Drogenkiez in Berlin Kreuzbergs Kotti unter Druck

Spritzen im Sandkasten, Blut im Treppenhaus, Junkies und Dealer vor der Tür - rund um das Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg wuchert das Drogenelend immer schlimmer. Die Anwohner schreien verzweifelt um Hilfe, die Behörden sind machtlos. Und mittendrin: Grünen-Chef Cem Özdemir.

Berlin - Die Berliner nennen ihn Kotti. Klingt liebevoll, irgendwie niedlich. Zu verniedlichen allerdings gibt es am Kottbusser Tor in Kreuzberg nichts: ein gigantischer Verkehrskreisel, von West nach Ost einmal durchschnitten vom Hochbahn-Viadukt der Linie 1, untergraben von den Schächten der U 8. Am Rande erhebt sich ein graues Betongebirge, aufgetürmt in den siebziger Jahren: das Neue Kreuzberger Zentrum, kurz NKZ, ein Kürzel, das nichts Gutes verheißt. "Burgghetto der Sozialfälle" wurde es einst tituliert. Die Kreuzung in seinem Schatten ist Berlins Unfallschwerpunkt Nummer eins - und der größte Drogenumschlagplatz der Stadt.

Anti-Drogen-Protest in Kreuzberg: "Burgghetto der Sozialfälle"

Anti-Drogen-Protest in Kreuzberg: "Burgghetto der Sozialfälle"

Foto: DDP

Die gefährlichen Straßen will man nun entschärfen. Doch noch sehnlicher wünschen sich die Menschen im Kotti-Kiez, dass endlich etwas gegen das Junkie- und Dealer-Elend unternommen wird, das sich vor ihrer Haustür täglich abspielt.

"Wir sind nicht das Arschloch von Berlin!" Unter diesem deftigen Titel hat eine jüngst gegründete Bürgerinitiative am Freitagabend zur Diskussion in den Kreuzberger Festsaal gerufen. In der zweiten Version der Einladung schwächten die Geschäftsleute und Anwohnern die Wut-Formel etwas ab, doch ihre Forderung an Politik und Behörden bleibt deutlich: "Drogen weg vom Kottbusser Tor."

Fixerstube in Özdemirs Haus?

Als Moderator fürs Podium gewann die Initiative Cem Özdemir. Der Bundesvorsitzende der Grünen zögerte lange, bevor er zusagte. Denn Özdemir, der eigentlich nur vermitteln wollte, hängt inzwischen mittendrin im Streit über die Suchtszene. Nicht nur, weil der 43-Jährige mit Frau und Tochter ein paar Meter vom Kottbusser Tor entfernt lebt. Der Politiker hätte die Junkies womöglich bald selbst unterm Dach gehabt: Ausgerechnet in seinem Wohnhaus will der Bezirk einen neuen Drogenkonsumraum, im Volksmund Fixerstube, einrichten.

So zumindest stellt es sich der Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz, vor. Auch er ein Grüner.

Schulz glaubt, im Erdgeschoss des Gebäudes an der Kottbusser Straße, den "idealen Raum" gefunden zu haben, damit die Abhängigen sich unter hygienischen Bedingungen und ärztlicher Aufsicht einen Schuss setzen können. Denn der alte Druckraum in der nahen Dresdener Straße muss nach der Kündigung des Vermieters zum 31. März schließen.

Und in Özdemirs Haus wird genau dann ein Raum frei. Noch ist hier ein kurdisches Café beheimatet, mit angeschlossener Moschee im ersten Stock. Sie müssen ausziehen, nach Klagen der Bewohner, die sich über den andauernden Gebetslärm und das radikale Publikum der PKK-nahen Einrichtung beschwerten.

Und nun sollen die Fixer kommen? Bürgermeister Schulz hat ziemlich unverhohlen klargemacht, dass er von grünen Parteimitgliedern durchaus erwarte zu prüfen, ob ein Druckraum in ihrem Umfeld vorstellbar sei. Schließlich haben solche Einrichtungen in der Drogenpolitik der Partei ihren Platz. Schulz habe Özdemirs Wohnhaus ganz gezielt vorgeschlagen, raunt man sich zu, weil erst die Aktivitäten der Bürgerinitiative zur Kündigung des bisherigen Fixerraums geführt hätten. Und weil in der Initiative auch Grüne mitmachen.

Drogenprobleme seit drei Jahrzehnten

Die Bewohner jedenfalls mussten aus der Presse von den Plänen erfahren, bevor überhaupt die offizielle Anfrage bei ihnen landete. Ein Aufschrei ging durchs Haus, viele Familien mit Kindern wohnen hier. "Draußen auf dem Hof ist ein Spielplatz. Wenn hier eine Fixerstube reinkommt, kommen auch die Dealer", empörte sich eine junge Frau in der "B.Z.".

