Dreier-Kandidatenrunde für den CDU-Vorsitz Laschet stichelt gegen Röttgen, Merz schaut zu

Runde zwei der TV-Kandidatenrunde für den CDU-Vorsitz: Armin Laschet zeigte sich angriffslustig, Norbert Röttgen kamerafixiert, Friedrich Merz gelassen. Eine Woche vor dem Parteitag bleibt das Rennen spannend.
Die drei Vorsitzendenkandidaten

Die drei Vorsitzendenkandidaten

Foto: Michael Kappeler / dpa

Am Ende wird es plötzlich laut. »Jetzt gibt es doch noch Randale«, sagt Moderatorin Tanja Samrotzki.

Aber sie hat nur einen Scherz gemacht: Friedrich Merz' Fuß ist gegen den Metallrahmen seines Stuhls gerummst, als sich der CDU-Vorsitzendenkandidat nach dem Schlussstatement an einem separaten Rednerpult wieder an den Tisch zu Samrotzki und seinen Konkurrenten Armin Laschet und Norbert Röttgen setzt.

Es ist wieder alles andere als eine Redeschlacht eine Woche vor dem Parteitag, auf dem die CDU einen Nachfolger für die scheidende Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer wählen wird. Drei Herren in dunkelblauen Anzügen über blauen Krawatten an einem ovalen Tisch, vor sich je ein Glas Wasser, die so zivilisiert miteinander umgehen, wie man es sich in einer christdemokratischen Partei wünscht. »Sie drei geben auch eine prima Skatrunde ab«, hat Moderatorin Samrotzki eingangs gesagt, vielleicht hätten sich die Gemüter der drei CDU-Politiker beim Kartenspiel ein bisschen mehr erhitzt.

Aber anders als beim ersten Teil des sogenannten Triells vor dreieinhalb Wochen entwickelt sich an diesem Abend immerhin zwischen Laschet und Röttgen eine gewisse Dynamik. Zweimal in den anderthalb Stunden stichelt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident gegen seinen Konkurrenten aus dem Bundestag, der dort dem Auswärtigen Ausschuss vorsitzt, interessiert beobachtet vom früheren Unionsfraktionschef Merz.

Zunächst beim ersten Themenschwerpunkt Umwelt. Röttgen hat da aus Sicht Laschets auf die eingereichte Frage eines CDU-Mitglieds zu unverbindlich geantwortet, als es um den Ausgleich zwischen Ökologie und Ökonomie ging. Als Laschet ihm das zu erklären beginnt, sagt Röttgen immer wieder: »Ja, klar.« Aber jetzt könne er damit mal aufhören, sagt Laschet, der als Ministerpräsident im Land von ehemals Kohle und immer noch Stahl ständig mit dieser Frage zu tun hat: »Es gibt da nämlich einen Konflikt«, den dürfe man auch nicht wegreden. Und ein Weilchen später, inzwischen ist die Runde bei der inneren Sicherheit angelangt, belehrt Laschet seinen Konkurrenten Röttgen, weil der seiner Meinung nach beim Thema Abschiebungen von sogenannten Gefährdern falsch liegt.

Laschet wirkt generell wacher und klarer als Mitte Dezember. Aber er hat eben auch Boden gutzumachen. Gestartet als klarer Favorit – NRW-Ministerpräsident, Vorsitzender des mitgliederstärksten CDU-Landesverbands und ausdrücklicher Verteidiger des erfolgreichen Mitte-Kurses von Angela Merkel –, muss Laschet mancher Umfrage zufolge sogar darum bangen, es am 16. Januar in den zweiten Wahlgang zu schaffen.

Das liegt vor allem daran, dass aus dem anfangs belächelten Kandidaten Röttgen in den zurückliegenden Monaten ein ernsthafter Konkurrent geworden ist. Das schadet vor allem Laschet, weil beide im Gegensatz zu Merz das eher liberale Lager in der CDU ansprechen. Ausgerechnet Röttgen, der in Nordrhein-Westfalen 2012 als Ministerpräsidentenkandidat krachend scheiterte und seiner Partei ein verheerendes Ergebnis bescherte, könnte Laschet nun die Tour vermiesen. Andererseits hat sich Röttgen schon immer für den besseren Politiker gehalten als Laschet – das Comeback wäre aus seiner Sicht keine Überraschung.

