Trump vs. Merkel Warum er sie braucht

Kanzlerin Merkel bricht heute zu ihrem ersten Treffen mit US-Präsident Donald Trump auf. Vieles spricht dafür, dass es besser verlaufen wird als gedacht.
Donald Trump, Angela Merkel

Donald Trump, Angela Merkel

Foto: [M] REUTERS (2)

Wie werden sie miteinander umgehen? Wird er ihre Hand zerdrücken, so wie beim japanischen Regierungschef? Wird sie ihn über die Werte der westlichen Demokratie belehren? Das erste Aufeinandertreffen von Donald Trump und Angela Merkel am Dienstag wird in vielerlei Hinsicht interessant werden. Die eigentlich wichtige Frage lautet: Droht eine Eiszeit zwischen den alten Verbündeten Washington und Berlin?

Merkel hat eine klare Agenda. Bloß kein Streit mit Amerika, BMW, Siemens und Co. wollen dort Geld verdienen. Neue Zollschranken für deutsche Produkte, wie sie Trump plant, lehnt sie klar ab. Vielmehr will sie Steuer- und Regulierungshindernisse abbauen, um den Handel zwischen beiden Ländern zu erweitern.

Merkels Vorteil: Sie kann etliche Zahlen herunterbeten, die belegen, wie schön und vor allem schön profitabel die Beziehungen jetzt schon sind - und zwar für beide Seiten. Die Höhe der deutschen Direktinvestitionen in den USA beträgt gut 224 Milliarden Dollar. Mehr als 640.000 Menschen sind in deutschen Firmen in den USA beschäftigt. Deutschland ist umgekehrt für die USA einer der wichtigsten Auslandsmärkte (siehe Grafik). Der bilaterale Handel beläuft sich auf mehr als 170 Milliarden Dollar.

Millionen Amerikaner haben seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland Militärdienst verrichtet. 2,2 Millionen Deutsche reisen jährlich in die USA und geben in New York, Miami oder Los Angeles Milliarden aus.

Hinzu kommt: Auch in der Außen- und Sicherheitspolitik sehen die Beziehungen zumindest aus Merkels Sicht anständig aus. Die Bundeswehr hilft dafür an etlichen Krisenschauplätzen, an denen das US-Militär unterwegs ist, fleißig mit: in Afghanistan, im Syrienkonflikt und jetzt auch im Baltikum. Neben den USA ist Deutschland zudem einer der treuesten Verbündeten Israels, und auch im Verhältnis zu Moskau waren Washington und Berlin bislang stets auf einer Linie.

Und was will Trump?

Merkel wird auf einen Präsidenten treffen, den viele Dinge umtreiben und beschäftigen, das Verhältnis zu Deutschland gehört weniger dazu. Bei ihm ist eine interessante Entwicklung festzustellen. Zwar tobt und protzt er wie eh und je bei Twitter und in Interviews. Doch zugleich stößt der Präsident an seine Grenzen. Trump lernt schmerzhaft, was es wirklich heißt, im Oval Office zu sitzen. Es ist kein Spaß.

Er muss mit der Nordkorea-Krise klarkommen, seine versprochene Mauer nach Mexiko bauen, die versprochene Gesundheitsreform voranbringen. Der Syrienkonflikt ist nicht gelöst. Trump muss Jobs schaffen. Das sind seine großen Baustellen. Bei fast allen Themen stößt er auf massive Widerstände. Echte Fortschritte gibt es praktisch nicht.

Ein Stabilitätsanker in diesem Durcheinander sind gute Beziehungen zu alten Verbündeten wie Deutschland, Großbritannien, Japan oder Kanada. Trump muss abwägen: Will er mit Partnern wie Deutschland auskommen, oder hat er wirklich Lust, neben seinen vielen akuten Problemen auch noch mit Merkel Streit anzufangen, etwa über die Zollschranken?

Ein Thema dürften die Verteidigungsausgaben sein, die Trump in Deutschland steigen sehen will. Der Präsident warte auf einen "konkreten Plan", heißt es im Weißen Haus vor dem Treffen. Aber an Streit scheint man trotz mancher anti-deutscher Töne im Wahlkampf nicht interessiert zu sein. Viel spricht viel dafür, dass Trump wohl eher auf Partnerschaft setzt.

Trump sei "beeindruckt von Merkels Führungsqualitäten", streuen die Berater des Präsidenten vor dem Treffen. Der Milliardär werde die Gespräche auch nutzen, um von Merkel zu lernen. Er wolle "im Detail verstehen", wie genau die Verhandlungen in der Ukrainekrise liefen. Zudem interessiere Trump Merkels Erfahrungen im Umgang mit Russland. Der Präsident freue sich darauf, von der Kanzlerin zu hören, "wie es ist, mit Putin zu tun zu haben". In der US-Regierung weiß man: Merkel kennt Russlands Präsidenten Wladimir Putin, sie hat Dutzende Gespräche mit ihm geführt, vielleicht teilt sie ja ein paar Tricks.

Wie kommen sie persönlich aus?

Trumps wohlwollender Kurs dürfte von der gesamten Regierung getragen werden. Mit Genugtuung wird in Berlin vermerkt worden sein, dass Trumps neuer Nationaler Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster die Europa-Expertin Fiona Hill in seinen Stab berufen hat. Sie gilt als Putin-Kritikerin und deutschlandfreundlich.

Merkel und Barack Obama

Merkel und Barack Obama

Foto: Guido Bergmann/ Bundespresseamt/ REUTERS

Eine ganz andere Frage ist natürlich, wie Trump und sie persönlich miteinander auskommen. Von Merkel ist bekannt, dass sie großspurige Macho-Männer wie Trump nur begrenzt ausstehen kann. Gleichzeitig versteht sie es, mit ihnen umzugehen. Sie nimmt es eben, wie es kommt. Großes Getöse oder Drohungen beeindrucken sie null. Die Visite in Washington wird Merkel deshalb wie eine Expedition betrachten: Sie wird herausfinden wollen, was dieser Trump wirklich will.

Auf eines wird Merkel nicht setzen können: Auf Hilfe aus Amerika im Bundestagswahlkampf wie unter Barack Obama, der sich mehrfach klar für sie ausgesprochen hatte. Man werde sich nicht in ausländische Angelegenheiten einmischen, heißt es im neuen Weißen Haus. Angesichts des massiven Misstrauens der Deutschen gegenüber Trump ist das für die Kanzlerin aber wahrscheinlich eher eine gute Nachricht.


Zusammengefasst: Angela Merkel reist nach Washington zu ihrem ersten Treffen mit Donald Trump. Sie setzt auf einen Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen. Er braucht sie als wichtige Verbündete und Wirtschaftspartnerin und dürfte angesichts seiner vielen anderen Probleme kein Interesse an Streit haben.

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