Drogenbrennpunkt Kreuzberg Der Mut der Mütter

In den dunklen Ecken Kreuzbergs scheuchen türkische Frauen neuerdings Dealer auf. Die „Mütter ohne Grenzen“ wollen ihre Kinder vor dem Drogensumpf schützen, der sich im Kiez gefährlich ausbreitet.

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Aktive Hausfrauen: "Heute mein, morgen dein Kind"
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Aktive Hausfrauen: "Heute mein, morgen dein Kind"

Berlin - In einer Ecke Kreuzbergs, die ohne weiteres als "Klein-Istanbul" durchgehen könnte, treffen sich zehn Frauen nachts vor dem Gemischtwarenladen Smyrna. Sie zählen durch, stülpen sich weiße Kittel mit ihrer Aufschrift über und ziehen - jede bewaffnet mit einer Taschenlampe - schnell ab. "Wenn nicht wir - wer dann?" und "Heute mein, morgen dein Kind kann betroffen sein" steht auf ihren Überziehern. "Dealer raus!" Das ist ihr Motto.

Was bewegt ein Dutzend Mütter dazu, nachts mit Taschenlampen auf Dealersuche zu gehen? Drogenhandel ist in Großstädten nichts besonders, viele Menschen haben sich an den täglichen Wahnsinn gewöhnt - und gucken weg. Doch vor etwa fünf Wochen wollten eine Reihe türkischer Mütter nicht mehr wegsehen: Ein zwölfjähriger Junge aus der Nachbarschaft wurde mit einer großen Tüte voll "Gras" und ein paar Pillen in der Hand zugedröhnt von einigen Nachbarinnen erwischt. Es gab Tumult auf der Straße. Alle mischten sich ein in den Streit um die Frage, was zu tun sei mit diesem Knaben.

Ihnen wurde klar: es muss etwas geschehen in Kreuzberg. Die 42 jährige Sozialarbeiterin Güner Arkis gründete zusammen mit zwei Freunden eine Bürgerinitiative. Die Gruppe wuchs und man begann, Unterschriften zu sammeln. Schnell entwickelte sich ein Kampf um die ausgelegten Unterschriftenlisten, die die Jungs aus der Szene verschwinden ließen. Die Frauen erkannten: hier braucht es mehr. Und sie begannen sich nachts zu treffen, um den Dealern von Angesicht zu Angesicht Paroli zu bieten.

Immer mehr Kinder dealen

Die Wahrnehmungen der türkischen Mütter - benutzte Heroinspritzen auf Spielplätzen, zugedröhnte Junkies im Hausflur und immer mehr Jugendliche, die dealen - werden durch die Kriminalitätsstatistiken belegt: 2004 waren deutschlandweit knapp zehn Prozent aller Tatverdächtigen in Rauschgiftdelikte verwickelt. Rund fünf Prozent aller Krimineller waren Kinder, insgesamt 115 770. Auch die Berliner Zahlen bestätigen: Die so genannte "Jugenddelinquenz" bei Rauschgiftdelikten steigt. Waren es 1991 in Berlin noch 932 Tatverdächtige unter 21 Jahren, sind es 2003 bereits 3584 - fast viermal so viele. Gravierender noch ist die Entwicklung bei Kindern unter 14 Jahren: Seit 1991 ist die Zahl der tatverdächtigen Kinder in Berlin von sechs auf 78, um das 13fache, gestiegen.

Sonntagsaktion am Kottbusser Tor: Hausfraueninitiative statt behördliche Maßnahmen
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Die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen in Berlin ist in allen Altersgruppen überproportional hoch. Kein Wunder, möchte man fast meinen, bei einer Arbeitslosenquote von 52 Prozent unter den Berliner Türken. Zum schnellen und einfachen Geldverdienen bietet sich der Drogenhandel förmlich an. "Unser Kreuzberg ist zu einem Umschlagplatz für Drogen geworden. Man kann keine 100 Meter laufen, ohne alles Mögliche angeboten zu bekommen" erklären die "Mütter ohne Grenzen" einstimmig. Und da die Kleinen nicht strafmündig sind, werden sie gerne für die größeren Mengenlieferungen engagiert.