Röttgen gibt im Kandidatentrio den Mann des Aufbruchs und der Öffnung der Partei, das gelingt ihm auch an diesem Abend. Und bestimmt meint es der CDU-Politiker gut damit, um auch alle anzusprechen, dass er immer wieder in die Kamera schaut, anstatt auf die ihn fragende Moderatorin. Aber ein bisschen unhöflich wirkt es dennoch.

Und Merz? Der war sich schon im Dezember 2018 sicher, dass er im Rennen gegen Kramp-Karrenbauer und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn siegen und Angela Merkel als CDU-Chefin beerben würde, damals scheiterte er knapp in der Stichwahl gegen die nun scheidende Vorsitzende. Und auch diesmal gehen der frühere Fraktionschef und seine Leute von einem Sieg aus. Der Unterschied zu damals: Merz hat diesmal wirklich hart gearbeitet im Vorfeld, sich durch die Landesverbände telefoniert, fleißig für sich geworben.

Diesmal ist alles anders

Alles ist ja anders dieses Mal: Die 1001 Delegierten werden am 16. Januar Corona-bedingt nicht nur virtuell zusammenkommen – sondern auch digital über den neuen Vorsitzenden abstimmen. Die Kandidaten werden ihre Vorstellungsreden ausschließlich in die Kameras halten, die Delegierten jeder für sich zuschauen und abstimmen. Absolutes Neuland für die CDU – aber auch ein Parteitag, dessen Ausgang deshalb noch schwerer vorherzusagen ist.

Der Kandidat Merz wirkt an diesem Abend jedenfalls so, als wolle er die Partie sicher nach Hause spielen, ohne größere Fehler zu machen. Er liefert Merz-Klassiker wie »Ich will Champions League spielen und nicht Kreisklasse«, in diesem Fall gemünzt auf die Rolle Europas in der Welt, natürlich stellt er sich als Mann der Wirtschaft gegen eine Pflicht zum Homeoffice.

Merz, der aktuell bis auf die Vizepräsidentschaft des CDU-Wirtschaftsrats kein politisches Amt bekleidet, hat diese Freiheit genutzt – während Laschet, in der Pandemie als Ministerpräsident noch mehr gebunden als ohnehin, erst sehr spät mit dem Werben um Delegiertenstimmen begonnen hat. Auf die letzten Meter legt auch er sich nun ins Zeug, zuletzt konnten die Landesverbände Laschet 48 Stunden lang virtuell begegnen. Aber ob das jetzt noch hilft?

Auch sein Kompagnon Spahn, der sich anders als 2018 gegen eine eigene Kandidatur für den Vorsitz entschloss und stattdessen Laschet Unterstützung versprach, ist im Moment alles andere als eine Hilfe. Dass er aus dieser Teamlösung gesichtswahrend nicht mehr herauskommen würde, ist Spahn irgendwann klar geworden – nach SPIEGEL-Informationen sondierte er allerdings noch vor Weihnachten unter Parteifreunden seine Chancen , dennoch Unionskanzlerkandidat im kommenden Bundestagswahlkampf zu werden. Laschet und seine Leute ignorieren das nach Kräften, Spahn dementiert entsprechende Bemühungen – die Partei ist dennoch irritiert.

Ziemlich unübersichtliche Lage für die CDU

Es ist also eine ziemlich unübersichtliche Lage für die CDU, eine Woche vor ihrem Parteitag: Die Christdemokraten haben drei Vorsitzendenbewerber, plus einen weiteren willigen Kanzlerkandidaten – und aus Bayern schaut derweil CSU-Chef Markus Söder zu, der Umfragen zufolge der klare Favorit der Wähler für die Merkel-Nachfolge ist.

Anders ausgedrückt: Entschieden wird in der CDU auch nach dem Parteitag noch längst nicht alles sein.

Aber nach diesem Abend wird zumindest klarer, worauf die Kandidaten im Endspurt um den Parteivorsitz setzen: Merz auf die bekannte klare Kante, Röttgen auf das Thema Modernisierung und Laschet auf seine Erfahrung als Ministerpräsident und die Tatsache, dass er als einziger der Bewerber schon eine Wahl gewonnen habe – was seinen Worten zufolge »auch nicht schaden kann«.