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Prominente Stimmen zur US-Lage Angst, Liebe, Hoffnung

Der Präsident eine Gefahr für die Demokratie, die Nation gespalten, das Land in der Coronakrise: Kurz vor der US-Wahl sprechen Politiker, Künstlerinnen und Sportler aus Deutschland im SPIEGEL über ihre Sicht auf Amerika.

In wenigen Tagen entscheiden die Amerikaner über ihren Präsidenten. Kann Donald Trump weitermachen? Oder übernimmt im Januar Joe Biden? Wird Trump eine mögliche Niederlage überhaupt akzeptieren?

Kaum je zuvor in der Geschichte Amerikas war eine Präsidentschaftswahl derart aufgeladen wie diese. Die einstige Führungsmacht des Westens steckt in einer allumfassenden Krise - politisch, sozial, wirtschaftlich. Auch die Corona-Erkrankung des Präsidenten hat mitnichten zu einer Kursänderung seiner Politik geführt.

Rivalen Biden, Trump beim letzten TV-Duell

Rivalen Biden, Trump beim letzten TV-Duell

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Donald Trump hat in den vergangenen Jahren nicht nur die USA verändert, sondern auch den Blick auf Amerika.

Ist der frühere Glaube an die USA Angst und Sorge gewichen? Wie viel ist übrig von der Zuneigung, mit der mancher über den Atlantik schaute? Und welche Hoffnungen gibt es noch?

Prominente aus Deutschland berichten im SPIEGEL, wie sie jetzt auf die Vereinigten Staaten blicken. Manches ist sehr persönlich geraten, anderes ziemlich düster. Aber ganz aufgegeben hat die USA noch keine und keiner von ihnen.

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Luisa Neubauer, 24, Klimaschützerin, Fridays for Future

Für mich geht es bei der Wahl am 3. November gar nicht "nur" um einen problematischen Präsidenten, nicht "nur" um die Entscheidung Trump oder Biden.

Sondern wir müssen beim Blick auf die USA von einer Maschinerie sprechen, der Maschinerie Trump, die hocheffizient Menschenrechtsverachtung, Umweltaggressionen, Rassismus, Faschismus und Sexismus legitimiert, mainstreamed und zu einer gesellschaftlichen Identität erhebt, die bis weit jenseits des Landes Menschen anzieht.

Da werden strategisch und erfolgreich demokratische Grundordnungen zersetzt und fast schon selbstverständlich die Rechte und Freiheiten zukünftiger Generationen delegitimiert.

Und das ist ein entscheidender Aspekt: Diese Maschinerie gefährdet nicht "nur" Gegenwarten, sie gefährdet Zukünfte, überall auf der Welt, auch unsere, meine hier in Deutschland. Nicht zuletzt, weil auch die Klimakrise ohne die notwendigen Beiträge der USA kaum zu beherrschen sein wird.

Es macht Angst zu erleben, wie erfolgreich Trump ist und wie weit fortgeschritten sie sind: die Spaltung, die Gewalt. Und es macht Angst, wie er kategorisch unterschätzt, ausgelacht wird, behandelt wird wie der verrückte Twittermann von drüben - statt wie ein egomanischer Präsident, der sich verhält wie ein Autokrat und immer größeres Chaos anrichtet. Wenn er nicht gestoppt wird.

Und dafür braucht es Regierungen weltweit, Staatenbünde, wie die EU, die das Phänomen Trump als direkte Aufforderung verstehen müssen, sich dieser Maschinerie in voller demokratischer Souveränität, mit freiheitlichem Selbstbewusstsein, Menschenrechts- und Wissenschaftsbewusstsein entgegenzustellen.

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Friedrich Merz, 64, Kandidat für den CDU-Vorsitz

Die schon vorhandene Spaltung der USA hat sich unter Trump noch einmal vertieft. Dem Land fehlt ein gesellschaftspolitischer Grundkonsens. Trump wird alles tun und jeden Konflikt eingehen, um seine Wiederwahl zu sichern.

Als ein Freund Amerikas kann ich diese Entwicklung nur zutiefst bedauern. Ich bin trotzdem überzeugt: In der längeren Perspektive werden der amerikanische Optimismus und die bekannte Dynamik dieses Landes wieder die Oberhand gewinnen.

