Dreikönigstreffen der FDP Kapitän Ahab, ahoi!

Alle sind doof, nur ich nicht - das ist die Botschaft von Guido Westerwelles Rede beim Dreikönigstreffen in Stuttgart. Sein kämpferischer Auftritt ändert nichts daran, dass seine Macht schwindet. FDP-Generalsekretär Lindner setzt ein Signal: Ich stehe bereit.

Ein Kommentar von


Es war eine gute Rede. Eine Rede, die des Vorsitzenden der großen, alten liberalen Partei würdig war. Alle Themen wurden angesprochen, analysiert, die Anhängerschaft zeigte sich begeistert. Selbst die nötige Abgrenzung zum wichtigsten politischen Gegner, den Grünen, gelang perfekt.

Nur blöd für Guido Westerwelle: Nicht er hat diese Rede gehalten, sondern Christian Lindner, sein Generalsekretär. Fast eine halbe Stunde lang zeigte der Nachwuchsliberale in Stuttgart sein Können als Politiker. Geschliffen, klug, ohne dabei dröhnig zu wirken.

Lindner redete vor seinem Förderer Westerwelle. Er hätte es kurz machen können, um seinem angeschlagenen Vorsitzenden ganz allein die Bühne zu überlassen. Doch stattdessen hielt er vor den wichtigsten Köpfen der Partei im Staatstheater nichts anderes als eine Bewerbungsrede für Westerwelles Job.

Ach ja, Westerwelle redete auch. Aber er hatte nichts anzubieten, was seine Truppe oder der Rest der Welt nicht schon von ihm kannte: Keine Selbstkritik, keine neue Idee, keine neue Vision. Es war der alte Westerwelle: Alle sind doof, nur ich nicht. Leistung muss sich lohnen. Zukunft braucht Mut, ja und wer hat den? Natürlich er, Westerwelle. Wer sonst?

Noch einmal klatschten die Funktionäre. Über Westerwelles Fehler, über die Fehler der Partei wurde der Mantel des Schweigens ausgebreitet. Die Liberalen versetzten sich in Selbsthypnose.

Das bizarre Schauspiel, das Westerwelle, Lindner und ihre Liberalen in Stuttgart aufführten, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die FDP eine Partei ist, die eine schwere Führungskrise aushalten muss. Westerwelle hat in der Koalition kaum etwas durchgesetzt. Er wird selbst in seinem Fachgebiet, der Außenpolitik, von Kanzlerin Merkel ausgebootet. Er hat in der Steuerpolitik Versprechungen gemacht, die er nicht erfüllen konnte. Er ist einer der unbeliebtesten Politiker Deutschlands.

Das wissen alle, die im Raum waren. Sie wollten es nur für einen Tag vergessen machen. Wenigstens das.

Schön für ihn, wenn es gut ausgeht - doch danach sieht es nicht aus

Schade: Wie erfrischend wäre es gewesen, einmal einen anderen Westerwelle zu erleben. Einen, der zur Selbstkritik oder vielleicht wenigstens zur Selbstironie fähig ist. Einen, der zugibt, dass nicht alles rosig und dufte ist. Glaubwürdigkeit entsteht dadurch, dass man sagt, was ist - und nicht durch Selbstbetrug.

Guido Westerwelle bemüht gerne Bilder aus der Seefahrt, um den Zustand seiner Partei zu beschreiben. Er sagt: Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt es einen, der die Sache regelt. Das stimmt, nur erinnert die FDP derzeit nicht an die schicke Yacht, die Westerwelle wohl vorschwebt, sondern eher an den alten Segler "Pequod" aus "Moby Dick". Westerwelle gibt den Kapitän Ahab, der stur das Kommando führt, komme was wolle. Die Mannschaft folgt mal mürrisch, mal begeistert. Aber alle ahnen, dass diese Fahrt kein gutes Ende nehmen könnte.

In Stuttgart hat Westerwelle Luft geholt für einen weiteren Anlauf, er will es noch einmal wissen. Seine Partei gewährt ihm diese Chance.

So legt die FDP Westerwelles Schicksal in die Hand der Wähler. Über seine Zukunft wird in Hamburg, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg entschieden. Westerwelle will das politische Wunder schaffen, siegen und sich dann den Mythos des Unbesiegbaren zulegen.

Dieses politische Heldenplanspiel kann man aus seiner Sicht verstehen. Schön für ihn, wenn es gut ausgeht.

Doch danach sieht es nicht aus. Wahrscheinlicher ist, dass die FDP bei den Landtagswahlen baden geht. Dann ist der Parteichef nicht mehr zu halten. Dann brauchen die Liberalen einen Neuanfang. Lindner steht bereit.

Übrigens: Die Besatzung der "Pequod" hat zu lange auf die Meuterei gewartet. Der sture Kapitän Ahab soff ab. Ihm folgte sein Schiff - mit fast der ganzen Besatzung. Aber die Geschichte kennen sie sicher bei den Liberalen.

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Seite 1
Heimatloserlinker 06.01.2011
1.
Zitat von sysopDie Spannung war groß: Mit seiner Rede beim Dreikönigstreffen der Liberalen wollte Guido Westerwelle seine Partei aus dem Tief holen. Hat er dabei gepunktet?
Bei wem?
LocoGrande 06.01.2011
2.
Eine Rede voller Widersprüche, voller Selbstbeweihräucherung und voller Realitätsverlust. Wenn das der große Wurf für die Medien gewesen ist, dann weiss man, was die Stunde in der Medienrepublik geschlagen hat.
Paul-Merlin 06.01.2011
3. Natürlich nicht,
Zitat von sysopDie Spannung war groß: Mit seiner Rede beim Dreikönigstreffen der Liberalen wollte Guido Westerwelle seine Partei aus dem Tief holen. Hat er dabei gepunktet?
aber seine Pöstchen kann er jetzt noch ein wenig behalten, bis nach den absehbaren Wahldebakeln.
Harald E, 06.01.2011
4. Muss aber
Zitat von LocoGrandeEine Rede voller Widersprüche, voller Selbstbeweihräucherung und voller Realitätsverlust. Wenn das der große Wurf für die Medien gewesen ist, dann weiss man, was die Stunde in der Medienrepublik geschlagen hat.
Das muss der große Wurf sein. Merkel, Gutti, vdL, Seehofer und Co. sind ganz begeistert von Westerwelle. Unsere politische Führungselite sieht wohl Fähigkeiten in ihm, die 97% der Bevölkerung verborgen bleiben.
zynik 06.01.2011
5. weiter so
Zitat von sysopDie Spannung war groß: Mit seiner Rede beim Dreikönigstreffen der Liberalen wollte Guido Westerwelle seine Partei aus dem Tief holen. Hat er dabei gepunktet?
Weiter so. Mehr war nicht. Aber wer hat bitte ernsthaft etwas anderes erwartet? Die Ideologie dieser Partei lässt garnichts anderes zu.
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