Jost Kaiser

Ende der alten Bundesrepublik Amerika, du wirst uns fehlen

Bis Freitag konnte man in Deutschland noch den größten Unsinn fordern, weil im Hintergrund immer die Amerikaner über uns wachten. Das ist vorbei. US-Präsident Trump bedeutet das Ende der alten Bundesrepublik.
Freiheitsstatue in New York

Freiheitsstatue in New York

Foto: AP/dpa

Die Bundesrepublik war ein selbstironisches Land. Und nie wieder wurde das Verhältnis dieser wirtschaftspolitischen Supermacht und politischen Weltprovinz zum Onkel in Übersee so schön zusammengefasst wie in dem berühmten Landser-Witz: "Die Bundeswehr ist dazu da, den Feind aufzuhalten, bis eine richtige Armee kommt." Die richtige Armee - das waren die "Amis".

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Jost Kaiser, Jahrgang 1969, ist freier Journalist und Autor für diverse Medien.

Aber die kommen schon länger nicht mehr. Amerika hatte sich schon unter Obama weitgehend von seiner Rolle als Schutzmacht der Europäer verabschiedet - jetzt, mit Trump, ist es damit wohl ganz vorbei. Und so geht die alte Bundesrepublik zu Ende.

Die zweite deutsche Republik war in den Augen der Rechten auch das Land, das dazu da war, die Zeit zu überbrücken, bis eine richtige Nation kommt. Die kam aber nie - zum Glück. Wollten wir nicht, brauchten wir nicht - wir hatten ja die USA. Die beschützten uns. Und bescherten uns ein neurotisches Hobby: Wir arbeiteten uns an ihnen ab.

Während "richtige Nationen" wie Frankreich und England zu Abbruchunternehmen ihrer imperialen Vergangenheit wurden, blieb die Bundesrepublik ein Identitätsvakuum. Dass Amerika kommt, wenn es ernst wird, dass man in einem beschützen Raum lebt, dass man weltpolitisch wunderbar verantwortungsfrei ist: Diese Gewissheiten haben in der "kritischen Öffentlichkeit" (und irgendwie war das die ganze Bundesrepublik) zu verantwortungslosem Denken geführt. Es wurde jeder Quatsch gedacht, und dass es Quatsch war, schien sogar die Voraussetzung dafür, dass er gedacht wurde. Man wusste ja genau, umgesetzt wird das sowieso nicht. Amerika haben wir in der Hinterhand. Die gucken, dass nichts passiert. Die Bundesrepublik war dadurch auch ein politisches Narrenparadies. Es war großartig.

Nato-Austritt - warum nicht?

Kapitalismus abschaffen? Klar!

Eine Armee? "Friedliche Konfliktlösungsstrategien" sind doch viel schlauer.

Jetzt ist alles anders. Die alte Bundesrepublik war bisher nicht untergegangen. Nicht der Mauerfall, nicht der Neoliberalismus, nicht einfach die Zeitläufte haben ihr den Garaus gemacht.

Es wird Trump sein. Amerika, du wirst uns fehlen.

Denn was machen wir, wenn wir nicht mehr über die Nato diskutieren können, weil es sie gar nicht mehr gibt? Und es gibt sie, Trump hat das bereits angekündigt, in der Sekunde nicht mehr, in der er die grundsätzliche, immer gültige Verteidigungsgarantie vom Tisch nimmt.

Was machen wir jetzt in einem Land, in dem der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle noch vor wenigen Jahren den Abzug der in Deutschland gelagerten Atomraketen zu einer der wichtigsten Forderungen seiner Amtszeit erhob - offensichtlich in völliger Unkenntnis ihrer strategischen Funktion als Verbindungsglied zwischen deutschen und amerikanischen Kommandoebenen ("nukleare Teilhabe")? Vielleicht zieht Trump sie einfach ab. Zufrieden?

Was machen wir in einem Land, in dem der kommende Bundespräsident den zaghaften Versuch, eine milde Form der Abschreckung aufrechtzuerhalten, als "Säbelrasseln" bezeichnet und sich damit in der Tradition der Brandt'schen "Ostpolitik" wähnt (die nur durch Atomraketen abgesichert eine Chance hatte), wenn die Amerikaner keine Säbelrassler mehr zur Verfügung stellen?

Um unsere neurotischen Anwandlungen, unser neurotisches Hobby ist es ab jetzt schlecht bestellt. Um unsere real begründbare Angst umso besser. Denn jetzt müssen wir ganz neue Fragen beantworten.

Was machen wir eigentlich, wenn die Welt mit Trump wieder - wie im Imperialismus (jetzt, liebe Linke, würde das Wort endlich passen) - in "Einflusssphären" aufgeteilt wird? Wo endet die von Putin? In der Ukraine? Im Baltikum? Oder doch erst in Polen? Und was ist, wenn uns Putins Einflussgrenze nicht passt, seinem Kumpel in Amerika aber schon?

1983 ließen friedensbewegte Eltern ihre Kinder Schilder malen. Die Kleinen sollten, obwohl sie keine Ahnung hatten, worum es ging, die Pappen auf den Demos vor sich hertragen. Darauf stand: "Wir haben Angst".

Jetzt kann man sie wieder hervorholen. 2017 ist es sogar möglich geworden, einen amerikanischen Präsidenten mit Hitler zu vergleichen.

Aber das alles macht keinen Spaß mehr - es ist einfach nicht mehr so wie früher in unserem Narrenparadies Bundesrepublik, dem Spaßland, in dem man politisch nicht erwachsen werden musste.

Das Problem mit dem Pappschild und dem Hitler-Vergleich ist nämlich: beide könnten zum ersten Mal ziemlich angemessen sein.

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