Dorothee Bär "Ich hoffe, dass wir auch digital alle gestärkt aus der Krise kommen"

Während der Coronakrise muss sich Deutschland rasant digitalisieren. Die zuständige Staatsministerin Dorothee Bär setzt darauf, dass Menschen künftig anders arbeiten.
Ein Interview von Milena Hassenkamp
Dorothee Bär

Dorothee Bär

Foto: Sonja Wurtscheid/ dpa

Homeoffice, digitale Klassenzimmer, Rezepte per Telefon - was vor der Coronakrise theoretisch möglich, praktisch aber nur in wenigen Fällen Normalität war, wird jetzt für viele in Deutschland zum Alltag. Muss es werden.

Digital-Staatsministerin Dorothee Bär spricht im Interview über neue Kommunikationsformen unter Politikern, mögliche Folgen der Krise für die Gleichberechtigung und die Zukunft sozialer Netzwerke.

SPIEGEL: Wie gut funktioniert Homeoffice als Staatsministerin mit drei Kindern?

Bär: Wie wohl in allen Familien: mal besser, mal schlechter. Meine speziellen Schilder an der Bürotür - "Jetzt bitte nicht stören: Liveaufnahme" – funktionieren nicht immer, manchmal kommen die Kinder trotzdem herein. Aber ich denke, dass in dieser Situation, in der es allen ähnlich geht, das Verständnis dafür größer ist, dass mal nicht alles perfekt läuft.

SPIEGEL: Wenn Schulen und Kitas geschlossen sind, drohen Familien wieder in alte Rollenmuster zu verfallen, nach dem Motto: Die Frau bleibt bei den Kindern. Wie kann Digitalisierung dagegen helfen?

Bär: Zunächst einmal ist es wichtig, dass Arbeitgeber es auch Männern ermöglichen, von zu Hause zu arbeiten, weil sie dann in dieser besonderen Situation verstärkt für ihre Familien da sein und gemeinsam die anfallenden Arbeiten schultern können. Das digitale Arbeiten im Homeoffice kann jetzt aber auch dazu führen, dass es mehr Anerkennung für die Arbeit von daheim gibt, dass Vertrauensarbeitszeiten und -orte nicht mehr mit Faulheit gleichgesetzt werden. Wenn jetzt alle merken, dass nicht mehr für alle Termine Dienstreisen notwendig sind, ist das eine Chance für die Vereinbarkeit nicht nur von Familie und Beruf, sondern auch für Familie und Karriere – und damit für mehr Gleichberechtigung.

SPIEGEL: Wie läuft das ab, wenn Angela Merkel eine Kabinettssitzung per Telefon aus der Quarantäne leitet?

Bär: Das funktioniert ziemlich gut. Die Bundeskanzlerin hat bei der Sitzung am Montag (vor einer Woche, Anmerkung der Redaktion) ganz normal die Tagesordnung abgehandelt. Das Einzige, was sie natürlich am Telefon nicht sehen konnte, waren Wortmeldungen. Deshalb hat Vizekanzler Olaf Scholz ihr immer gesagt, wer sich gemeldet hat, und dann hat sie diejenigen aufgerufen.

SPIEGEL: Bayerns Ministerpräsident Söder setzt seit Ausbruch der Krise stets auf die härteren Maßnahmen, die anderen Länder und die Kanzlerin sind vorsichtiger. Ist dieser Eindruck korrekt?

Bär: Markus Söder führt Partei und Land aktiv mit einer klaren Haltung. Seine Vorgehensweise ist Ausdruck einer besonderen Vorsicht, da Bayern als Grenzregion eher von einer hohen Krankheitszahl betroffen war und ist. Im Ergebnis laufen aber alle Maßnahmen, die von der Bundeskanzlerin und allen Bundesländern ergriffen wurden, auf die Vermeidung von Sozialkontakten hinaus.

SPIEGEL: Wie gut funktioniert das jetzt erzwungene digitale Arbeiten unter Politikern?

Bär: Da sind alle auf verschiedenen Levels. Viele sind bereits damit überfordert, dass man sein Mikrofon in einer Konferenz stumm stellt, wenn man nicht spricht. Unsere Fraktion hat deshalb jetzt einen Leitfaden verschickt, um dem einen oder anderen Kollegen zu zeigen, wie bestimmte Tasten funktionieren. Ich hoffe, dass wir auch digital alle gestärkt aus der Krise kommen.

SPIEGEL: Haben Sie ein Beispiel?

Bär: Letzte Woche hatte ich eine Videoschalte mit etwa 70 Unternehmern, einem Landrat, einem Bürgermeister und einem Kollegen aus dem Landtag. Für einen Kollegen war es die erste Liveschalte seines Lebens. Er teilte dann später versehentlich seinen Bildschirm mit allen Teilnehmern, anstatt sein Mikrofon anzumachen. Im Moment finden viele digitale Lernerfahrungen statt, das finde ich toll.

SPIEGEL: Ändern die Menschen gerade ihre Einstellung zur Digitalisierung?

