Jan Fleischhauer

Wahlverhalten Das Trump-Petry-Faszinosum

Linke machen für den Erfolg von Donald Trump oder Frauke Petry gern die soziale Ungleichheit verantwortlich. Dabei gibt es für viele Leute einen ganz anderen Grund, solche Populisten zu wählen.
AfD-Anhänger in Hamburg

AfD-Anhänger in Hamburg

Foto: Axel Heimken/ dpa

Mit der Ungleichheit ist es wie mit den Ausländern. Niemand weiß, wo die Grenze der Belastbarkeit liegt, aber ständig wird behauptet, es gebe zu viel davon. Auf jede Studie, die zu dem Schluss gelangt, dass die Ungleichheit in Deutschland zunimmt, kommt eine, die das Gegenteil beweist.

Trotzdem sind viele Leute überzeugt, dass es mit der Armut noch nie so schlimm war wie heute. Man kennt das von den Pegida-Anhängern: Wenn man ihnen sagt, dass es um sie herum kaum Ausländer gibt, sagen sie: "Gut und schön, das ist die offizielle Statistik. Aber die Dunkelziffer ist viel höher!"

Manchmal reicht ein Ereignis, und jede Diskussion hat sich erledigt. In der Flüchtlingsdebatte war das die Silvesternacht in Köln, für die Armutsdebatte ist es der Wahlsieg von Donald Trump. Kaum jemand hat den Durchmarsch kommen sehen, aber alle wissen im Nachhinein, woran es gelegen hat. Wer verhindern wolle, dass die Populisten auch bei uns ans Ruder kommen, der müsse dafür sorgen, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich schließe, heißt es jetzt überall. Die gesellschaftliche Ungleichheit ist als Ursache Nummer eins ausgemacht, warum so viele Leute rechts wählen.

Ich war vergangene Woche zu mehreren Diskussionsrunden eingeladen. Beim Deutschlandradio traf ich auf einen Soziologen und "Elitenforscher", der wortreich erklärte, dass es die "Ausgesteuerten" und "Abgehängten" gewesen seien, die Trump ins Weiße Haus befördert hätten, weshalb man endlich wieder für mehr Verteilungsgerechtigkeit sorgen müsse. Mein Hinweis, dass Trump auch in Florida gewonnen habe, wo das einzige, von dem die Leute abgehängt sind, der Winter ist, brachte ihn nur kurz aus dem Konzept.

Ich finde es kurios, dass Leute, die das Heil in mehr Umverteilung sehen, ausgerechnet den Wahlsieg eines Mannes als Bestätigung lesen, der jeden für smart erklärt, der keine Steuern zahlt. Das erste, was Trump als Präsident machen will, ist, die Steuern für die Reichen zu senken. Vielleicht habe ich das Umverteilungskonzept falsch verstanden, und die Menschen, die in Deutschland von Verteilungsgerechtigkeit reden, meinen eine Umverteilung von unten nach oben.

Ich glaube keine Sekunde, dass ökonomische Gründe ausreichend sind, um den Sieg der Populisten zu erklären. Ich verstehe, dass man links der Mitte am liebsten über die wirtschaftlichen Ursachen spricht. Mit der Rolle des Sozialarbeiters ist man auf der Linken vertraut. Dass man den Leuten nur ein paar Euro zustecken muss und die liebe Seele hat ruh, ist das Prinzip des deutschen Sozialstaats.

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Das Problem ist: Wenn es nur um die Wut auf die Reichen ginge, bräuchte es die AfD nicht. Die Partei, die dieses Ressentiment bedient, gibt es in Deutschland bereits. Alles, was die Umverteilungstheoretiker empfehlen, haben sie bei SPD, Grünen und Linkspartei längst im Programm: Mehr Hartz IV, mehr Arbeitslosengeld, mehr Rente, und kostenlose Kinderbetreuung obendrein. Dennoch laufen die Leute zu den Rechten über.

Warum also wählen die Leute Politiker wie Trump oder, in Deutschland, Frauke Petry? Mindestens so wichtig wie der Grimm über die ökonomische Abwertung ist der über die kulturelle. Man habe die Arbeitermittelschicht wie eine "kulturelle Unterschicht" behandelt, indem man ihren Lebensstil und ihre Wertvorstellungen für rückständig und veraltet erklärte, hat der Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Washington, Bastian Hermisson, auf dem Parteitag der Grünen in einer vielbeachteten Rede gesagt. Ich glaube, der Mann hat absolut recht.

Demokratie ist kein Internat

Jeder Missgriff, indem das falsche Denken zum Vorschein kommt, wird unnachsichtig geahndet. Schon ein schlechter Witz kann einen in Teufels Küche bringen, getreu dem Mao-Satz: "Bestrafe einen, erziehe hundert." Wenn einer wie der EU-Kommissar Oettinger wegen ein paar dämlicher Bemerkungen sofort als Rassist und Schwulenfeind gebrandmarkt wird, geht es nicht nur um Oettinger, sondern immer auch um die Durchsetzung allgemeiner Erziehungsziele. "Das geht gar nicht!", schrieb Manuela Schwesig im indignierten Ton der Internatsleiterin, die vor jeder Mahlzeit kontrolliert, ob auch alle saubere Fingernägel haben.

Ich hätte einen einfachen Vorschlag, wie zum Beispiel die SPD auf einen Schlag wieder an Ansehen bei den normalen Leuten gewinnen könnte. Ich würde Manuela Schwesig für ein halbes Jahr Redeverbot erteilen. Demokratie ist kein Internat. Wer in der ersten Reihe zu viele Funktionäre hat, deren Lebensziel es zu sein scheint, Abweichungen zu ahnden, muss sich nicht wundern, wenn die Wähler nach Alternativen suchen.

Das Verrückte ist, dass gerade die SPD an der Spitze oft populäre Leute hatte. Kurt Beck zum Beispiel war ein durch und durch volkstümlicher Mensch. Bis heute ist unvergessen, wie er einem Arbeitslosen, der ihn von der Seite anmaulte, empfahl, sich erst mal zu waschen und zu rasieren, bevor er große Reden schwinge. Auch Sigmar Gabriel ist jemand, den die Bürger über die SPD hinaus mögen, weil sie zu Recht vermuten, dass er nicht bei jedem Satz überlegt, ob die Jusos Marburg-Biedenkopf einverstanden wären. Dummerweise hält ein Großteil des Funktionärskörpers genau das für einen Fehler.

Ich fürchte, das wird sich auch mit Trump nicht ändern. Das menschliche Hirn ist so strukturiert, dass es in jedes Ereignis das hineinliest, was es immer schon für richtig gehalten hat. Diese Überraschungsresistenz hilft uns bei unerwarteten Ereignissen, mit dem Schock fertig zu werden, dass es anders gekommen ist, als wir gedacht haben. Dafür nimmt man dann auch gewisse Inkonsistenzen in Kauf.

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