Gangster-Szene in Kreuzberg

Die Polizei kennt die "Pappenheimer" auch, erklärt Claudia Frank von der Pressestelle der Berliner Polizei. "Doch die Menge der beigefügten Drogen reicht oft nicht für einen Haftbefehl aus". Die "Mütter ohne Grenzen" lächeln nur, wenn sie solche Aussagen hören. "Uns wird immer gesagt, der ′behördliche Aufwand′ sei zu groß, um jeden Drogenhehler in Haft zu nehmen", regt sich Arkis auf. "Wenn wir die Polizei anrufen, kommen die entweder gar nicht oder erst nach Stunden." Dealende Jugendliche scheinen kein Notfall zu sein.

Bei ihrer Nachstreife erinnert alles ein wenig an Gangster-Filme aus Hollywood, wo afroamerikanische Jugendliche auf Basketball-Plätzen abhängen und Hip-Hop Musik aus Ghettoblastern hören. Die Damentruppe begegnet schon in der ersten dunklen Ecke hinter dem Sportplatz zwei auffälligen Jugendlichen. "Wir wollten nur frische Luft schnappen" sagen die Jungs auf Türkisch. "Und was wir hier machen, wisst ihr ja" antwortet eine der Frauen. Mehr passiert nicht. Mit zackigen Tempo ziehen sie weiter.

"Ihr links rum, wir rechts." Sie patrouillieren immer die gleiche Route: ein paar Hinterhöfe und dunkle Spielplätze. "Alles was wir tun ist, wir leuchten sie an und sagen ′Haut ab!′." Sie sagt "Aydinlatiyoruz" - das heißt auf Türkisch "anleuchten", aber auch "aufklären". Anzeigen wollen sie aber niemanden. "Wir haben so schon genug Probleme" erklärt Arkis.

Mit dem Leben des Sohnes bedroht

Sie kennen die Dealer und die Dealer kennen sie. Arkis wurde deswegen mit dem Leben ihres Sohnes bedroht. "Andere Frauen aus dem Kiez ließen mich wissen, dass man meinen Sohn bereits im Auge hätte", erzählt sie. Und was macht eine Mutter, wenn das Leben ihres Sohnes bedroht ist? "Ich kann nicht anders, ich muss weiter machen." Ihre Kinder sind auch schon erwachsen, erklärt sie. Um all die Kleinen in der Gegend müsse man sich viel mehr sorgen.

Mit dem Schritt in die Öffentlichkeit liefen der Initiative die Männer weg. "Als wir uns nachts zum ersten Mal trafen, waren plötzlich keine mehr dabei" bemerkt Arkis ein wenig bitter. Die Frauen erklären sich das so: Mütter haben, wenn es darauf ankommt, eben doch mehr Verantwortungsgefühl für ihre Kleinen, als die Väter. Als die Aktionen gefährlich und unangenehm wurden, sprangen die Männer ab. Vielleicht fürchten sie sich mehr vor der Missgunst der Szene, so die alleingelassenen Mütter.

 Logo zum Finanzieren: "Die Fledermaus ist wie wir, nachtaktiv."
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Logo zum Finanzieren: "Die Fledermaus ist wie wir, nachtaktiv."

Die ausgelegten Unterschriftenlisten, der Informationsstand am Kottbusser Tor, die Banner und Kleiderkittel - alles wird bei "Mütter ohne Grenzen" aus eigener Tasche finanziert. Um ein wenig Einnahmen zu machen, haben sie ein Logo entworfen und Buttons gemacht. Darauf ist eine Fledermaus gezeichnet. "Sie ist wie wir, nachtaktiv und blind, aber sie nimmt trotzdem alles in ihrer Umgebung wahr. Und ihr Lebensraum ist durch Menschenhand zerstört. Genau wie bei uns", sagt Günseli Boga.

Seit über 30 Jahren leben die Frauen in Kreuzberg und sie lieben ihren Kiez. "Aber manchmal haben wir das Gefühl, man überlässt uns uns selbst" sagt Arkis mit ernstem Gesicht. Immerhin scheinen sie selber erste Erfolge zu erzielen: "Die ersten Male sind uns mindestens 20, 25 Dealer begegnet, die wir kannten", erklärt Deniz Kilic. Diese Runde waren es nur noch drei.

Dass Bürgermeisterin Cornelia Reinauer meint, sie sorge sich um die mutigen Mütter, ändert nichts. Aus ihrer Sicht gibt es keine Alternative. "Ich bin nicht daran gewöhnt, Vater Staat zu vertrauen. In meiner Heimat sterben Menschen vor Hunger", trotzt Arkis. Also kämpfen sie weiter. Ohne die Polizei. Und ohne Männer.



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