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Sawsan Chebli, 42, SPD-Politikerin, Staatssekretärin in Berlin

Ich bange und hoffe um Amerika. Ich habe die USA 2007 das erste Mal besucht und war sofort verliebt. Nirgends hatte ich mich je zuvor so frei gefühlt wie dort, so ich selbst, ohne mich ständig erklären zu müssen, und so deutsch ohne den Zusatz Migrationshintergrund. Amerika wurde mein "safe space", wo man mich akzeptierte, wie ich bin. 

Die Ära Trump hat das Land gespalten wie nie zuvor und einen Hass und Rassismus zutage gebracht, die ich so nicht für möglich gehalten hätte. Familien reden nicht mehr miteinander. Der Hass reißt Freunde auseinander. Selbst in New York werden Juden auf offener Straße attackiert. 

Ich hoffe, dass diese Ära am 3. November endet und Amerika wieder zu dem wird, was es verheißt.

Ich bange darum, welche Abgründe sich in diesem gespaltenen Land auftun könnten, wenn es am 4. November keinen klaren Wahlsieger gibt. Ich will daran glauben, dass die Checks and Balances stark genug sind, die USA vor diesem Abgrund zu bewahren. 

Und ich wünsche mir, dass die USA und Deutschland in Zukunft nicht nur Nato-Partner sind, sondern Freunde, die mit gemeinsamen Kräften Friedenspolitik machen.

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Ulrich Matthes, 61, Schauspieler, Präsident der Deutschen Filmakademie

Als ich 1978 mit einem Chor durch ein paar Kleinstädte des Mittleren Westens der USA tingelte, wurden wir zu zweit bei Familien untergebracht. Wir landeten bei einem kinderlosen Ehepaar Mitte 60. Man führte uns in die angesagteste Pizzeria, bestellte kichernd "The big one" und Bier und freute sich herzhaft über unsere Reaktion, als die dampfende Pizza auf dem Tisch stand. Sie war wirklich big.

In dieser heiteren Stimmung wagten die beiden es, politisch zu werden, und fragten uns, wie es denn sei, immer bei minus 20 oder 30 Grad in Russland... Russland? Wir kamen doch aus West-Berlin! Ja schon, aber das liege doch mitten in Russland - und da sei es doch immer so kalt.

Sie hatten keine Ahnung, aber wir hatten sie sofort gemocht und waren nicht hochmütig.

Sie würden, sagten sie, seit Jahrzehnten die Republikaner wählen, die Demokraten seien verkappte "Commies", also Kommunisten: unwählbar.

Es waren trotzdem, ich bin mir heute noch sicher, herzensgute, liebenswerte Menschen. Sie würden, fürchte ich, vor vier Jahren Trump gewählt haben, und sie würden ihn wohl im November wiederwählen, weil sie einfach keinen Demokraten wählen können, the way they were.

Wir haben damals an den paar Abenden versucht, mit ihnen zu streiten. Danach wussten sie immerhin, wo Berlin (West wie Ost) lag. Zum Abschied haben wir uns umarmt. "My funny Germans!" lächelten sie.

Die Lehre: Trump muss man verachten - um seine Wählerinnen und Wähler muss man kämpfen. Gleiches gilt für die AfD.

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Christiane Paul, 46, Schauspielerin

Wir haben jetzt genug über Trump gehört, wir haben genug über ihn geredet.

Es ist alles klar.

Die Entscheidung liegt nun in der Hand der Wähler, der amerikanischen Bevölkerung. Ich hoffe, wünsche dem amerikanischen Volk, dass es sich bei dieser historischen Wahl auf sich selbst zurückbesinnt.

In den fast 250 Jahren seiner Geschichte ist es trotz aller Krisen systemischer und historischer Relevanz und Tragweite immer wieder aufgestanden, hat sich neu erfunden und die Dinge gewandelt, was letztendlich bestimmt, wie es sich als Nation definiert.

Ich wünsche den Amerikanern, dass sie sich dessen bewusst sind, dass sie sich daran erinnern, welche Kraft sie aus ihrer Diversität schöpfen, dass sie nicht länger eine geteilte Nation sind und dass der 3. November 2020 ein Neubeginn wird.

