Drama um Altkanzler Kohls Vertraute klagen über Indiskretionen

Weggefährten von Helmut Kohl sind empört, weil das Familienleben des Staatsmanns in Büchern ausgebreitet wird. Der frühere Kanzlerberater Horst Teltschik nennt die Werke "unappetitlich" - und kritisiert auch den ältesten Sohn des CDU-Politikers.

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Berlin - Seit 13 Jahren ist er nicht mehr Kanzler. Aber das Interesse an Helmut Kohl ist ungebrochen. Es scheint sogar jetzt erst richtig zu erwachen. Zwei Bücher - eins über seine frühere Ehefrau Hannelore und das des ältesten Sohns Walter über die Familie - stehen ganz vorne auf den Bestsellerlisten.

Es sind Bücher, die einen Blick hinter die Kulissen versprechen. In seinem Buch "Leben oder gelebt werden" hat Walter Kohl über sein schwieriges Verhältnis zum Vater geschrieben, außerdem hat er in zahlreichen Interviews darüber gesprochen. Dagegen geht es in dem jüngst erschienenen Werk des Journalisten Heribert Schwan - "Die Frau an seiner Seite - Leben und Leiden der Hannelore Kohl" - um die Kanzlergattin, die vor zehn Jahren freiwillig aus dem Leben schied.

Beide Bände haben eines gemeinsam: Sie zeichnen das wenig schmeichelhafte Bild einer Familie im Schatten des Altkanzlers. Das ist neu. Kaum ein anderes Politikerleben Deutschlands ist zu Lebzeiten derart öffentlich ausgebreitet worden. In anderen Fällen kamen Details erst nach dem Ableben des jeweiligen Prominenten ans Licht.

Im Falle der Familie Kohl gilt diese Regel nicht mehr. Seit neuestem kann die deutsche Öffentlichkeit sogar mitverfolgen, wie gereizt das Verhältnis des Sohns Walter zur zweiten Ehefrau Maike Kohl-Richter ist. Kürzlich warf der 47-Jährige ihr in einer ZDF-Sendung vor, eine Presseerklärung überarbeitet zu haben, mit der sein Vater indirekt auch sein - Walters - Buch kritisierte. Als jüngst eine Gedenkfeier für Hannelore Kohl in der Dreifaltigkeitskirche zu Speyer zelebriert wurde, war das Kirchenschiff voll, an der Spitze die beiden Söhne. Wer fehlte, war der Vater - und das führte erneut zu Spekulationen .

"Ich werde keines dieser Bücher lesen"

Helmut Kohl, 81, muss zu seinen Lebzeiten erleben, wie aus seinem engsten Familienkreis berichtet wird. Langjährige Weggefährten sehen das mit Unbehagen. "Lars Brandt war ein Vorläufer", sagt der frühere Kanzlerberater Horst Teltschik. Der oft abwesende Vater, wie ihn Walter Kohl in seinem Buch beschreibt, ist nämlich als Thema kein Novum: Schon Lars Brandt, einer der drei Söhne von Altkanzler Willy Brandt aus der Ehe mit Rut Brandt, legte vor sechs Jahren sein Buch "Andenken" vor. Auch hier geht es um das Verhältnis zu einem Mann, der noch auf dem Totenbett so sprachlos zu seinem Sohn blieb wie in seinem Leben davor. Doch Lars Brandt brachte seinen Band erst Jahre nach dem Tod des Vaters heraus, Walter Kohl wartete nicht. Und das nimmt ihm das Kohl-Umfeld übel.