Einige hundert Meter entfernt betreut der Verein Fixpunkt im derzeitigen Kreuzberger Druckraum jeden Nachmittag etwa 60 Süchtige. "Die Akzeptanz im Haus und bei den Nachbarn war eigentlich immer gut", sagt die stellvertretende Projektleiterin Kerstin Dettmer. Die Kündigung kam daher überraschend, auch wenn sich das Verhältnis in den vergangenen Monaten etwas verschlechtert habe - vor allem, weil sich die Situation am Kottbusser Tor insgesamt verschärft.

Drogen aller Art werden am Kotti schon seit Jahrzehnten verkauft und konsumiert. Doch für viele war es gefühlt noch nie so schlimm wie heute. Seit ein bei der Szene beliebtes Parkhaus geschlossen ist, drängen wieder mehr Junkies auf die Straße. Die Menschen im Kiez bekommen das zu spüren. In Treppenhäusern, Hinterhöfen und auf Kinderspielplätzen finden sie immer wieder gebrauchte Spritzen und blutverschmierte Taschentücher, zugedröhnte Fixer und Dealer lungern herum. Das will auch im sonst so toleranten Kreuzberg niemand, schon gar nicht vor der eigenen Haustür.

Anwohner wollen Sicherheit, Szene fürchtet Vertreibung

Ihrem Ärger machen die Kreuzberger am Freitagabend Luft, rund 250 sind in den Festsaal gekommen. Ercan Yasaroglu, 50, Sozialarbeiter und Sprecher der Bürgerinitiative vom Kottbusser Tor, berichtet von Dealern, die Bewohner bedroht und angegriffen hätten, er spricht von einer "Angst- und Gewaltspirale", die am Ende zur Selbstjustiz führen könnte. "Wir trauen uns kaum, unsere Kinder allein auf die Straße zu lassen", sagt eine Mutter. Mehrere türkischstämmige Anwohner glauben, die Stadt dränge die Drogenszene absichtlich ins Viertel, weil hier viele Ausländer lebten. "Es macht keinen Spaß mehr, in Kreuzberg zu leben", sagt eine Frau.

Doch die Meinungen prallen zum Teil lautstark aufeinander. Viele junge Leute wittern hinter der Offensive der Bürger eine Vertreibung nicht nur der Süchtigen, sondern die Gentrifizierung, die Yuppisierung ihres ganzen Quartiers. Sie halten Plakate mit dem Motto ihrer Kampagne hoch: "Wir bleiben alle." Schon bei der ersten Demo der Initiative vor einer Woche kamen sie zum Gegenprotest und riefen: "Junkies bleiben, Yuppies vertreiben!" Die Anwohner kontern: "Wir sind keine Yuppies. Wir wohnen schon seit 30 Jahren hier. Wir wollen nur Sicherheit, das ist unser Recht." "Sicherheit kostet Freiheit", schallt es zurück.

Es gibt ein Problem, das wissen auf dem Podium alle, spätestens seit diesem Abend. "Die friedliche Koexistenz von Bürgern und Süchtigen funktioniert nicht mehr", sagt Bezirksbürgermeister Schulz.

Was tun? Miteinander reden, das ist wichtig, ist man sich einig. Doch da kann diese Diskussion nur der Anfang sein. Es ist ein langer Prozess, für den es viel Kraft braucht, Kraft und Verständnis für die Sorgen der Anwohner - und die der Drogenkranken.

Schwierige Suche nach dem Druckraum

Ein erster Schritt: Wenn die alte Fixerstube dicht macht, muss eine neue her, in der gleichen Gegend, größer, mit längeren Öffnungszeiten, am besten rund um die Uhr. Ob nun der grüne Altlinke Hans-Christian Ströbele, der örtliche SPD-Bundestagskandidat Björn Böhning, der FDP-Bundestagsabgeordnete Markus Löhning oder Bürgermeister Schulz, alle glauben, dass der Drogenkonsumraum zumindest ein wenig den Druck von der Straße nimmt.

Doch die Lösung im Hause Özdemir kommt wohl nicht mehr in Frage. "Das geht nur im Einvernehmen mit den Anwohnern", sieht auch Schulz inzwischen ein. "Insofern ist diese Alternative vom Tisch." Nun laufen nach Worten des Grünen-Politikers noch einige Anfragen im Umfeld des Kottbusser Tors, allerdings "keine erfolgversprechenden", wie er glaubt.

Die Atmosphäre rund um die Drogenproblematik sei derzeit zu aufgeheizt, sagt der Bezirksstadtrat für Gesundheit, Knut-Mildner-Spindler (Linke). "Da können wir mit einem Karren Gold durch Kreuzberg laufen, niemand wird uns einen Druckraum vermieten."

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