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Sigmar Gabriel, 61, SPD, Ex-Außenminister, Vorsitzender Atlantikbrücke

Ich schaue erst einmal mit einem sehr traurigen Blick auf die USA. Bei aller Kritik, die man immer auch an den Vereinigten Staaten haben konnte, so haben gerade wir Deutschen diesem Amerika doch gleichzeitig fast alles zu verdanken: Ohne die USA wäre meine Generation unter den Nachfolgern von Hitler oder Stalin aufgewachsen und nicht zu einem so freien und wohlhabenden Land geworden. Und ohne das Vertrauen der Amerikaner in uns Deutsche hätte es keine Wiedervereinigung gegeben.

Die USA waren der Inbegriff der kulturellen und politischen Moderne, auch wenn sie ihr Ideal, ein Land der Freien und Gleichen zu sein, oft genug auch missachtet haben.

Dieses große Land zerrissen in harter politischer Feindschaft zu sehen, unter einem Präsidenten, der das Land immer aggressiver macht, statt es zu versöhnen, kann niemanden unberührt lassen, der die Liberalität und die Freundschaft von Amerikanern kennengelernt hat.

Wer hätte es je für möglich gehalten, dass es eine offene Frage zu sein scheint, ob in den USA faire Wahlen abgehalten werden können? Bewaffnete Milizen der Trump-Unterstützer und bewaffnete Milizen ihrer Gegner streifen durch Amerikas Vorstädte: Bilder, die wir sonst nur aus "failed states" kennen - unvorstellbar, das in der Führungsnation des demokratischen Westens unklar ist, ob nach der Wahl ein unterlegener Kandidat wie Donald Trump das Ergebnis akzeptiert. Nur die autoritären Regime der Welt können sich über diesen drohenden Zerfall der USA freuen.

Ich kann nur hoffen, dass Joe Biden diese US-Wahl gewinnt. Er wird viel zu tun haben, Amerika wieder zu einen und mit sich selbst zu versöhnen."

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Juli Zeh, 46, Schriftstellerin

Ich blicke auf die USA wie auf einen Freund, den man schon lange kennt. Mal hatte man mehr miteinander zu tun, mal weniger, aber die Verbundenheit war immer da.

Dann gerät der Freund plötzlich in eine Krise. Er hat depressive Schübe, leidet an innerer Zerrissenheit bis in die Nähe der Schizophrenie, scheint verzweifelt um seine Selbstfindung zu kämpfen. Er verhält sich aggressiv, irrational, unverständlich.

Man steht erschrocken davor und denkt: Was ist nur passiert? Wenn man nur helfen könnte!

Man möchte dem Freund die Treue halten, in guten und in schlechten Zeiten. Man glaubt fest daran, dass es nur eine Phase ist, die überwunden werden muss. Aber je länger die Krise geht, je schwieriger sein Verhalten wird, desto häufiger ertappt man sich bei dem Gedanken: Ich mag ihn eigentlich gar nicht mehr.

Ich glaube, noch sind wir da. Wir halten die Treue. Aber man möchte den USA zurufen: Get well - the sooner the better!

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Jürgen Trittin, 66, außenpolitischer Sprecher der Grünenfraktion

Die Bilanz von vier Jahren Trump ist verheerend. Er hat das Land im Innern weiter gespalten und nach außen isoliert. Der selbst ernannte Dealmaker hat sich als Dealbreaker erwiesen.

Er hat die Axt an internationale Institutionen und Verträge gelegt. Die WTO ist blockiert, mit Europa und China führt er einen Wirtschaftskrieg. Unicef, Pariser Klimaabkommen und WHO haben die USA ebenso verlassen wie das Iran-Abkommen. Am Ende seiner Amtszeit liegt die nukleare Rüstungskontrolle in Scherben.

Trump hat also Wort gehalten: Er hat das alles im Wahlkampf 2016 angekündigt.

Selbst wenn Trump nicht wiedergewählt wird, dürfte sich daran grundsätzlich wenig ändern. Denn Trump ist Symptom, nicht der Auslöser der transatlantischen Krise.

Die transatlantischen Beziehungen haben sich grundlegend verändert. Es gibt keine natürliche Interessenidentität mehr in einer multipolar gewordenen Welt. Diese Interessenkonflikte zwischen Europa und den USA verschwinden nicht unter einem Präsident Biden. Aber es besteht vielleicht die Chance, sie ziviler zu bearbeiten."

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Diana Kinnert, 29, CDU-Politikerin, Publizistin

Trump gegen Biden ist nicht nur eine Personalentscheidung im Weißen Haus. Der Wahlausgang ist eine politische Weichenstellung für die noch immer weltweit stärkste Volkswirtschaft und das kulturelle Epizentrum der Postmoderne.

