Dokumentation Persönliche Erklärung von Angela Marquardt

"Ich habe zu keinem Zeitpunkt wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet" überschreibt die PDS-Abgeordnete Marquardt eine am Dienstag abend publizierte Erklärung. Vor der Veröffentlichung der belastenden Dokumente hatte sie noch jede Stellungnahme verweigert. Wir dokumentieren Marquardts Sicht ihrer Stasi-Verstrickung im Wortlaut:

"Ich bin vor kurzem von meinem Fraktionsvorsitzenden über die Mitteilung der Gauck-Behörde in Kenntnis gesetzt worden. Mir war bis dato eine inoffizielle Tätigkeit für das MfS nicht bekannt. Laut Aktenlage soll meine "Tätigkeit" bereits im frühen Jugendalter begonnen haben, denn in dem Vorgang befinden sich eine Verpflichtungserklärung aus dem Jahre 1987 sowie zwei Aktennotizen bzw. Berichte, die durch einen MfS-Mitarbeiter verfasst wurden. Diese Unterlagen waren mir bis zur Akteneinsicht nicht bekannt und ich habe auch nicht bewusst an das MfS berichtet. Für meine Person stelle ich eindeutig klar: Ich habe zu keinem Zeitpunkt wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet. Meine Eltern hingegen haben inoffiziell mit dem MfS zusammengearbeitet.

Zum Hintergrund: Meine Eltern trafen sich in unserer Wohnung immer wieder auch mit mir unbekannten Personen. Diese Treffen begannen, als ich 9 oder 10 Jahre alt war. Ich erinnere mich daran, weil ich mich in dieser Zeit immer um meine Geschwister kümmern und mit ihnen die Wohnung verlassen musste. Ich wusste nicht, dass es sich um Mitarbeiter des MfS handelte. In meinem Verständnis waren es Freunde der Familie, da sie gelegentlich auch z.B. Feiertage bei uns verbrachten.

Eines Tages - ich war 14 oder 15 - grüßte ich im Bus einen von "Mamas Kumpeln". Daraufhin wurde mir durch meine Eltern erklärt, dass ich über diese Leute und ihre Besuche nicht reden dürfe, ohne dass mir gesagt wurde, warum. Ich machte mir darüber damals nicht viele Gedanken. Jetzt erst erfuhr ich aus Gesprächen mit meiner Mutter, dass sie mich damals in diesem Zusammenhang eine Art "Schweigeverpflichtung" hat schreiben lassen. Mir war dies nicht mehr in Erinnerung und insofern auch nicht der aufgeführte Deckname, der in meinem Leben nie eine Rolle gespielt hat.

Im Sommer 1987 beschlossen meine Eltern von Greifswald wegzuziehen. Nach langen Auseinandersetzungen, vor allem mit meiner Mutter, beschlossen wir, eine Möglichkeit zu suchen, dass ich bleiben kann, um die Schule zu beenden und meinem Judo-Sport weiter nachgehen zu können.

Ich bekam im Herbst 1987 einen Platz im Internat der Oberschule. An den Wochenenden wohnte ich bei einem langjährigen Freund der Familie, der mit einer schriftlichen Erklärung für das Jugendamt Verantwortung für mich übernahm. Erst nach der Wende erfuhr ich, dass auch er mit dem MfS zusammengearbeitet hat. Für mich war er ein väterlicher Freund.

Neben meinen Freunden aus der Schule und dem Sport sowie meinen Lehrern kümmerten sich auch die Freunde meiner Eltern in dieser Zeit weiter um mich. Ich hatte zu fast allen von ihnen weiterhin Kontakt, so auch zu denen, die beim MfS arbeiteten. In meinem Verständnis waren dies jedoch keine MfS-Kontakte, sondern freundschaftliche Familienbeziehungen.

Seit der 3. Klasse wollte ich Offizier der NVA werden. Wenn ich mich recht erinnere, war ich aus diesen Gründen mit 14 oder 15 in ein so genanntes Berufsoffiziers-Bewerberkollektiv integriert. Mit 16/17 Jahren stand dann die konkrete berufliche Orientierung an. Ich wollte unbedingt Sportoffizier werden, da ich fest entschlossen war, über die Armee meinen Sport als Leistungssport weiterzuführen. Unmissverständlich wurde mir jedoch durch das Wehrkreiskommando klar gemacht, dass ich dies vergessen könne, da Frauen in solchen Positionen von Männern nicht akzeptiert würden. Man wollte mich unbedingt zu einer Laufbahn als Politoffizier bewegen. Das aber wollte ich auf gar keinen Fall. Nach einigem Hin und Her gab ich schließlich den Wunsch, zur Armee zu gehen, in der 11. Klasse auf.

In dieser Zeit teilte ich im Internat das Zimmer mit einer Tochter aus einem Pastorenhaushalt. Mit ihr entstand eine Freundschaft. So kam ich folgerichtig in solche Diskussionskreise, die über 1989 hinaus bestanden, und die mich politisch geprägt und meine Sicht auf die DDR verändert haben.

Als es um meine Alternativen zur NVA-Laufbahn ging, entstand in Gesprächen mit meinen Eltern die Idee eines Theologiestudiums. Ich begriff diesen Weg als gelungenen Gegensatz und Provokation zum fehlgeschlagenen NVA-Studienwunsch. Ich habe mit sehr vielen Freunden und meinen Eltern in dieser Zeit oft über meine schulischen Probleme, über meine berufliche Entwicklung oder andere Sachen gesprochen. Es gab keine Absprachen und auch keinen Auftrag, dass ich Theologie studieren solle, um Informationen für das MfS zu sammeln. Meine kirchlichen Verbindungen haben sich ausschließlich über die Freundin aus dem Internat entwickelt.

Ich habe nach der Wende immer rigoros und manchmal polemisch das Spitzel-System der Stasi in der DDR kritisiert. Durch diesen mich betreffenden Vorgang, von dem ich erst jetzt Kenntnis bekam, fühle ich mich in dieser Kritik bestätigt. Er zeigt aber auch, dass die individuellen Biographien nicht außer Acht gelassen werden können, wenn über einen Menschen und seine MfS-Verbindungen geurteilt werden soll.

Gegenüber dem Geschäftsordnungsausschuss des Deutschen Bundestages hat meine Mutter in einer schriftlichen Erklärung zu den mir gemachten Vorwürfen Stellung genommen und das Vorstehende bestätigt."

Angela Marquardt, Berlin, den 11. 06. 2002

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