Bär:  Vor der Krise haben viele Skeptiker gesagt, das eine sei das echte Leben, das andere finde im Internet statt. Jetzt merken viele zum ersten Mal, dass das keine Parallelwelten sind. Mehr noch: Diejenigen, die nun die sozialen Medien für sich entdecken, bringen so viel Positives ein, dass die sogenannten asozialen Netzwerke wieder zu wirklich sozialen Netzwerken werden können. Wir haben in der Vergangenheit den Hatern zu viel Platz überlassen. Jetzt könnten diese Netzwerke wieder das schaffen, wozu sie eigentlich geschaffen wurden: Menschen zusammenzubringen. Dieser digitale Antrieb macht mir Mut, dass wir auch nach der Krise große Schritte weiterkommen.

SPIEGEL: Kinder dürfen vorerst nicht in die Schule, Eltern fühlen sich alleingelassen. Ist das der Preis dafür, dass Bund und Länder die Digitalisierung der Schulen haben schleifen lassen?

Bär: Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Thema digitale Bildung, weil es für die Zukunft unseres Landes wichtig ist. Jedes Mal, wenn ich das Thema voranbringen möchte, kriege ich zu hören, dass der Bund da nicht zuständig sei und dass ich mich nicht einmischen dürfe. Wie digital eine Schule ist, hat in den letzten Jahren immer von der Leidenschaft einzelner Rektorinnen oder einzelner Lehrer abgehangen. Dann zieht die Klasse 1a das durch, aber die Lehrerin der 1b beschwert sich darüber. Das rächt sich jetzt. Programme und Anbieter gibt es zwar schon länger genügend, aber die 16 Kultusministerien haben ihren Schulen da in der Vergangenheit nicht ausreichend Beinfreiheit gegeben. Einzelne Pilotprojekte einzuführen, wie das Programmieren in der Grundschule, ist zwar gut, aber es braucht einen großen einheitlichen Wurf. Deshalb freut es mich, dass Bundesministerium für Bildung und Forschung und Kultusministerkonferenz 100 Millionen Euro aus dem Digitalpakt für den Aufbau von Onlineplattformen und digitalen Lehrinhalten zur Verfügung stellen. Das ist für mich der erste Schritt zu einer vollwertigen digitalen Bildung, die wir gerade für die Zukunft unseres Landes nach der Krise dringend brauchen.

SPIEGEL: Die Bundesregierung hat gerade die Schirmherrschaft für einen Hackathon übernommen, bei dem aktiv rund 27.000 Teilnehmer digital an Lösungen für die Coronakrise gearbeitet haben. Was ist dabei herausgekommen?

Bär: Der Hackathon war ein Riesenerfolg, mit rund 43.000 Anmeldungen, 27.000 aktiven Nutzerinnen und Nutzern und 1500 angemeldeten Projekten. Er war nicht nur der größte weltweit, er zeigt auch eine große Solidarität und Bereitschaft der Menschen, sich in der aktuellen Situation an der Lösung von Problemen zu beteiligen. Es wurden viele konkrete Lösungen entwickelt: Zum Beispiel eine Idee für Brillen, die kontaktlos Fieber messen können. Oder für Beatmungsgeräte aus dem 3D-Drucker. Es wurden Plattformen entwickelt, auf denen Landwirte neue Erntehelfer finden können. Und es ging natürlich auch um Projekte, die schon jetzt genutzt werden: Apps, die anzeigen, welches Krankenhaus noch freie Betten hat oder wo noch Desinfektionsmittel und Masken vorhanden sind. Montagabend werden die Juryergebnisse verkündet, aber wir hoffen natürlich, dass unabhängig von dem Voting viele Projekte weiterlaufen.

SPIEGEL: Warum braucht es erst eine Krise, damit so etwas passiert?

Bär: Bei meinem Amtseintritt habe ich hauptsächlich mit technischen Hürden bei der Digitalisierung gerechnet. Natürlich sind wir in vielen Bereichen technisch noch nicht perfekt aufgestellt, zum Beispiel beim Thema Breitbandausbau. Aber ich sage Ihnen ganz ehrlich: Die größte Hürde liegt in den Köpfen der Menschen, die große Angst vor der Digitalisierung haben. Wir Deutschen sind nicht veränderungsbereit. Aber wenn wir uns verändern müssen, dann bewältigen wir den Wandel am besten. Die Studie, die das sagt, zitiere ich schon seit Jahren, weil sie auch für die Digitalisierung in Deutschland so anschaulich ist.

Ich habe immer wieder gesagt, dass es für die Digitalisierung eine Initialzündung geben muss. Natürlich habe ich nie an einen Virus gedacht und mir das natürlich nicht gewünscht. Ich glaube, vieles wird erst in einer Krise angegangen, weil unsere Gesellschaft große Angst vor dem Wandel hat. Und auch, weil es vorher ja irgendwie lief. Estland, das bei der Digitalisierung immer als Vorbild herangezogen wird, musste sich von Russland lösen, wollte etwas Neues aufbauen und investierte daher immens in die Digitalisierung. Es ist schade, dass es auch bei uns eine Krise braucht, damit wir bei der Digitalisierung umdenken, bestehende Vorbehalte aufgeben und darin die Chancen für Lebensverbesserung sehen.