Das Ausland kann nur hoffen, dass die Vereinigten Staaten sich ihrer globalen Verantwortung für Krieg und Frieden auf dem Erdball bewusst sind. Es geht nicht nur um America first. Es geht um Klima, China und Iran.

Doch auch innenpolitisch wird es brenzlig: Corona wird ein Nachspiel haben. Die Frage ist nur: welches?

Werden wirtschaftlicher Einbruch, defizitäre Gesundheitsvorsorge und struktureller Rassismus zu Spielfeldern konstruktiver Neuaufstellung oder zu Polemik und Populismus mit gewaltsamen Begleiterscheinungen führen? Gelingt es, eine zutiefst zersplitterte Gesellschaft zu einen, zu versöhnen und auf eine Welt neuer Chancen und Gewinner einzustellen?

Das bedürfte Offenheit, Kreativität und des Wagemutes, Wahrheiten über das Ende alter Industriegesellschaft auszusprechen, die zunächst auch Verlierer kennen wird. Republikanischer Deregulierungswahn oder moralistischer Kollektivismus? Hauptsache Folklore?

Ich freute mich, gelänge ein unideologischer Aufbruch in Richtung Fairness, Nachhaltigkeit und Innovation.

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Burhan Qurbani, 39, Regisseur

Die USA haben sich in den letzten Jahren zu einer binären Demokratie entwickelt: Das Land fällt in jedem wichtigen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Punkt in der Mitte auseinander.

Trump definiert diese Spaltung. Bill Clinton nannte Trump mal einen "Meister des Vermarktens" . Ich als Regisseur sehe in ihm einen Reality-TV-Performer mit einem rücksichtslosen Instinkt für Konflikte: ein "Meister des Spaltens".

Wenn die Wahlen im November, deren Legitimität und technischen Abläufe Trump jetzt schon schamlos unterminiert, ihn wieder zum Präsidenten machen sollten, könnte es die vorerst letzte freie Wahl in den Vereinigten Staaten sein.

Aber hören Sie nicht auf mich. Ich bin von Berufs wegen eine Drama-Queen...

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Neven Subotic, 31, Fußballprofi, unter anderem in Dortmund und Berlin

Die USA haben ihre Leitungsrolle nach dem Zweiten Weltkrieg praktisch aufgegeben und schaffen damit zu einer Zeit, in der die größte Krise seitdem herrscht, eine Lücke im globalen System.

Ich schaue mit großer Hoffnung auf die Wahlen nach Amerika. Hoffnung, dass kein erneuter Rückschritt erfolgt mit der Wahl eines Rassisten. Und der Hoffnung, dass wir als Europäer in Zukunft weniger abhängig werden von einer Wahl in den USA, sondern den Fortschritt unserer Gesellschaft vielmehr selbst in die Hand nehmen.

Die USA ist ein Land aus Einwanderern und Sklaven gewesen, das es bisher geschafft hat, politische, soziale und wirtschaftliche Fortschritte zu erzielen, die federführend waren für andere Länder.

Nun ist es unsere Verantwortung, als Europäer, unseren Beitrag für den globalen Fortschritt zu leisten.

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Johannes Strate, 40, Sänger der Band "Revolverheld"

Ich schaue natürlich mit großer Neugierde, aber vor allem Sorge in die USA. Was unter Trump passiert ist in den vergangenen Jahren, ist wirklich erschreckend. Das Land war ja zuvor schon gespalten - aber nach vier Jahren Trump ist es noch viel schlimmer geworden.

Vor allem habe ich die große Angst, dass wenn Trump die Wahl verliert, er es dann einfach nicht anerkennt und eine Art Revolution ausruft.

Trump hat ja bereits angekündigt: Wenn ich die Wahl verlieren sollte, war sie manipuliert - was aus seinem Mund besonders absurd klingt. Es könnte aber bedeuten, dass dann weiße Milizen mit ihren vielen Waffen losziehen und es zu einer Art Bürgerkrieg kommt.

Das besorgt mich auch deshalb so sehr, weil die USA in der Vergangenheit doch immer ein Spiegel für die Welt waren - und so könnte das dem einen oder anderen Autokraten erst recht als Vorlage dienen.

Am Ende hoffe ich natürlich dennoch darauf, dass Biden die Wahl gewinnt.

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