Der heute 71-jährige Teltschik gehörte einst zu Kohls engsten Mitarbeitern, er war einer der maßgeblichen Männer im Hintergrund, als die deutsche Vereinigung 1989/90 unter Kohl zustande kam. Teltschik hat die Werke von Walter Kohl und Heribert Schwan nicht gelesen, er hat es auch nicht vor: "Ich werde keines dieser Bücher lesen." Was Teltschik aus Medienberichten darüber mitbekommen hat, reicht ihm, um sich zu ärgern. Über Walter Kohl sagt er: "Wenn er das Buch für sich geschrieben hätte über seine Probleme mit einem großen Vater, als eine Art therapeutische Maßnahme, nur für sich, dann hätte ich das für richtig gehalten. Aber ich frage mich - warum muss das in der Öffentlichkeit geschehen?"

Walter Kohl sieht in seinem Buch keine Abrechnung, sondern einen Beitrag zur Versöhnung - mit sich selbst und dem Vater. Sein Werk und das des Journalisten Schwan sind Verkaufsschlager. Das Buch des Kohl-Sohns ist nach Angaben des Verlags seit Erscheinen im Januar bis heute rund 200.000-mal verkauft worden, das des Journalisten Schwan kam erst vor gut drei Wochen heraus und liegt bereits auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste. 160.000 Exemplare hat der Verlag davon in den Handel gebracht.

Für manche in der CDU sind die Bücher ein Tabubruch

Das Buch Schwans entstand nach Angaben des Autors aus zahlreichen Gesprächen mit Hannelore Kohl. Es hat wegen seiner Indiskretionen nicht nur die Söhne Walter und Peter verärgert, für den Altkanzler selbst war es jüngst Anlass, um über sein Büro eine Presseerklärung herauszubringen. Teltschik kann das nachvollziehen: "Ich finde es schwer erträglich, ja unappetitlich, wenn ein Buch mit angeblich vertraulichen Informationen, die Frau Kohl damals dem Autor gegeben haben soll, veröffentlicht wird."

Teltschik und seine Frau hatten auch privat Kontakt zu den Kohls. "Ich selbst und meine Frau haben 19 Jahre lang Hannelore Kohl persönlich gekannt, sie war oft Gast in unserem damaligen Haus in Bonn, hat uns Dinge erzählt, die nur für uns bestimmt waren. Es wäre doch unerträglich, wenn wir jetzt selbst anfangen würden, davon zu erzählen", sagt er.

Teltschik, der noch heute gelegentlich Kontakt zum schwerkranken Kohl hält, sieht in den Veröffentlichungen auch angesichts des Gesundheitszustands des Altkanzlers ein Problem. "Er kann sich nicht mehr so wehren wie er es früher gekonnt hätte. Ich finde diese Buchveröffentlichungen sehr unschön", sagt der Christdemokrat.

Für manche in der CDU sind die Bücher schlichtweg ein Tabubruch. Zum Beispiel für Willy Wimmer, einst parlamentarischer Staatssekretär im Verteidigungsministerium und schon Bundestagsabgeordneter, als Kohl noch Fraktionschef war. Der heute 68-Jährige stand selbst in der CDU-Spendenaffäre zu Kohl. Wimmer sieht im Altkanzler vor allem den Mann, dem die Einheit gelang und der wegen der Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs dem Frieden in Europa verpflichtet war. "Das ist jemand, für den ich wegen seines Beitrags für die deutsche Geschichte sogar eine Wallfahrt machen würde", sagt Wimmer.

Umso mehr ärgern ihn die Bücher. Wimmer spricht von einer "griechischen Tragödie", die sich da abspiele. "Die zeichnet sich dadurch aus, dass diejenigen, die besser schweigen sollten, jetzt den Mund aufmachen", empört er sich. Die Bücher, glaubt er, sind keine vernachlässigbaren Werke. "Das ist", so der CDU-Mann, "das Einträufeln von Gift auf subtile Weise und wird noch eine lange Wirkung haben."

