solchen drei Wochen irgendwo freimacht, dass man sagt: Also jetzt ist wirklich alles von innen nach oben und umgekehrt gewendet. Und man muss sich dann auch fragen, ob nicht dann auch es irgendwann akzeptiert wird, dass auch ein Bundespräsident ein privates Leben haben darf."

Schausten: "Heißt, dass Herr Christian Wulff ein Bundespräsident auf Bewährung vorerst bleibt?"

Wulff: "Die Begrifflichkeit finde ich völlig daneben. Weil wir diesen Begriff kennen, wenn gegen Gesetze verstoßen wurde. Ich habe weder jetzt im Amt als Bundespräsident gegen irgendein Gesetz verstoßen noch vorher. Es geht nicht um Rechtsverstöße, sondern es geht um die Frage von Transparenz, von Darlegung, von Erklärung. Dazu nutze ich auch diese Gelegenheit, um zu erklären, was ist und was war. Aber wie gesagt: Den Begriff der Bewährung halte ich für abwegig. Sondern ich bin jetzt schweren Herausforderungen ausgesetzt. Aber man muss eben auch wissen, dass man nicht gleich bei der ersten Herausforderung wegläuft, sondern dass man sich der Aufgabe stellt. Und auch ich weiß, wem es in der Küche zu heiß ist, der darf nicht Koch werden wollen, wie es Harry S. Truman gesagt hat. Und deswegen muss man offenkundig auch durch solche Bewährungsproben hindurch."

lgr/dpa

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sp0n 04.01.2012
1. 150€
Was bewegte Frau Schausten nur dazu - nachdem Herr Wulff sich gerade völlig unmissverständlich dazu bekannt hatte, Freunden keine Bewirtungskosten in Rechnung zu stellen - mit ihrem abstrusen 150€-Vorstoß zu kommen. "Was spricht dagegen eigentlich?" Die Sache ist schlechterdings unfassbar. War Frau Schausten Herrn Wulff noch einen Gefallen schuldig? Er kann sich jedenfalls freuen über dieses gewollte oder ungewollte Ablenkungsmanöver.
kiefer2012 05.01.2012
2. Schausten
Schausten: "Aber da hätten Sie natürlich auch sagen können: Ich gebe Euch mal pro Nacht 150 Euro. So was. Was spricht dagegen eigentlich?" Wulff: "Machen Sie das bei Ihren Freunden so?" Schausten: "Ja." Ja, so schnell verplappert man sich. Frau Schausten macht doch gerade vor wie schnell unbedachte Worte heraus sind. Wenn es wirklich so ist, hat sie hoffentlich Quittungen und ihre Freunde versteuern die Einnahmen. Solche Aussagen disqualifizieren Frau Schausten als seriöse Journalistin.
chuckal 05.01.2012
3. klar
Zitat von sysopDer Bundespräsident hat sich im TV-Interview zu seiner Kredit- und Medienaffäre geäußert. Lesen Sie hier Christian Wulffs Antworten auf die zentralen Vorwürfe und das komplette Interview im Wortlaut. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,807232,00.html
"Da erhebe ich auch keine Rechnung, wenn mich die Freunde hier in Berlin besuchen." ...das zahlt dann ja auch der Steuerzahler, wenn seine Osnabrücker und Hannoveraner Maschi-Geerken VW Porsche Gang im Bellevue BUBU macht...weil die Vroni keinen Bock auf die Lachshappen im Adlon hat... Mein Gott ist das alles klein
noworriesmate 05.01.2012
4. Journalisten sind Teil des Problems
Zitat von kiefer2012Schausten: "Aber da hätten Sie natürlich auch sagen können: Ich gebe Euch mal pro Nacht 150 Euro. So was. Was spricht dagegen eigentlich?" Wulff: "Machen Sie das bei Ihren Freunden so?" Schausten: "Ja." Ja, so schnell verplappert man sich. Frau Schausten macht doch gerade vor wie schnell unbedachte Worte heraus sind. Wenn es wirklich so ist, hat sie hoffentlich Quittungen und ihre Freunde versteuern die Einnahmen. Solche Aussagen disqualifizieren Frau Schausten als seriöse Journalistin.
Vielen Dank für diesen treffenden Beitrag. Meistens stellen sich Journalisten als neutral hin und geben vor nur die "Wahrheit" im Namen des Volkes erfahren zu wollen. Dabei sind sie selbst Teil eines medialen Wirtschaftsunternehmens das auf die Vermarktung und den Verkauf von Nachrichten angewiesen ist. Wer kann es da verdenken, daß die Journalisten ebenfalls empfänglich sind für gute Beziehungen zu Politikern die ihnen im Zweifelsfall sogar den Job retten können ? Es wäre jetzt auch schön wenn Frau Schausten " nur mal so zur Demonstration" Ihrer journalistischen Glaubwürdigkeit Beweise für ihre Behauptung vorlegen würde.
tomtok 05.01.2012
5.
Zitat von kiefer2012Schausten: "Aber da hätten Sie natürlich auch sagen können: Ich gebe Euch mal pro Nacht 150 Euro. So was. Was spricht dagegen eigentlich?" Wulff: "Machen Sie das bei Ihren Freunden so?" Schausten: "Ja." Ja, so schnell verplappert man sich. Frau Schausten macht doch gerade vor wie schnell unbedachte Worte heraus sind. Wenn es wirklich so ist, hat sie hoffentlich Quittungen und ihre Freunde versteuern die Einnahmen. Solche Aussagen disqualifizieren Frau Schausten als seriöse Journalistin.
Genau! Das war für mich der größte Skandal bei dem ganzen Interview - weil ich mal ganz frech behaupten will: "Frau Schausten, das war gelogen!" Und solche "Gutmenschen" stellen sich dann hin und werfen die berühmten "ersten Steine"! Pfui Teufel. Bei mir ist die Dame jedenfalls unten durch.
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