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Proteste in Dresden Merkels härtester Feiertag

Pfeifkonzerte, Sprechchöre, offener Hass: Selten war die Kluft zwischen Politik und Wutbürgern so spürbar wie bei den Einheitsfeiern in Dresden. Im Zentrum des Zorns stand die Kanzlerin.

Vom diesjährigen Tag der Deutschen Einheit bleibt der üble Eindruck zurück, dass ein Schwarm gereizter Hetzer sogar den wichtigsten Feiertag des Landes verderben kann. Beim zentralen Festakt in Dresden kam es am Montag permanent zu Sprechchören, Pfeifkonzerten und Rangeleien.

Mittendrin im Geschehen waren Deutschlands Top-Politiker - Kanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Joachim Gauck, Parlamentspräsident Norbert Lammert und viele andere.

Schon im Vorfeld raunte man im politischen Berlin über den Ort der Einheitsfeier. Ob das gut geht? Ausgerechnet in Dresden, wo sich die islam- und fremdenfeindliche Bewegung Pegida gründete? Wo erst vergangene Woche ein Anschlag auf eine Moschee verübt wurde?

Auch wenn viele Menschen friedlich feiern konnten, die rund 2600 Sicherheitskräfte die Situation bislang unter Kontrolle behielten: Stellenweise ging es gar nicht gut. Die Anspannung in der sächsischen Hauptstadt war den ganzen Tag spürbar, die Stimmung schrammte mehrfach an der Eskalation vorbei. Die Feierlichkeiten waren von Furcht geprägt, wie Szenen aus Dresden zeigen:

  • Die Demonstranten nahmen die Innenstadt mit einer Art Guerillataktik in Besitz. Überall wo Politiker auftauchten, machten Protestierende mit Pfiffen und Sprechchören auf sich aufmerksam. Schon morgens am Neumarkt vor der Frauenkirche versammelten sich geschätzt 500 Demonstranten zum Pfeifkonzert gegen ankommende Politiker wie Merkel und Gauck. Sie riefen "Merkel muss weg", "Haut ab" oder "Volksverräter". Die Stimmung heizte sich zunehmend auf. "Um Zugang der Ehrengäste zu den Protokollveranstaltungen am Neumarkt zu gewährleisten, mussten Personen zurückgedrängt werden", twitterte die Polizei.
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Tag der Deutschen Einheit: Weltoffen oder fremdenfeindlich?

Foto: Jens Meyer/ AP

  • Der Weg zu den Veranstaltungsorten glich einem Spießrutenlauf. Die Frau des sächsischen Wirtschaftsministers Martin Dulig (SPD) brach in Tränen aus, als sie durch eine aufgebrachte Menge ging. Ein dunkelhäutiger Mann, der zum Gottesdienst in die Frauenkirche wollte, wurde mit Affenlauten und "Abschieben"-Rufen geschmäht.
  • Politiker und Gäste, die von der Frauenkirche zum 700 Meter entfernten Staatsakt in der Semperoper gelangen wollten, durften aus Sicherheitsgründen nicht zu Fuß gehen. Sie stiegen in einen Bus.

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  • Nach dem Ende des Festakts öffneten sich die Türen der Semperoper, erste Limousinen fuhren vor. Das Pfeifkonzert wurde prompt so laut, dass sich der Dirigent des zeitgleich auf einer Tribüne spielenden Bundespolizeiorchesters irritiert umdrehte.

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  • Pegida rief in der Nähe des Hauptbahnhofs zu einer Demo auf, unter den mehreren Tausend Teilnehmern waren zahlreiche Neonazis. Auf Transparenten wurde Merkel zum Rücktritt aufgefordert. "Frau Merkel, treten sie mit erhobenem Haupt zurück, bevor man sie endgültig in die Wüste zum Sandkörnerzählen schickt", hieß es wörtlich auf einem Plakat. Auf der Elbbrücke warben Gegendemonstranten für ein offenes und buntes Dresden.

Oft schien sich die Wut nicht gegen eine bestimmte Person zu richten. Hinter der Absperrung an der Semperoper zum Beispiel war auf die Entfernung nicht genau zu erkennen, wer aus dem Gebäude kam. Das störte die Demonstranten offensichtlich nicht, sie reagierten auf jede Bewegung mit pfeifen, Sprechchören, tröten.

Immer wieder stand Merkels Flüchtlingspolitik im Fokus. Auf die Frage, warum sie protestiere, zeigte eine Frau an der Semperoper wortlos auf ihre gelbe Umhängetasche, darauf ein Sticker mit einem durchgestrichenen Foto der Kanzlerin und der Aufschrift "Merkel ist nicht meine Kanzlerin". Dann sagte die Frau: "Die holt uns das Elend ins Land."

"Nur ein kleiner Schritt bis zur physischen Gewalt"

An anderer Stelle endeten Gesprächsversuche in Gebrüll. Auf Twitter kursiert ein Video der Grünen-Politikerin Claudia Roth, die in Dresden mit Demonstranten sprechen wollte. "Warum sagen Sie zu mir 'Hau ab'?", fragte sie. "Weil sie eine Hetzerin sind, weil sie die Vernichtung des Deutschen Volkes vorantreiben." Roth verließ unter Sprechchören die Szenerie.

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"Dieser offen gezeigte, organisierte und brutale Hass machte vor keiner Obszönität mehr Halt", sagte Roth nachmittags SPIEGEL ONLINE. "Es war nur ein kleiner Schritt bis hin zur physischen Gewalt." Bei den Einheitsfeiern in Dresden habe sich gezeigt, "dass wir ein echtes Demokratieproblem in diesem Land haben", in Teilen Deutschlands "kippt gerade etwas weg".

Schon bei den Einheitsfeiern 2015 in Frankfurt am Main war der politische Streit um die Flüchtlingskrise akut, damals stellte die CSU das Grundrecht auf Asyl infrage. Lautstarke, organisierte Proteste wie in Dresden gab es damals aber nicht. Das liegt sicherlich auch an der Wahl des Ortes: Hass gegen Flüchtlinge wird gerade in Sachsen offen und regelmäßig sichtbar - und die Stimmung wird immer radikaler.

Das beschreibt auch Yusuf Sengün, ehrenamtlicher Helfer in der Fatih-Moschee, die jüngst Ziel eines Sprengstoffanschlags wurde. "Es gab schon lange zerschlagene Scheiben, Schmierereien, verbrannte Koran-Bücher. Nun haben die Attacken eine andere Qualität erreicht", sagte er SPIEGEL ONLINE am Montag.

Die hassgetränkte Atmosphäre war so intensiv, dass Merkel noch vor Ort reagierte:

Video: Angela Merkel wünscht sich gegenseitigen Respekt und Akzeptanz

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Diejenigen, die die Kanzlerin mit ihren Worten meinte, dürften allerdings kaum zugehört haben.

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