Anmerkung: In einer früheren Fassung wurde irrtümlich ein falscher Titel des Buches von Heribert Schwan angegeben. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen. 



insgesamt 871 Beiträge
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Seite 1
JürgenMeyer, 09.07.2011
1.
Zitat von sysopWährend seiner Amtszeit trennte ex-Bundeskanzler Helmut sein Privatleben streng vom politischen Alltag. Jetzt holen ihn Familienprobleme und persönliche Dramen ein, Einzelheiten dringen in immer größerer Zahl an die Öffentlichkeit. Beschädigt dies sein Ansehen als Staatsmann?
Helmut Kohl war ein provinziell denkender Kanzler aus den Rheinland und nie ein Weltbürger oder Staatsmann. Die Deutsche Einheit hat er so schlecht reslisiert, so dass sie eine Billion €uro kostete und diese Staatsschulden und diese Einheit auf Pump wurde in der Folgezeit das größte Problem der deutschen Geschichte danach. Eine Million Industriearbeitsplätze hat er in der ehemaligen DDR vernichtet und den Osten durch die übereilte Einführung der DMark deindustrialisiert. Er war immer in der Kalten-Kriegs-Denke stecken geblieben. Und da liefen auch dubiose Geschäfte ab, wenn man an den undurchsichtigen Verkauf der DDR Tankstellenkette Minol und die Leunawerke an den französischeb Konzern Elf Aquitaine u.a. denkt . Ein Staatsman war er ganz sicher nie und ich denke, dass diese privaten Streitereien mit seinen Kindern etwas mit seiner eigenen Unzufriedenheit zu tun haben.
Kurt2, 09.07.2011
2. #1
Zitat von sysopWährend seiner Amtszeit trennte ex-Bundeskanzler Helmut sein Privatleben streng vom politischen Alltag. Jetzt holen ihn Familienprobleme und persönliche Dramen ein, Einzelheiten dringen in immer größerer Zahl an die Öffentlichkeit. Beschädigt dies sein Ansehen als Staatsmann?
Nein, ich denke, es beschädigt eher das Ansehen derjenigen, die ihn nicht in Ruhe lassen können. Das hat das Niveau der "Bunten".
realistano 09.07.2011
3. nein
Zitat von sysopWährend seiner Amtszeit trennte ex-Bundeskanzler Helmut sein Privatleben streng vom politischen Alltag. Jetzt holen ihn Familienprobleme und persönliche Dramen ein, Einzelheiten dringen in immer größerer Zahl an die Öffentlichkeit. Beschädigt dies sein Ansehen als Staatsmann?
Wenn ihm die Spendenaffäre nicht sonderlich geschadet hat, dann tut die Kleinigkeiten ihm auch nicht weh.
klauslynx 09.07.2011
4. Welches Ansehen ?
Zitat von Kurt2Nein, ich denke, es beschädigt eher das Ansehen derjenigen, die ihn nicht in Ruhe lassen können. Das hat das Niveau der "Bunten".
Ein Ansehen als "Staatsmann" oder bedeutsame Persönlichkeit hat er sicherlich nicht erworben. Eher die Statur eines von Machtgier besessenen Politikers den sein Amtseid nicht am "Bimbes" besorgen störte und sein "Ehrenwort" über das von ihm beeidete Rechtssystem stellte. Das ungestraft zu tun konnte auch nur in Deutschland mit seiner Justiz passieren. Als Mensch einfach unsäglich.
Revarell 09.07.2011
5.
Zitat von klauslynxEin Ansehen als "Staatsmann" oder bedeutsame Persönlichkeit hat er sicherlich nicht erworben. Eher die Statur eines von Machtgier besessenen Politikers den sein Amtseid nicht am "Bimbes" besorgen störte und sein "Ehrenwort" über das von ihm beeidete Rechtssystem stellte. Das ungestraft zu tun konnte auch nur in Deutschland mit seiner Justiz passieren. Als Mensch einfach unsäglich.
Das kann ich unterstreichen! Weiterhin haben wir Kohl auch seine Nachfolgerin Merkel zu verdanken die von ihm protegiert und aufgebaut wurde!
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